Zuckerbabys: Ein wütendes Pamphlet gegen die Casting-Gesellschaft. Ein Abgesang auf die Magersuchtsära. Eine zärtliche Geschichte über Liebe und Freundschaft. Oder ist es eine zärtliche Geschichte über die Casting-Gesellschaft? Ein Gesang auf die Magersuchtsära? Ein wütendes Pamphlet gegen Liebe und Freundschaft?
Elan
Ich lebe so viel, wenn ich singe.
Als ich in der Gesangsstunde ankomme, das windzersauste Haar noch schnell am Garderobenspiegel zurechtgezupft, höre ich mein Herz schon wieder lauter als das Klavier, zu dem ich singen soll.
»Eins, zwei, drei, vier.«
Sie schnippt mit den Fingern, und ich finde es überhaupt nicht albern. Früher fand ich es immer albern, wenn einer mit den Fingern schnippt und ein anderer dann anfängt, im Takt dazu zu singen – ein Lied womöglich, das einem gar nichts bedeutet, ein Lied, das man nur aus dem Radio kennt, das sich einfach mitsingen lässt. Von den Corrs vielleicht, eines, dessen Text What can I do to make you love me lautet. Oder eine ähnlich seichte Nummer.
Jetzt bin ich schon wieder am Ende des Refrains angelangt, am Ende meines Atems, und völlig einverstanden. Die Playback-Musik läuft einfach weiter.
Es gibt so vieles, auf das ich achten muss, dass ich auf nichts mehr achte. Nur frei sein irgendwie, den Ton vorbringen, als wäre das kleine Hinterhoffenster da vorne mein Tor.
There’s only so much I can take. And I just got to let it go.
»Super«, ruft die Gesangslehrerin und schnippt weiter mit den Fingern.
Immer wenn Jule »super« ruft, krieg’ ich’s danach nicht mehr hin.
Weil ich mich dann so freue und anstrenge und wieder an die Technik denken muss. Dabei darf man im Zustand akuter Freude gar nicht an die Technik denken, man muss irgendwie automatisch weiter … jetzt kommt die Zeile, die höher gehört als alle anderen:
And who knows I might feel better, yeah.
If I don’t try and I don’t hope, wieder tiefer.
»Super.«
Langsam glaube ich ihr.
Das And who knows I might feel better, yeah wollte so hell aus mir heraus, dass ich richtig erschrocken bin.
War ich das? Habe ich den Song da ganz allein aus seiner dunklen Tonfarbe gerissen und ihm ein Lichtlein beigemischt? Man hat es dem Lied förmlich angehört: Es geht ihm besser an dieser Stelle, yeah.
What can I do to make you love me?
What can I do to make you care?
Wahrscheinlich soll ich durchsingen. Sie hat mich noch nicht unterbrochen, macht nur ab und zu ein Victory-Zeichen mit der Hand, um ihr »Super« noch zu steigern. Sie ist natürlich auch nicht von hier. Nur Leute aus dem Süden kommen auf die Idee, ein »Super« zu steigern.
Because the power is not mine
I’m just going to let it fly
In dem Lied geht es, glaube ich, darum, dass man gar nichts machen kann in der Liebe und es einfach geschehen lassen muss.
Eigentlich schön. Braucht man sich auch nicht mehr aufzuregen oder zu beeilen.
Ich will daran glauben. Alles ist einfach, yeah!
Auch der Umzug am Freitag. Sogar die zwanzig Stunden Arbeit in der Comic-Agentur. Das lässt sich doch ganz leicht an drei Tagen erledigen und mir bleibt noch genug Zeit für meine eigenen Comics. Das more von no more waiting macht jetzt einen Bogen, bis man ihm die Vergeblichkeit anhört, wie oft man schon gewartet hat. Dabei gibt es nichts zu warten: Ich mache auch einen Bogen mit meinen Händen.
Love me. Love me. Looooove me. Love me.
Und ich glaub’, das Singen könnt’ mir wichtiger werden als alles andere.
Auf dem Bildschirm, von dem ich den Text ablese, steht »Ende«.
Jule applaudiert: »Das hattest du aber schnell drauf. Ich bin richtig stolz auf dich.«
»Kein Wunder, bei so einer guten Gesangslehrerin.«
Sie lacht, als wäre das nichts.
»Da machen wir jetzt gar nicht mehr viel. Da fangen wir gleich ein neues Lied an. Schlag du mal was vor.«
Hilfe! Ich will nichts vorschlagen. Nervös trinke ich einen Schluck Wasser.
»Na komm, irgendwas.«
Die Zeit läuft.
»Madonna«, höre ich mich sagen.
Jules Handy klingelt.
