Die Kopie des Heiligen Landes befindet sich in Buenos Aires

Eine Reise nach»Jerusalem«

Hot-Dogs, züchtiger Bauchtanz und Jesus aus Plastik. Die Kopie des Heiligen Landes befindet sich in Buenos Aires. Ein Besuch im ersten christlichen Themenpark.

Besuche Jerusalem in Buenos Aires! Das ganze Jahr geöffnet!« Wer könnte eine solch werbewirksame Einladung ausschlagen? In keinem Fall eine atheistisch überzeugte argentinische Fotografin, eine evangelisch erzogene deutsche Journalistin und ein Israel-erfahrener Redakteur der vorliegenden Zeitung. »Tierra Santa«, übersetzt »Heilige Erde«, ist der weltweit erste und bislang einzige christliche Themenpark. Zwei Millionen Besucher aus aller Welt waren seit der Gründung vor sechs Jahren schon vor uns hier, so erfahren wir auf den Internetseiten der argentinischen Tourismusbehörde. Ein nachgestelltes Abendmahl, eine Krippe mit 400 Figuren in Echtgröße und eine multimediale Darstellung der Schöpfungsgeschichte gehören zu den Höhepunkten, die uns versprochen werden.

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Worauf warten wir also noch? Erwartungsfroh machen wir uns an die Planung. Presseakkreditierung und Interviews wollen von langer Hand vorbereitet sein: »Sehr geehrte Jessica, darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Melina Iglesias, ich bin die Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit von ›Tierra Santa‹. Welche Auflage hat Deine Zeitung, erscheint sie auch im Ausland? Schickst Du mir bitte ein paar Arbeitsproben von Dir – am besten in spanisch? Ich warte auf Deine Antwort.« Man darf getrost behaupten, dass diese und ähnliche Mails der Pressefrau, deren Nachname wohl nicht von ungefähr an das spanische Wort für »Kirche« erinnert, uns einen Monat lang unterhalten haben. Normal­sterbliche Argentinier schütteln nur verständnislos mit dem Kopf, wenn wir ihnen von unseren Ausflugsplänen erzählen. Das Christentum scheit vor allem bei der Jugend schlecht im Kurs zu stehen. Allein die streng katholische Mutter einer Freundin war einmal dort und hat geweint, sagt man uns.

Am ersten Advent ist es dann endlich soweit. Der Eintritt, so Melina, sei für uns frei und die Direktorin der heiligen Erde erwarte uns gespannt. Dass Jerusalem in Buenos Aires zentral gelegen ist, lässt sich nicht gerade behaupten. Knapp anderthalb Stunden sitzen wir drei im Bus Nummer 42 und durchqueren die gesamte argentinische Hauptstadt. Vom zen­tralen Bezirk Almagro angefangen, geht’s durch das schicke Recoleta und das im Norden gelegene Palermo, wo in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Präsident Juan Manuel de Rosas seine privaten Gärten anlegte und heute zehnstöckige Luxuswohnhäuser in den strahlendblauen Himmel ragen. Schießlich landet man in der »Ciudad Universitaria«, dem ausgelagerten Universitätsviertel, das in seiner monströsen Hässlichkeit ein bisschen an die »Rostlaube« der Freien Universität Berlin erinnert.

Von hier aus sind es noch zehn Minuten durch eine Gegend, in der sich private Clubs, schicke Restaurants, der Inlands-Flughafen und Segelvereine abwechseln: die Costanera Norte, das nördliche Ufer des Rio de la Plata. Einst Symbol der Erholung am Stadtrand für jedermann, steht es heute wie auch sein Gegenstück, die Costanera Sur, für die Privatisierung des öffentlichen Raums in den neunziger Jahren. Seitdem kostet der Kaffee hier ein Dreifaches, und viele Orte kann man nur mit Genehmigung oder Clubmitgliedschaft überhaupt betreten.·

