07.07.2004

Landen Sie bitte am Tipi!

Um Ontario zu erkunden, nimmt man am besten das Flugzeug. Und macht Zwischenlandungen bei Indianern, Felsgesichtern oder dem einsamsten Alleinunterhalter der Welt. von knud kohr (text) und thomas linkel (fotos)

Da wollen wir jetzt wirklich einsteigen …?« Der Fotograf Thomas Linkel klopft vorsichtig gegen die rot-gelb lackierte Außenhaut eines alten Wasserflugzeugs, das vor ihm an einem Holzkai dümpelt. Es klingt, als ob man auf die Kühlerhaube eines Trabant schlägt. Viel Kunststoff, etwas Holz, wenig Blech. Vorne ein Propeller, so groß wie ein Deckenventilator.

Wir befinden uns in Sault Ste. Marie, einem kleinen Städtchen am Lake Superior. Im Hintergrund ist die Brücke zu sehen, die vom kanadischen Ontario in den US-Bundesstaat Michigan führt. Bis in die siebziger Jahre hinein waren Wasserflugzeuge die wichtigsten Transportmittel bei der Erschließung des riesigen, unwegsamen Kanada. Erst dann gab es eine nennenswerte Anzahl von Straßen und Eisenbahnlinien, die den kleinen Maschinen, deren Innenraum zwischen der Größe eines Kleinwagens und eines Busses schwankt, ihren Rang streitig machen konnten.

Der Besitzer der Maschine, der gerade unser Gepäck einlädt, heißt Bill. Er ist 64 Jahre alt und Pilot seit über vier Jahrzehnten. Dass Reisende mit weichen Knien vor seiner DeHaviland Beaver stehen, scheint der mit staubtrockenem Humor gesegnete Mann gewohnt zu sein. »Sie ist 1960 geboren worden. Viel jünger als ich. Also macht euch keine Sorgen.« Wir schließen gedanklich noch kurz mit unserem Leben ab, und dann heben wir vom Lake Superior ab.

Ontario – nur die zweitgrößte Provinz Kanadas nach Quebec – umfasst von den Niagarafällen bis zur Hudson Bay eine Million Quadratkilometer, ist also etwa so groß wie Frankreich und Spanien zusammen. Zwölf Millionen Einwohner leben großteils um die Metropolen Toronto und Hamilton im Süden. Der Rest der Provinz ist nahezu menschenleer.

»Ontario« ist ein Indianerwort und bedeutet »glitzerndes Wasser«. Nichts anderes als Seen, Wälder und felsige Hügel sind von Horizont zu Horizont erkennbar. Leider wird diese Idylle von Zeit zu Zeit deutlich getrübt: Kilometerweit erstrecken sich dann die Schneisen der Holzindustrie; an anderen Stellen quillt aus den Schornsteinen der Minen ein Rauch, über dessen Zusammensetzung man lieber nichts wissen möchte. Noch immer ist Kanada einer der wichtigsten Rohstofflieferanten der Welt.

Nach 90 Minuten Flug setzt Bill zur Landung an. Mit einer 360-Grad-Wende testet er die Windverhältnisse, und dann landet er sicher auf dem Lake Wabatongushi vor dem hölzernen Haupthaus von »Errington’s Wilderness Island Resort«. Der Besitzer, Al Errington selbst, steht auf dem Steg, um uns zu empfangen. Er sieht genauso aus, wie man sich einen Mann in Kanadas Wäldern vorstellt: kräftig, vollbärtig, gekleidet in Jeans und Flanellhemd. Mit wenigen Worten veranlasst er das Nötige für unsere Unterbringung. Die Lodge erstreckt sich über mehrere kleine Inseln, von denen es im Lake Wabatongushi über 70 gibt. Zwischen den Holzhäusern bewegt man sich mit sechs Meter langen Motorbooten.