»Moment bitte, sorry.« Sie geht in den hinteren Teil des Raumes und spricht ins Telefon.
Ich bin allein mit mir und meinem Wunsch.
Das ist gemein.
Jule kommt zurück und klatscht in die Hände: »Ganz wichtig bei Madonna – sie wechselt ständig die Tonlage. Du musst also sehen, dass du immer genug Luft hast, um die Bögen zu kriegen. Von der Kopfstimme in die Brust wechseln und zurück.«
Wir nehmen etwas Langsames. »Live to tell« versprüht seine Weisheit im Raum. Auf dem Bildschirm füllt sich Buchstabe um Buchstabe mit roter Farbe.
Mein Engel und ich singen gemeinsam:
I have a tale to tell
sometimes it gets so hard to hide it well
I was not ready for the fall
too blind to see the writing on the wall.
Ich muss sparsamer mit der Luft umgehen. Schon nach einer Zeile zittert meine Stimme wie verrückt. Wenn mein Gesang ein Comic-Strip wäre, dann würde jetzt Farbe in alle Richtungen spritzen.
»Super«, sagt der Engel.
Dieses Mal glaube ich ihm nicht. Aber das macht nichts.
Dann der Heimweg. Endlich mal singend durch die Straßen laufen. Love me. Love me. Loooove me. Noch bin ich davon überzeugt, dass ich es kann. Die huschenden Mütter mit den tobenden Kindern an der Hand, die Supermarktgeplagten mit den Einkaufstaschen voller Wochenende. Keiner ist mir böse. Keiner beachtet mich und meinen Traum. Zwanzig Minuten, in denen ich ganz vergesse, dass Sängerin ja nur werden darf, wer bereit ist, sich blöde zu hungern. Schon mischt sich etwas düsterer Abend in das Tageslicht ein. Die Kinderstimmen werden schriller, als wollten sie mich an meine eigene unerlaubt schrille Kinderstimme erinnern.
*
Der Nachmittag ist außer Puste. Er lässt einem gar keine Luft zum Atmen. Die Plastiktüten sind so voll und ziehen in den Rücken. Wenn man keine eigene Waschmaschine hat, will man immer zu viel auf einmal waschen. Aus der Ferne kommt ein böses Grollen. Ich gehe schneller. Jetzt machen gleich die Hände schlapp. Aber das Gewitter ist die größere Gefahr. Dieser Nachmittag darf nicht sein. Er kommt so von früher. Und Staub liegt auf der Straße wie Watte.
Vielleicht ist heute gar nicht heute, sondern ein früherer Tag.
Vielleicht ist heute der Tag, an dem die Welt erschaffen wurde?
Die ersten Regentropfen platschen wie Vogelscheiße auf meine Haare. Ob andere sich auf dem Weg in den Waschsalon auch immer so arm fühlen? Es ist ja nicht nur wegen der wenig vornehmen Lidl-Tüten. Ich verwünsche vor allem das bissige Wollkleid, das sich heiß und fett um meine Taille schlängelt, als wolle es sich dafür rächen, dass ich es unter normalen Umständen niemals ausgeführt hätte. Am liebsten würde ich es auf der Stelle wieder ausziehen und in einen Abfallbehälter am Straßenrand werfen. Ach, könnte man sich überflüssiges Fett doch einfach vom Leibe reißen!
Der Waschsalon grüßt wie ein überdimensionales Toilettenhäuschen. Ich rolle die Tüten von den Händen und schaue automatisch nach oben zu den Fernsehern. Oh, das »Beautiful«-Video von Christina Aguilera! Inmitten all der Gestrandeten sticht ihre Schönheit wie eine aufgehende Morgensonne ins Herz. Dieses Haar aus Meer und Weizen. Und ein Milch-und-Honig-Teint. Hach, zum dahinschmelzen. Und trotzdem hat sie noch ein knödelndes Maß an Mitgefühl für die Hässlichen und Schwächlichen dieser Welt übrig. Hätte sie sich sonst einen ganzen Außenseiter-Park ins Video geholt? Die Bilder von den ausgemergelten Mädchen und den traurigen Transvestiten machen mich ganz kribbelig. Danke Christina, dass du uns erzählst, wir wären alle gleich schön.
Maschine 1, 2 und 3 sind noch frei, automatisch trenne ich die 95- von der 30-Grad-Wäsche und ertappe mich dabei, wie ich ein paar Zeilen mitsinge:
You are beautiful, no matter what they say … so don’t you bring me down today.
