Sattel die Elche, Wilhelm!

Gefährliche Orte XXXII: Im Rathaus Schöneberg traf sich die Landsmannschaft Ostpreußen, um ihr fünfzigjähriges Bestehen zu feiern

Endlich mal wieder Vertriebene gucken! Zwar bedeutete das wie üblich früh aufstehen, dennoch war ich sehr gespannt auf das fünfzigjährige Jubiläum der Landsmannschaft Ostpreußen am vergangenen Samstag. Eigentlich wurde sie ja am 3. Oktober 1948 gegründet, doch ist dieser Termin inzwischen leider anderweitig von der deutschen Geschichte eingenommen worden. Ganz im Gegensatz zu Polen, aber das nur am Rande. Obwohl an der kulturellen und ökonomischen Einnahme des östlichen Nachbarstaates emsig geackert wird. Aber zumindest liegt das Rathaus Schöneberg ja in der historischen Reichshauptstadt.

Lange hatte ich sie nicht mehr gesehen, die Ostpreußen. Das letzte Mal bei ihrem Deutschlandtreffen im vergangenen Jahr in Düsseldorf. Seinerzeit wurde das Kamerateam des ZDF-Magazins Kennzeichen D attackiert, weil es sich erdreistet hatte, die Junge Landsmannschaft Ostpreußen beim Absingen aller drei Strophen des Deutschlandliedes zu filmen. Nicht schön, das Ganze.

Nicht schön sind übrigens auch die ostpreußischen Trachten, was mir unmittelbar vor Augen geführt wurde, als mir eine Trachtenträgerin wie eine Elchin auf den Fuß trampelte. Allerdings können die Elche an sich nicht dafür zur Verantwortung gezogen werden, daß sie bzw. ihre Schaufel als geschütztes Warenzeichen zum Symbol der Landsmannschaft geworden sind. Denn eigentlich sind das ganz liebe Tiere.

Man mag sich kaum vorstellen, wie es aussieht, wenn die vermeintlichen Ostpreußinnen und Ostpreußen sich zwischen den Elchen im "Land der dunklen Wälder und kristall'nen Seen" (so das "Ostpreußenlied") tummeln würden. Neben den anderen von der Landsmannschaft als "ostpreußische Persönlichkeiten" Vereinnahmten wie Immanuel Kant oder Käthe Kollwitz. Obwohl die sich natürlich nicht mehr tummeln können.

Nicht auszudenken, wenn dann auch noch "Mutter Ostpreußen" unter ihnen weilen würde! Diesen Namen hat sich Agnes Miegel, eine Literatin, auf die der Verband nichts kommen läßt, in ihrer langen Schaffensperiode redlich verdient. Unter anderem dadurch, daß sie an die NS-Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink geschrieben hatte: "Daß Du, Mutter, es fühltest, auch wir sind Mütter, / Glühend danach, für das Leben des Volkes zu leben, / Uns zu verströmen dafür und freudig zu dienen / In dem Werke, das Du für uns alle gefügt hast!"

Wilhelm von Gottberg, der Sprecher der Landsmannschaft, sieht nun wieder gar nicht aus wie ein Elch. Obwohl er sich im Kostüm des historischen Ostlandritters sicher gut machen würde. Anstelle eines Pferdes könnte er sich zwecks Landnahme ja auch auf einen Elch schwingen. Das wäre weder historisch noch politisch gewagt.

Der Sprecher der ostpreußischen Elchzunft ging in seiner Rede zunächst auf das Problem ein, daß die "Brückenbauer" zwischen dem Osten und dem Westen Europas, "aus der Öffentlichkeit" "vertrieben" würden. Was für "Brückenbauer"? Ich kenne Brückenbaupanzer. Und Panzersoldaten wie z.B. seinen Sohn, den stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Jung-Ostpreußen, Elard von Gottberg. Aber an den kann sein Vater ja wohl nicht gedacht haben.

Natürlich waren die Vertriebenen gemeint. Seltsam eigentlich, denn so recht aus der Öffentlichkeit vertrieben sind sie wahrlich nicht. Und als Sprecher hätte das von Gottberg eigentlich auch wissen müssen. Stand doch im aktuellen Ostpreußenblatt, daß der Freistaat Bayern ein "zentrales Denkmal für Flucht und Vertreibung" errichten will.