Eine Stunde später steht unser Führer vor der Tür: Ivan Madahbee, ein Indianer vom Stamm der Ojibwe. »What do you want to see?«, fragt der 71jährige, mindestens zehn Jahre jünger aussehende Mann zur Begrüßung. »Birds? Fish? Animals?« Einen Elch würden wir gern sehen. Kein Problem, sagt Ivan, dessen Name »trägt die schwere Last« bedeutet. Vor vielen Jahren war er sogar Häuptling in einem nahen Reservat. Doch dieser Job, der heute ein Wahlamt mit reichlich Schreibtischarbeit ist, wurde ihm bald zu langweilig. Seitdem führt er wieder Touristen. Auf dem See bekommen wir ein Problem, das wir im kanadischen Herbst niemals erwartet hätten: Die Sonne knallt mit voller Wucht aufs Wasser. Wir, die mit Stiefeln und warmen Pullovern angereist sind, bräuchten plötzlich Sonnencreme. Also fährt Ivan das Boot in den Schatten des ufernahen Schilfs.

Er will einen Elch anlocken. Schon 15 davon hat er geschossen; er als Indianer darf die Tiere, wann er will, erlegen. Allerdings geht Ivan wie alle Indianer nur auf Jagd, wenn seine Vorräte aufgebraucht sind.

Heute ist es schwer, ein Tier zu finden, da der Wind recht stark ist. Ivan zieht alle Register. Er stößt Lockrufe aus, reibt mit dem Paddel gegen Baumstämme, leert seine Wasserflasche in den See, um ein urinierendes Weibchen vorzutäuschen – vergeblich. Der Wind bläst seine Lockgeräusche einfach weg. Sichtlich geknickt fährt er uns zurück. Selbst eine Familie von Schwarzbären, die er uns auf dem Weg auf einer Insel zeigen kann, bessert Ivans Laune kaum.

Als wir am nächsten Tag zum Weiterflug an den Steg kommen, steht dort ein junger Mann, der sich bestimmt bald zum ersten Mal rasieren muss. Er heißt Matti Manttari, blickt auf reife 21 Lebensjahre zurück und ist heute unser Pilot. Vorsichtig fragen wir, wie lange er schon seine Flugerlaubnis besitzt. »Seit gestern«, meint er und kullert mit den Augen. »Ist das ein Problem für euch?« Dann fängt er an zu grinsen. Zwei Stunden später setzt uns Manttari, der übrigens bereits seit drei Jahren Berufspilot ist, sanft auf der Georgian Bay neben der Killarney Montain Lodge ab.

In Killarney, das bis 1963 ausschließlich per Boot oder Flugzeug erreichbar war, drängen sich die Blockhäuser eng um das Haupthaus. Man unterhält die Gäste hier mit einem Angebot an geführten Abenteuern, die auf einer Art Speisekarte in die Adventure Level 1-5 aufgeteilt sind. Beim Abendessen schwärmen die Guides des Hauses aus und nehmen an jedem Tisch die Bestellungen auf. Kollege Linkel ordert mutig eine Felskletterei der Stufe vier, während ich es bei einer simplen Einführungsstunde im Kajakfahren belasse.

»Okay! Soll ich dich umwerfen, oder machst du das selbst?« Am nächsten, ziemlich trüben Morgen um neun Uhr sitze ich in Badehose im Kajak. Paul, mein Guide, hat mir gerade erklärt, was ich zu tun habe, wenn ich mit dem Boot umkippe und mich kopfüber unter Wasser aus den Verschnürungen befreien muss. Ich zucke gottergeben mit den Achseln und rolle mich zur Seite. Schlucke ein bisschen Wasser, mache aber die richtigen Handbewegungen und bin nach zehn Sekunden prustend wieder an der Oberfläche. Warum kraxle ich eigentlich nicht mit dem Kollegen in den Felsen herum?

Aber bevor sich schlechte Laune breit machen kann, reißt der Himmel auf, und wir stechen in See. Die Mountain Lodge verfügt über einen eigenen Motorsegler. Der Skipper Bob Sweet war früher mal Lehrer, und nun versüßt er sich gemeinsam mit seiner Frau Dianne den Ruhestand, indem er Reisende über die Bay fährt. Im Sonnenschein schimmern die Granitfelsen an den Ufern in allen Rot- und Weißtönen. Kein Wunder, dass hier Kanadas beliebtestes Segelrevier ist. Dianne bemerkt meine Begeisterung und fährt in eine stille Seitenbucht. Sie zeigt auf eine Steilwand, an der das Wetter aus dem Felsen in Jahrtausenden eine Formation ausgewaschen hat, die aussieht wie das Profil eines riesigen Gesichts. »Aber sagt das nicht weiter«, klopft Bob mir auf die Schulter. »Sonst haben wir hier bald haufenweise Alienforscher am Hals!«