Noch die 10 Cent für den Weichspüler dazu, und ich drücke das schlangenähnliche Start-Symbol. Das Wasser springt mit einem kleinen Seufzer der Erleichterung los – verdammte Bildersucht, ich schau’ schon wieder streng nach oben. Da läuft immer noch der »Beautiful«-Schocker. Eigentlich schön, dass Christina in einem großen, kahlen Raum sitzt. Die grünbraun abgebröckelten Tapeten – wie in einem dieser sanierten Apartments, die man unten am Hafen für viel Geld mieten kann. Und sie gurrt die Töne aus sich raus, als ob sie selbst ganz viel Raum und Hafen gebraucht hätte, um so Aura zu werden, wie sie heute ist. Warum schüttelt sie jetzt so nachdenklich den Kopf? Stimmt was nicht? Ach, verdammt, soll die blöde Kuh doch den Kopf schütteln. Ist ja wahrscheinlich auch nur eine dieser modischen Grinsebacken, die einen früher in der Wirtschaftsschule immer mit Schminktipps belästigt haben: »Wie kann man nur mit so einer ungesunden Gesichtsfarbe herumlaufen? Wenn ich so blass wäre wie die, würde ich doch wenigstens Make-up benutzen. Hier, probier mal!«
Genau genommen hat es mit Make-up auch wirklich immer besser ausgesehen.
When I wake up in my Make-up. Ich komme immer mehr dahinter, dass die Kopfschüttler von der Wirtschaftsschule Recht hatten. Muss mir ja nur die Kollegen in der Agentur anschauen, wie sie kunstlichtgestresst an ihren Computerburgen sitzen – und noch ein Bild und noch ein Bild und noch eins bearbeiten. Da macht es doch Sinn, sich demnächst auch mal die übernächtigten Augenringe wegzuschminken, sie gar mit Augentrostextrakt zu beruhigen oder mit lauwarmem Kornblumentee – wie man das immer in den Frauenzeitschriften liest. Das wär’s doch: mal ohne Augenringe durch die Wildnis zu schwirren.
Die Videos leuchten schon wieder, als wären sie aus bunten Badezusatzkügelchen gemacht. Und alle Menschen haben schöne große Augen und schöne große Münder. »Und wenn ihr euer Leben gerade nicht im Griff habt, lasst den Kopf nicht hängen. Ihr wisst doch: Kommt Zeit, kommt Rat«, sagt die kleine, drahtige Moderatorin. Ha! Noch zwanzig Minuten. Die Kleider schleudern schon. Da packt mich die Vorfreude, wie neu die Sachen alle sein werden. Dann schmeiße ich sie zurück in die Tüten und mache, dass ich rauskomme. Das Gewitter hat sich auch verzogen.
*
»Werd’ mich mal ’n bisschen hier umschauen. Bis gleich.«
Gleichgültig wie die Grashalme nicken sie im aufkommenden Wind. Sie sitzen auf der Blumenwiese, »Betreten verboten«, im Schneidersitz, oder sie werfen ihre nacktgecremten Beine träge dem Himmel entgegen, als hätten ihre Malerfreunde ein Stillleben der Freiheit gezeichnet.
Ich erhebe mich betont langsam und nehme mir sogar die Zeit, das kleine grüne Tierchen, das über meine weißgoldene Hose krabbelt, zwischen den Fingern zu zerquetschen. Also dann. Ich lächle noch mal in die Runde. Die schwüle Augusthitze macht uns ein Angebot: Sie breitet ihr altes weises Schweigen aus. Die Runde lächelt zurück. Ich hasse sie. Ich gehe.
Ein paar Meter weiter sind die Bewegungen schon wieder frei.
Ich fange an zu rennen. Hechte rüber zur steinkalten Burgruine, während der Boden, fein und heiß, unter mir verbrennt. Mein Kopf lärmt wie ein Flugzeug über mir. Oder ist es ein Gewitter? Der Himmel hat eine leuchtend graue Wolkendecke über mich und meine Burgruine geworfen. Hinten, wo die Mädchen sitzen, herrscht hingegen noch eitel Sonnenschein. »Bis gleich« war durchaus nicht ernst gemeint.
Dabei sind wir Kolleginnen, ab heute. Wir teilen uns den Freundinnenkummer. Wir sind die auserwählten Bräute schon großer Künstler. Wir teilen uns Anti-Aging-Sonnencreme für helle Haut, erflüstern unsere Schlafzimmergeheimnisse. Wir teilen uns das Knäckebrot.
Mit dem Rücken an der kalten Burg schaue ich hinunter ins Tal. Wie winzige Computer-Pixel drehen sich Kinder auf Tretrollern in Kreisen. Ihre hellen Stimmen hört man bis hier oben.
Wo ist eigentlich Johnny? Wieso weiß er nicht, dass ich ihn brauche, irgendwie. Ich fühle mich so unendlich gedemütigt von der Esserei hier oben. Ich habe mich nämlich zu spät am Knäckebrot beteiligt und vorher noch einen Käsekuchen gegessen.