Vor ein paar Plastikkamelen machen wir Halt. »Hier ist die Heilige Erde. Endstation. Ihr seid da«, sagt der ungewöhnlich freundliche Busfahrer. Wir steigen aus und betreten eine andere Welt. Die heilige Erde sieht man nicht nur, als erstes hört man sie. Arabische Klänge mit Synthesizer unterlegt, Kirchenlieder, die an Medleys von James Last erinnern. Diese Geräuschkulisse wird uns für die nächsten fünf Stunden nicht verlassen. Unzählige Lautsprecher hängen in den knatschgrünen Palmen, und die Vorstellung scheint absurd, dass man hier wie versprochen »seine Ruhe finden« kann. Auch der »Brunnen des Glaubens und der Hoffnung« vor dem Kassenhäuschen ist in erster Linie laut. Auf einer Steintafel daneben wünscht uns die Direktorin in den eingeritzten Zeilen neben anderen Dingen »den Glauben und die Hoffnung, dass wir nicht allein sind und in jedem Herz die Liebe Gottes schlägt.«

Wir machen unsere erste Bekanntschaft: Isabel Álvarez, 70 Jahre alt, Katholikin und extra aus Peru angereist, hockt traurig auf einem Stein neben dem Brunnen. »Ich bin zum ersten Mal hier, und jetzt habe ich den Fotoapparat vergessen«, klagt sie. Ein kleines Wort des Bedauerns muss an dieser Stelle als gute Tat genügen, denn wir haben es eilig. Nicht weniger als sieben Hektar sollen wir durchqueren, und 37 thematische Punkte, oder wie es hier so schön heißt, Katechismen, also Lehrstationen auf der Suche nach dem christlichen Glauben, gilt es abzuklappern. Nachmittags dann noch der Interviewtermin: Die Besinnung scheint in Stress auszuarten. Nach einem kleinen Schlagabtausch mit dem als Römer verkleideten Eingangspersonal werden wir schließlich als die erkannt, die wir sind: die angekündigten drei Besucher aus dem Abendland.

Am Anfang war das Bild, oder wie war das noch? Kaum haben wir die heilige Erde betreten, eigentlich in der Hauptsache Kieselsteine, nehmen uns zwei verschleierte junge Damen in Beschlag. Zum Fototermin hierlang, bitte. Wir stellen uns der Größe nach auf, sagen »Whisky« und lächeln, und schon sind wir verewigt. Das war nicht schwer.

Weiter geht es zur Krippe. Um das Kind in Windeln gewickelt zu finden, wie es Johannes, Matthäus, Markus und Lukas uns vor knapp 2 000 Jahren versprochen haben, müssen wir zunächst einmal hinter der Absperrung warten. »Die Vorstellung läuft gerade. Habt ein bisschen Geduld«, meint der Soldat Pablo, der im wirklichen Leben Tourismus-Student ist. Wir nutzen die Zeit und fragen ihn nach seinen Zukunftsplänen: Will er immer Soldat bleiben, oder gibt es im Heiligen Land auch Aufstiegsmöglichkeiten? Er lächelt. Seit drei Jahren sei er hier beschäftigt, die Arbeitszeiten am Wochen­ende seien bequem, die Bezahlung angemessen. Aber klar, »sein Berufsprofil« sei eigentlich ein anderes. Schließlich macht er uns den Weg frei.

Die Krippe, »el pesebre«, im Faltblatt von »Tierra Santa« angekündigt als der Ort, »wo vor allem Familien gerne hingehen«, erinnert den Themenpark-Laien, der bislang nur das »Phantasialand« oder den »Holiday-Park« besucht hat, vor allem an eine Geisterbahn. Im Grottengang ist alles dunkel und lediglich durch das ständige Kichern der Besucher halbwegs erträglich. Beim Betreten des Raums, wo die Krippen-Attraktion gleich ihren Lauf nehmen soll, muss man sich blind zu den Treppenstufen vortasten. Schnell füllt sich der Ort vor allem mit Grundschülern, die hier sind, um auf die Kommunion vorbereitet zu werden, wie sie uns gerne mitteilen. Neben uns sitzen zwei Kolumbianerinnen Anfang zwanzig: »Ich finde das super, nicht nur Kirche, sondern auch Spaß«, meint eine von ihnen. Das scheint sich auch der Verantwortliche des Spektakels gedacht zu haben. Lautstark dröhnt etwa zehn Minuten lang die Weihnachtsgeschichte in unsere Ohren, gespochen von einer verführerischen Männerstimme, allerdings in einer etwas weichgespülten Fassung. Kein Wort von Volkszählung und notdürftiger Unterkunftssuche, stattdessen lediglich Glaube, Liebe, Hoffnung, verkörpert in den gekonnt mit Spotlicht versehenen Figuren.