»Was?! Ivan hat euch geführt? Das ist mein Onkel!« Darren lacht dröhnend. Der riesige Indianer trägt alle unsere Taschen auf einmal. Nach drei Tagen in Killarney sind wir nun am North Channel angekommen, einem Übergang von der Georgian Bay zum Lake Huron. Im Ojibwe-Reservat betreiben vier Männer vom Eagle Clan eine besondere Lodge aus zwei Tipis, in denen kleine Touristengruppen einen realistischen Einblick in das Indianerleben bekommen. Die vier Männer sehen aus, als wären sie extra vom Tourismusministerium erfunden worden. Darren Snake, der gerade unsere Taschen ins Tipi stellt, könnte einen Bären notfalls mit der bloßen Faust k.o.schlagen. Matthew Owl, der Pressesprecher, ist durch und durch Jäger. Alle paar Minuten unterbricht er die Gespräche mit erhobener Hand, weil er ein Tier gehört hat. Der schmale Howard Southwind schnitzt Skulpturen und muss sich jeden Tag gutmütig auslachen lassen, weil kein Verlag seine Romane herausbringen mag. Joe Trudeau, Koch und Leiter des Unternehmens, nennt sich selbst einen »indianisch-französisch-irisch-italienischen Bastard«.

Die Männer leben während des Sommers autark von der Jagd. Zwar steht Matthews Geländewagen neben den haushohen Zelten, doch die vier benutzen ihn fast nie. Zu ihren Häusern im Reservat fahren sie höchstens einmal pro Woche. Ihr touristisches Geschäft bieten sie zusammen mit einem Motel in der Nähe an. Obwohl sie nur wenige Dutzend Gäste pro Saison beherbergen, gilt ihr Versuch als beispielhaft. Nach vielen Jahren der Lethargie stehen Unternehmen wie das des Eagle Clan für einen Aufbruchsgeist, der die »First Nation« Kanadas erfasst. Die Ojibwe im Süden des Landes machen sich ebenso wie im Norden die Innuit an der Hudson Bay daran, ihre eigene Geschichte wieder zu entdecken und an ihre Kinder weiterzugeben. Das Geld, das sie dafür brauchen, um die nächste Generation in den Wäldern oder im ewigen Eis auszubilden, verdienen sie mit kontrollierter Hinwendung an interessierte Touristen. Ein Massenmarkt soll das hier niemals werden.

Während Joe ein Stück Elch in einen Eisentopf über dem Lagerfeuer wirft, schultert Darren sein Gewehr und führt uns in den Wald. In einiger Entfernung vom Lager hängt ein Tarnnetz auf einer Lichtung. Davor zeigt er uns frischen Bärenkot. Und am Waldrand sind Spuren von Wölfen zu sehen. Wenn wir ganz ruhig hinter dem Netz warten, werden wir die Tiere sehen. Eine halbe Stunde lang passiert gar nichts. Darren wird unruhig und will woanders nachsehen. Damit wir uns im Notfall verteidigen können, legt er mir sein Gewehr auf den Schoß. Und ist im Wald verschwunden, bevor ich ihn darüber informieren kann, dass ich noch nie in meinem Leben geschossen habe. Gottseidank bleiben die Tiere im Wald, bis Darren missgelaunt wieder da ist. Auf dem Rückweg sehen wir in großer Entfernung eine Elchfamilie über den Waldweg trotten.

Als nächste Lektion im Indianerleben steht Kanufahren an. Kein Problem, zwinkere ich als erfahrener Kajakfahrer dem Kollegen zu. Doch kaum besteigen wir das Kanu, gerät es ins Schwanken, und obwohl Joe noch beispringen will, klatschen wir beide ins Wasser. Fairerweise muss man sagen, dass die Indianer erst zu lachen beginnen, als wir wieder trockene Kleider anhaben.