»Schaut«, habe ich gerufen, benommen vom Glühen des Tages, »ich verzichte auf die Cremetorte und nehme lieber ein Stück von dem leichten Kuchen.« Verlegenes Gehüstel. Dass ich beinahe am Teller kleben geblieben bin. Mich nicht mehr getraut habe aufzuschauen, in diese entrückten Augenpaare voll geheimnisvoller Strahlung ringsum. Diese Mädchen haben so eine Ausstrahlung, unfassbar. Wie Heilige aus China. Aber der Teller sah schön aus. Fast auch chinesisch, mit den süßen Kindersymbolen. Dann erst sah ich das Knäckebrot. Geschützt lag es in seiner Packung auf dem Boden und wurde verspeist wie Tütenchips. Bis sich ein einziges verbotenes Krachen und Knistern durch das eherne Burggelände zog.
Jetzt kann ich meinen Blick nicht wenden von den Kindern unten im Dorf. Ich möchte in ihre Körper passen, in ihre Schuhe schlüpfen. Ich möchte auf leisen Sohlen ihre Runden drehen und eine beschützende Liebe erfahren. Etwas, vielleicht Angst, würgt meine Kehle. Kann man ersticken von zu viel heißer Luft? Beklommen blicke ich den Steilhang herab. Wenn ein Gewitter kommt? Muss ich dann allein nach Haus gehen? Wie soll ich überhaupt jemals wieder runterkommen von dieser Scheißburg, die wir in der luftlosesten Hitze des Tages erklettert haben, nur weil der blöde Dennis Kiefer Geburtstag hat. All die steilen Gebirgshänge und Treppen. Und ich dachte immer, die Avantgarde schwört auf natürliche Blässe. Ha. Ich hasse uns.
Wenn ich nur wüsste, wie die Ausstrahlung dieser Mädchen zustande kommt! Es sind ja nicht nur die Magerkörper … oder doch? Ich muss logisch denken. Logisch denken hilft. Also: Das, was es ist, herausfinden. So.
Ich klettere ins Innere des Turms. Es ist kirchenkühl und ich zittere. Nur der Jasmin-Duft von draußen beruhigt mich. Vielleicht, was so ein Magerkörper aus einem Mädchen macht?
Ist es eigentlich der schiere Hunger, der dieses unglaubliche, wie von allen irdischen Sorgen befreite, anmutige Schweben auslöst? Der sie so ganz sexy Abstand halten lässt? Sie leben doch nur für ihre tollen Künstlerfreunde, aber es wirkt nie so, als würden sie die bewundern, oder gar bedienen. Während ich Idiot natürlich schon wieder viel zu viel mit Johnny über seine neuen Aufnahmen geredet habe. Wofür esse ich eigentlich seit Wochen nur die 1 000 bis 1 500 Kalorien, wenn die anderen immer noch drei Dekaden dünner und raffnierter sind? Kann man sich sein Interesse an der Welt eigentlich weghungern?
Ich kann gar nicht mehr aufhören, wütende Fragen zu denken. Lässt sich infolgedessen auch die Teilnahme am Reichtum der Welt weghungern? Tausche Wahlrecht gegen das Recht auf freie Nahrungsäußerung! Was nutzen mir die Rechte auf Papier, wenn sie nicht auf Hochglanz passen?
Aber es bringt nichts. Wut bringt gar nichts. Jetzt mal ehrlich, Sonja. Du willst doch einfach nur so sein wie die, oder? Ja, ich will so sein wie diese idiotischen Freundinnen. Auch wenn sie nie etwas auf die Reihe kriegen und sich immer nur über ihre Typen definieren und noch nie in ihrem Leben ein gescheites Buch zu Ende gelesen haben. Mit ihren entrückten Augen und der ganzen Harmlostuerei. Und ich möchte, dass Johnny zu mir hält. Wo ist er überhaupt?
Ich laufe wieder an den Gänseblümchen vorbei. Sie sind so hoch. Vielleicht sind das nur die, die so aussehen wie Gänseblümchen, aber einen anderen Namen haben. Margeriten? Mitten unter ihnen steht ein krummer Baum, wie ein dösender Hund in einer Schafsherde.
Ich will weniger sehen und mehr fühlen. Ich will meinen Geist vorausschicken ins unendliche Nichts und den Körper sanft auf einem harten Schwanz kreisen lassen. Eine blass schimmernde Lichtgestalt. Ein sphärischer Schlafwandler, auch und gerade am Tag. Auf diesen Turm will ich steigen und mein Fastenlicht herabstrahlen. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Amen.