Auch sonst krankt die Behauptung an Mängeln in der Empirie. Neben den zahlreichen Grußbotschaften, die unter anderem von Bundesinnenminister Manfred Kanther und von Berlins Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen eingingen, gab es noch weitere Hinweise, die gegen die Vertreibung der Vertriebenen aus der Öffentlichkeit sprechen. Wenn er der bayrischen Staatsministerin für Bundesangelegenheiten, Ursula Männle, bei ihrer Ansprache im Schöneberger Rathaus zugehört hätte, dann hätte es auch von Gottberg gewußt. Erzählte doch die Frau Staatsministerin in ihrer Rede, daß die Landsmannschaft Ostpreußen vom Freistaat im Jahr mehr als 300 000 Mark bekommt. Zuzüglich zu der fast halben Million Mark aus Bundesmitteln jährlich.

Ich zweifelte noch, ob ich meine Tränen bezüglich dieser Beinahevertreibung noch zurückhalten sollte, da war auch schon René Nehring mit seinem "Wort der Jugend" an der Reihe. Der Bundesvorsitzende der Jungen Landsmannschaft proklamierte als "Hauptziel der Vertriebenen" die "Rückkehr in die Heimat". Dies sei "nach wie vor" so. Tosender Applaus war ihm gewiß. Der junge Berliner erklärte auch, wie er sich denn diese "Rückkehr" unter den aktuellen Bedingungen vorstellt: Die Ostpreußen würden den EU-Beitritt Polens grundsätzlich befürworten, aber bei Aufnahme auch die "Wertenormen" einklagen. Wertenormen meint erstens "Achtung der Eigentumsrechte" und zweitens Gewähr der "europäische Niederlassungsfreiheit". "Ostpreußen ist ein weites Land", in dem genug Platz für "beide Völker" sei. Gemeint sind Polen und Deutsche.

Ach ja, genug Platz für alle ... Vielleicht wären die Landsmänninnen und Landsmänner dann auch so gut, mir ein Häuschen am Meer zu reservieren? Aber vermutlich gibt es auch hier wieder einen Haken.

Die "Rückkehr in unsere Heimat Ostpreußen" sei ihnen bis heute versagt geblieben, weiß nun wieder Wilhelm von Gottberg zu erzählen. Es ist kaum zu glauben, wie oft der CDU-Politiker bei dieser Festveranstaltung ans Mikrofon kommt. Irgendwann habe ich nicht mehr mitgezählt. Vielleicht hat die anwesende Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, von Gottberg dafür das Küßchen gegeben?

Immerhin weiß ich dank seiner nun endlich, daß unser Kanzler noch nie in Kaliningrad gewesen ist. Und sich deshalb auch nicht dafür einsetzt, daß die Visumspflicht für Reisen dorthin aufgehoben wird. Oder so ähnlich. Damit das "Menschenrecht auf die Heimat" für die "Deutschen und ihre Nachkommen realisiert" werden kann. Ach so. Und was passiert mit den Menschen, die jetzt dort leben? Wenn "Eigentumserwerb und ungehinderte Ein- und Ausreise" nach Rußland für die "Vertriebenen" "selbstverständlich" geworden ist, es "zweisprachige Ortsschilder" in Polen gibt und eine "staatlich geförderte Volksgruppenautonomie für Deutsche" eine "Pflichtaufgabe" in den Staaten geworden ist, in denen Deutsche als "Volksgruppe vorhanden sind" - was bleibt dann für Polen, Tschechen und Russen noch zu tun? Von Gottberg: "Wir warten schon lange auf eine offizielle Bitte um Vergebung durch Polen, Tschechien und Rußland für die völkermordartigen Vertreibungsverbrechen."

Ich glaube, ich möchte doch kein Häuschen in Ostpreußen. Denn wenn die Zeiten so sind, daß es Ostpreußen wieder gibt, dann steht es für diejenigen schlecht, die nicht als Deutsche gelten. Während ich das Rathaus verlasse, scheinen die mit Bernsteinschmuck behängten Ostpreußinnen und Ostpreußen anderes im Sinn zu haben: Bier und Brezeln.

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