Mit süffisantem Lächeln hält Matthew mir seinen Bogen entgegen: »Du bekommst den hier doch nicht mal gespannt, oder?« Jetzt steht also die Ehre auf dem Spiel. In 20 Metern Entfernung hat er ein hölzernes Reh aufgestellt. Wortlos nehme ich den Bogen und kriege ihn irgendwie gespannt, obwohl mir die Sehne fast den Finger zerreißt. Der erste Schuss geht ins Gras, aber der zweite trifft genau in die aufgemalte Halsschlagader des Tiers. Kollege Linkel greift sich wortlos den Bogen. Gleich sein erster Schuss macht dem armen Holztier den Garaus. Howard räuspert sich vorsichtig. »Wisst ihr, wie lange ich dazu gebraucht habe, das zu lernen …?«

Abends am Lagerfeuer, während wir den Elchbraten aus dem Eisentopf löffeln, erzählt Joe Indianergeschichten, die nicht von der Jagd handeln. Lange ist ihr Volk in Kanada bedrängt und verfolgt worden. Ende des 19. Jahrhunderts begannen christliche Gruppen, toleriert vom Staat, den Indianern ihre Kinder zu rauben, um sie in Missionsschulen zu »zivilisieren«. Danach wurden die Jugendlichen, die ihre Eltern nur zweimal im Jahr sehen durften, wieder in die Reservate abgeschoben. Erst in den späten Sechzigern hörte diese Grausamkeit auf. Es wird spät, bis wir ins Tipi gehen.

Ein paar Tage später, auf der Rückfahrt zum Flughafen in Toronto, werden wir noch mehr von der augenblicklichen Lage der First Nation erfahren. Doro, die polnischstämmige Pressefrau, die unsere Reise organisiert hat, ist eine alte Freundin von Matthew und redet darüber, was die Männer lieber verschweigen. Noch immer sind Arbeitslosigkeit und Alkoholismus große Probleme in den Reservaten. Noch immer gibt es weiße Geschäftsleute, die überforderten Häuptlingen Nutzungsrechte am Indianerland für ein Spottgeld abhandeln. Vor allem die Frauen haben es schwer, Teil des fragilen Aufschwungs zu werden. Doro erzählt von einer Freundin, einer der wenigen Indianerinnen, die es an die Universität schafften. Nach erfolgreich abgeschlossenem Jurastudium kam sie zurück ins Reservat, um als Anwältin zu arbeiten. Doch ihre alten Freunde trauten ihr plötzlich nicht mehr, weil sie an der Universität des Weißen Mannes gewesen war. Nun wird die Frau sich entscheiden müssen: fortgehen oder ein weitgehend perspektivloses Leben im Reservat führen.

Doch davon wissen wir jetzt noch nichts. Kaum am nächsten Morgen aus dem Tipi gekrochen – und nach einem kurzen Hüpfer mit dem Wasserflugzeug – gönnen wir uns ein Bad im Luxus. Im Lake Huron liegt Manitoulin Island. Laut Indianermythologie hat Manitou selbst hier sein Zuhause.

Die Manitouwaning Lodge sieht allerdings eher aus wie das Zuhause von Rosamunde Pilcher. Die Wirtin Gloria Barter herrscht über ein Reich aus grünen und weißen Blockhütten, geschmückt mit Blumenampeln, Biedermeierstühlchen und selbst gemalten Bildern. Jetzt, in der letzten Saisonwoche, räkelt sich das Gelände dem Winterschlaf entgegen.

Am Abend biegt sich der Tisch unter der Last von Cajun-Hühnersuppe, Frühlingsrollen, Penne Putanese und Malvenkuchen. Zur Krönung nimmt ein Herr namens Jack Bond, der heute Abend der einsamste Alleinunterhalter der Welt sein dürfte, vor sechs Gästen an seinem Keyboard Platz. Er spielt jeden Klassiker des schlechten Geschmacks, den man sich nur vorstellen kann: von »Sentimental Journey« über »Que sera« bis »My Way«. Kollege Linkel windet sich vor Schmerz; aber ich kaufe dem Mann eine seiner CDs ab.

Und kurz vor dem Einschlafen, als ein Waschbär an der Wand meiner Blockhütte kratzt, muss ich plötzlich an Dianne Sweet denken. Auf der Rückfahrt in den Hafen von Killarney schaute mich die alte Dame fest an und sagte, auf die Bay zeigend: »Ich hoffe, dass der Himmel nach meinem Tod so aussieht.«