Da renne ich zurück zu der komischen Groupie-Wiese. Die kleine Versammlung der Nichtstuerinnen hat sich aufgelöst. Johnny steht am hinteren Ende des Parks, aufgeräumt wie die Rasenfläche zu seinen Füßen, so ganz bei sich und trotzdem verwilderte Aura. Er diskutiert noch immer mit den anderen Jungs, wahrscheinlich sind sie schon wieder bei Politik und so. Er ist Pater Ralph aus den Dornenvögeln, ich bin Maggie, und wir haben nur eine Woche Zeit für die große Liebe. Oder, noch schlimmer: Ich bin die dicke Maggie aus den Love & Rockets-Comics. Unter all den feinen Schönheiten wird mein Glück niemals von fester Dauer sein.
Uh, oh. Uh, oh. Auf keinen Fall werde ich jetzt auf ihn zustürmen, kumpelhaft, von hinten, ihm die Augen zuhalten, »rate mal, wer« rufen. So was machen nur dicke Maggies aus schwarzweißen Comicheften mit viel zu bunten Einbänden.
Suzi taucht neben mir auf. Lächelt. Ich lächle zurück. Man versteht sich so ganz gut unter Schlossgespenstern.
Dann drücke ich die Nummer, die ich fest in mein Handy eingemeißelt habe. Der Gesangsengel meldet sich und ich mache schnell die Unterrichtstermine für die nächsten drei Wochen klar.
*
Back to life, back to reality. Zurück in Hamburg schöpft die Saison neuen Atem – in den Kaufhäusern und Boutiquen an der Mönckebergstraße gibt es jetzt noch schönere, noch unwiderstehlichere Kleider. Enge Tops, Miniskirts, total übermütige und lebende Farben, geile Verzierungen, Blumen und Herzchen überall. Dass einem schon beim bloßen Hinsehen blumig ums Herz wird und eng um die Taille. Meine Fingerkuppen berühren die schmalen Rippen eines trägerlosen Shirts. Auf rotem Polyester schwingt ein schwarzer Schmetterling seine Flügel.
Da vernehme ich plötzlich, wie von weit her und doch so nah, eine liebliche Stimme. Das schmale Schmetterlings-Top: Es spricht zu mir. Ein leises und beherrschtes Säuseln. Ich spitze die Ohren, um alles genau mitzubekommen: Salbungsvolle Eingebungen. Zauberformeln. Alles ist ganz einfach.
Zur Feier des Tages beschließe ich, endlich mit dem Essen aufzuhören.
*
In Cafés darf man einen Milchkaffee bestellen. Die Kellnerin nickt und nimmt die Bestellung entgegen. Man will ihr zurufen, zuwinken: Ich trinke einen Milchkaffee, das ist etwas ganz Besonderes für mich heute!
Dann liest man stumm die Illustrierten weiter.
Liest die Fotos.
Die Blicke von den Filmschauspielerinnen und die Beine. Die Schauspielerinnen sind im besten Dramenalter und sehen auch so aus. Weil sie schön sind, bestehen sie jedes Drama. Alle Welt will wissen, wie sie sich fühlen, und alle Welt soll wissen, dass sie sich besser fühlen, langsam. »Ja, es geht, danke«, sagen die Schauspielerinnen immer.
Und ich fürchte mich fast, wie ich die Interviews lese, fürchte ich mich vor diesem hochkomplizierten Beziehungsgeflecht. Die Scheidungen, die Kinder, die Krisen, im echten wie im gespielten Leben.
Gegen Ende des Interviews schichtet die Filmschauspielerin sogar noch ein Leben drauf: »Ein Doppelleben habe ich geführt, jahrelang, weil ich nicht ehrlich war zu mir selbst, und so auch zum Publikum nicht ehrlich sein konnte.«
Es gibt immer einen Keks gratis dazu. Man bekommt zum Milchkaffee immer noch einen Keks geschenkt. Ich knabbere an dem Keks, er schmeckt nach Karamell. Die Versuchung ist groß. Schnell werfe ich den Keks weg. In keinem anderen Café der Stadt gibt es so einen guten Keks zum Milchkaffee.
*
Sonntags sind die schönen Radwege sehr frei. Am Hafen finde ich einen Spazierweg mit alten Häusern. Die habe ich noch nie gesehen. Die Welt ist schön. Ich weiß gar nichts mehr über die schöne Welt.
Was ich sonntags denke, geht auch keinen etwas an. Die Gedanken an Wochentagen erzähle ich auch nicht mehr rum. Trotzdem sind die Sachen, die man unter der Woche denkt, weniger bedrohlich als die Sachen, die man sonntags denkt.
Ich fürchte zum Beispiel, dass ich bald nicht mehr zu erreichen bin. Schön ist auch, wenn der Sonntag vorüber ist, und blöd, wenn er nie mehr aufhört.
Hunger
Grell fällt das Licht auf Straßen und Autos, dann wieder ist die nachmittagswarme Stadtlandschaft in ein so entrücktes Gelb getaucht, als hätten die Straßen in Vanillemilch geschlafen. Es ist hoher goldener Herbst und ich fröstle auf dem Fahrrad.
Va-nil-le-milch.
Zittrige Füße treffen auf rudernde Pedale. Es ist gar nicht so einfach, der Sonne entgegenzufliegen, wenn Pedale im Leerlauf galoppieren und Beine hängen und hüpfen wie Knetgummi.
Heute unbedingt rechtzeitig bremsen! Auf dem Weg ins Schwimmbad sind mir schon die blödesten Unfälle passiert. Nichts Schlimmes. Kleine, dumme Unfälle.
Vorletzte Woche musste ich so unglücklich einem Fußgänger ausweichen, dass ich karacho an eine Plakatwand geknallt bin, und alles, der ganze Body, hat sich extrem kaputt angefühlt – nicht so kaputt natürlich wie das Fahrrad. Das Fahrrad war wirklich kaputt, und es hat drei ganze Tage gekostet, ein neues zu beschaffen. Ich werde noch mehr schwimmen müssen, habe ich während dieser drei langen Tage gedacht. Denn Ausfälle schreien nach einem Ausgleich. Das war noch ganz am Anfang. Jetzt ist das Routine.
Die Schwimmzeiten haben sich sehr verlängert, das ist gut so. Gestern waren es mehr als zweieinhalb Stunden, die Pausen am Beckenrand nicht dazugezählt. Zwei Stunden oder so gehen in Ordnung, weil noch die Fahrradtouren und die Gymnastik dazukommen. Alles in allem kriegt man auf diese Weise den Spinat der Firma »salto« schnell wieder raus, ebenso die beiden Äpfel und drei Knäckebrote spät am Abend. 350 Kalorien sind nicht zu viel. Ich habe es mir genau ausgerechnet. Man muss etwas essen. Jeder Mensch muss das.
Verdammt, schon wieder ein stumm meckernder Fußgänger. Immer wollen die Fußgänger mich durchwandern: »Geh doch selber auf der Straße!«
Manchmal muss man diesen Störern richtiggehend etwas nachschreien. Und den Angaben in den Kalorientabellen, also diesen Angaben muss man glauben.
Die erste Beschwerdemeldung des heutigen Tages kommt prompt.
»Fahren Sie gefälligst auf der Straße!«, empört sich ein Rentner.
Aber was kann ich dafür, dass es hier keine Fahrradwege gibt? Soll ich die tollen Kinderspiele etwa auf der Straße spielen? Kinderspiele, wie zum Beispiel ganz lässig die Arme baumeln lassen oder in die Hände klatschen beim Fahren. Einmal, zweimal, dreimal. Das habe ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gespielt.
Da nähert sich auch schon meine Lieblingskreuzung. Winddurchbraust warten hier die großen tröstenden Schwimmbadbäume. Wo ihre Schatten enden, springt die Sonne noch vanilliger hervor. So wie heute hat der Herbst bestimmt schon vor hundert Jahren ausgesehen. Oder ganz, ganz früher, der Herbst, in unserem alten Haus. Verschleuderte seine letzten Blüten, einfach so, damit es endlich Winter werden konnte.
Wie man früher in der Schulpause immer Vanille-, Schoko- oder Erdbeermilch getrunken hat. Komischerweise immer im neuen, nie im alten Flügel von der Schule. Vanillemilch war die beste Milch, danach kam Schoko und dann Erdbeer. Erdbeer ist immer nur als Frucht gut gewesen, nie in Form von Milch oder Eis. Und wenn man zwanzig Jahre lang normal gegessen hat, denke ich, und nehme zum wiederholten Male eine Kurve und eine rote Ampel mit, wenn man also über zwanzig Jahre lang normal gegessen hat, muss man doch eigentlich nie mehr etwas essen – man weiß schließlich bei allen Sachen, wie sie schmecken. Und verpassen kann ich nichts, nur weil ich das nicht mehr haben muss.
Es hat so etwas Schickes, ich fahre wieder freihändig, wenn man die andern vorbeiziehen lassen kann. Alles andere ist so eine blöde Welt. Die Welt ist blöd, die Leute sind blöd, die Kunst ist blöd, die Leute in der Bar sind blöd, alle sind blöd. Fahren ihr gewieftes Alltagstrotteltum weiter, und wissen nicht, wie man daneben, so ein Leben daneben …
Ich remple die Schwimmbadtüre auf, werfe mein Geld auf den silbernen Drehteller vor der dicken, alten Frau, die da sitzt, in Kreuzworträtsel gehüllt, weil ihr Badeanzug, schwarz natürlich, nichts verbirgt. Weißes Fett quillt aus ihrem Bauch, tropft von den Schenkeln, als wäre es von einem bösen Geist extra mit dem Schneebesen angerührt worden. Immer ein paar Meter von der Kasse entfernt sitzt sie da, die alte Frau, und watschelt in das Glashäuschen, wenn Besucher kommen.
Gib mir meinen Bon, armes fettes Mädchen; ungeduldig hüpfe ich von einem Bein aufs andere. Kurz vor dem Umkleiden ist man so »on the run« andauernd.
»Sie schon wieder«, die alte Frau lächelt freundlich, lächelt freundlich, die alte Frau. Dass die sich nicht schämt; ich an ihrer Stelle würde mich schämen!
Ich wandere ins tiefe Chlor und schwimme eine Figur von früher, die zerrt ein Bild vor meine Augen. Und ich sehe wieder das Mädchen. Das Mädchen sitzt schmal am Frühstückstisch und lacht verstohlen aus einem weißen bestickten Rollkragenpulli in die Welt hinaus.
Die Haare sind noch hell vom Kindsein und die Augen leuchten zur Mama hin, die ein Foto macht. Das schmale Mädchen hat einen Marienkäfer auf der glatten Brust sitzen, einen großen runden aus Schokolade. Mit grünblauen Fäden wurde ein Wort auf den Pulli gestickt, »Magic«. Ein seltsames Wort, geformt aus schönen, großen Buchstaben. Und das schmale Mädchen mit dem Magic-T-Shirt ist ein fröhliches Mädchen, das seiner Mama nur Freude macht. Wenn das Mädchen ganz viel froh ist, räumt es alle Erwachsenenlebensmittel aus dem Küchenschrank und spielt Kaufladen. Schwergewichtig stehen Milch, Mehl und Zucker auf dem runden Kinderzimmertisch. Mama lacht und kauft dem Mädchen alles wieder ab. Ein Kuss Milch, ein Kuss Mehl, ein Kuss Zucker. Das sind schöne Stunden.
Und das schmale Mädchen mit dem Magic-Pulli lacht: Das war ich, falsch, das bin ich!
Mit beiden Armen hole ich fest aus. Alles wird, wie es war – dafür werde ich sorgen. Man selbst wird wieder, was man war. Hier im Schwimmbad ist alle Bewegung frei, endlich freie Begegnung, und die Gedanken sind so aktiv, Aktivgestaltung einer Zukunft! Eine Kraft ist in dem Körper, die sich mit dem Wasser schlägt.
Ich schlucke, kaltes Wasser, warmes Wasser. Man schlägt sich durch, und die Gedanken reißen alles nieder. Gedankenniederriss. Und ich denke, dass ich sein werde. Weit weg zerrt Kraft an Angst, schlägt sie beiseite, die blöde Angst. Es ist ja zum Beispiel ausgemachter Blödsinn, Angst zu haben vor einer Zukunft. Die Zukunft wird stattfinden. Alles aus dem Weg, bitte. Hier kommt Sonja, die Kämpferin!
Das Wasser treibt, und ich treibe das Wasser. Was sich anfühlt, ist nicht. Nichts ist, was soll auch immer sein. Hat man früher nach dem Schwimmen ein Glas Orangensaft getrunken, an der Bar, im Kindheitsschwimmbad? Mit dem Bademeister gescherzt? Alles doof, Unfug.
O-ran-gen-saft.
Ein Glas Orangensaft hat so viele Kalorien, dass man einen Tag davon leben kann – das sind die Fakten.
Keine Geräusche mehr, kein Krach, kein Lärm, kein Pop.
Geht mir alle aus dem Weg, denken Fetzen von Gedanken in meinem Kopf. Ich kann Euch nicht mehr sehen, ich kann Euch nicht mehr hören. Bemerken nicht, wie sie stören, andauernd, die vielen festen Leute um einen rum, ein Gewühl und Gewusel, ein einziges.
Wie unziemlich die kleinen Jungs am Beckenrand schreien – Maul halten, ihr biestigen Boys! Ruhe bitte. Hier kommt Sonja, und Sonja braucht Ruhe.
Wie laut die sind, eine unverschämte, unfassbare Lautstärke. Hey, ihr bescheuerten Quälgeister, das hier ist ein öffentliches, ich wiederhole, ein öffentliches Schwimmbad – kein Landeplatz für Hubschrauber! Oh wie gerne hätte ich diese Biester jetzt mit Wasser vollgespritzt, aber das geht ja nicht, nie darf man sich beschweren. Uah! Und wie die Lehrerinnen mit knabenhaft hohen Stimmen ihre Kleinen dirigieren. Gerade haut mir eine Trillerpfeife das Trommelfell weg.
Verbieten sollte man das, mit Trillerpfeifen herumzutrillern, öffentlich.
Da ist das rote Samtkleid wieder da, erstrahlt vor meinen Augen, ladylike, göttlich.
Schließen sie ihre Augen und stellen sie sich genau vor, was sie anziehen werden, wenn sie endlich ihr Traumgericht, äh, ihr Traumgesicht, wenn sie endlich ihr Traumgewicht erreicht haben! Aussehen wie P. J. Harvey auf dem Cover von »To bring you my love«. Oder, ganz zeitlos, blaue Karos auf gelbem Stoff, wie in Siebziger-Jahre-Filmen, und ein enger himmelblauer Flauschpulli, mehr braucht es nicht mit dem warmen Wind im goldblonden Haar. Hallo Beckenrand! Küste droht und ich werfe die Segel um. Und dazu normale halbhohe Turnschuhe, keine Turmschuhe aus tausendundeiner Plateausohle. Lustig im Takt zum Leben sich wiegen.
Da ist eine Kraft in dem Körper, die sich mit dem Wasser schlägt.
Alles aus dem Weg, bitte. Hier kommt Sonja, die Kämpferin!
Nebel in der Luft, als ich erneut zum Fahrrad greife.
Wo ist der schöne Herbstnachmittag, der gerade noch war? Alles scheint so versunken, sinkende Täler, erfrorene Bäume, Kälteschock. Ein kleiner Apfel in meiner Hand wird riesengroß. Der Mund muss ihn kosten, noch bevor ich auf das Rad steige. Als das süßliche Fruchtwasser die Kehle hinunterrinnt, dauert es Jahre, und die Schale ist so knackig wie der Po von Mariah Carey, und der Apfel duftet wie das gute Schauma-Shampoo. Oh selige Kindheit, mit deinen Apfelshampoos und Apfelduftbädern.
Alles schäumte und das Leben verbeugte sich, träumerisch, eine Gischt in Weiß und in Grün.
Auch das Wetter orientiert sich zweifelsohne an P. J. Harveys Ästhetik. Ein Donner spielt Bass in der Ferne, die Zweige oben in den Bäumen bewegen sich so elegisch wie Geigenspieler.
Vorbei an Autos, die husten und hupen, eine Ampel schaltet von Gelb auf Grün, gleich wird ein Gewitter, werden Regen und Blitz hier ankommen.
Zu Hause, endlich zu Hause, steuern Allitas und Kickys AB-Messages auf einen unsichtbaren Horizont zu. Ich brauche sie nicht mehr, ich bin bei mir – pretty woman, walking down the street. Die, die du treffen willst. Und ich sehe mich:
Entlang aller dunklen Straßen dieser Stadt laufe ich die Kneipen auf und ab, sie heißen Lucky Star, es sind keine Szene-Bars. Sie spielen »So bist du«, sie reichen ihre Melodien wie Buchstabensuppen durch die regennassen Straßen. Ich bin ganz allein. Ich bin spicy, sexy und hot. Ich bin Moses, Madonna und Motörhead.
Wenn keiner mich versteht, wird mein Schweigen explodieren.
Und laut und theatralisch singe ich: The world is not enough. Die Nutten starren mich feindselig an. Nur Nachtschwärmer und Tagdiebe sind noch unterwegs, nur Nichtstuer streichen noch um die Häuser. Endlich stehe ich auf und trinke ein Glas Wasser. Meine Fantasy-Kreuzzüge machen mich fertig. Ich will nur noch trinken. Das Wasser macht mich fertig. Es ist so viel und reichlich. Das Wasser macht mich satt. Ich will ruhig liegen und schlafen. Ich will alles vergessen. Ich denke an nichts.
Nichts. Nichts. Nichts. Das Gesicht von der dicken Bademeisterin geht über in das Gesicht von Madonna.
Ich bin beide, ich bin alle, ich bin nichts.
Endlich führt mich der Schlaf in seinen Palast sanfter Selbstvergessenheit. Wieder einen Tag überstanden.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus: Kerstin Grether: Zuckerbabys. Roman. Ventil Verlag, Mainz 2004. 192 S., 11,90 Euro.
Kerstin Grether, geb. 1975, war in den Neunzigern Redakteurin bei Spex. Jetzt freie Autorin u.a. für Intro, MTV und die Feuilletons verschiedener Zeitungen. Sie lebt in Berlin, »Zuckerbabys« ist ihr erster Roman.