Abschließend werden wir auf die besonderen Attraktionen dieses Tages aufmerksam gemacht. Vor allem das Abendmahl und den Bauchtanz von Jázmin wollen wir nicht verpassen. Auf dem Weg dorthin durchstreifen wir die Stadt. In Jerusalem, so scheint es, wurde schon zu Jesu Zeiten gut gegessen. Zahlreiche Restaurants säumen unseren Weg. Ob argentinisches Steak, armenische Küche, Pizza und vor allem Hot-Dogs tatsächlich die angekündigten »Spezialitäten dieser Zeit« waren, sei einmal dahingestellt.

Außerdem – so frei und politisch korrekt muss man schon sein – gibt es in den Straßen nicht nur Christus und seine Religion zu bewundern. Neben der Kirche stehen eine Moschee und eine Synagoge. Wir werden darauf aufmerksam gemacht, dass man hier die Schuhe ausziehen bzw. eine Kippa aus einer Schachtel auf den Kopf setzen soll. Für die Mitarbeiterin Juana, deutlich jünger als wir, wird damit der »Respekt gegenüber den anderen Weltreligonen zum Ausdruck gebracht.« Ähnliches gilt wohl für die lebensechte Mutter Teresa, die Gandhi- und die Martin-Luther-Figur, auf die man in einer Seitengasse stößt und die ein beliebtes Fotoobjekt der Besucher sind (»Schatz, stell Dich mal neben Gandhi«).

Für die Sauberkeit sorgt Hugo, der Putzmann, der mit Besen und Schaufel Häuser und Straßen vom Müll befreit, in erster Line Verpackungen aus den umliegenden Kiosken und Andenkenläden. Anders als seine Kollegen Pablo und Juana kommt er jeden Tag her. Angestellt von einem extermen Reinigungsunternehmen nimmt er morgens wie abends je fast zwei Stunden Fahrzeit in Kauf. Beklagen will er sich nicht, nur das Palästinenser-Tuch und die Kutte, die er an den offenen Tagen von »Tierra Santa« – Freitag, Samstag und Sonntag – tragen muss, erscheinen ihm angesichts der hochsommerlichen Temperaturen in Argentinien gerade zur Weihnachtszeit etwas übertrieben. Wir können nicht lange plaudern mit Hugo, da die Show von Jázmin beginnt.

Bauchtanz auf anständig, so könnte man ihre Bewegungen nennen. In ein blaues Ganzkörper-Polyester-Kleid gezwängt lädt sie gemeinsam mit ihren Musikern eher zum familiären Mitklatschen ein, um bloß keine unzüchtigen Gefühle bei den männlichen Besuchern des Themenparks zu wecken. Die trinken denn auch schweigsam ihren Mate-Tee oder ihre Cola und begleiten Frau, Kind, Kegel und uns anschließend zum christlichen Abendmahl. Wer hier auf eine Hostie, ein Stück Brot oder wenigstens einen Schluck süßen Traubensaft gewartet hat, wird allerdings enttäuscht. Man bleibt ausschließlich stiller Beobachter der mäßig fröhlichen Runde von leicht beweglichen, hell erleuchteten Puppen am Esstisch. Die gleiche Lautsprecherstimme wie beim Krippenspiel klärt uns über den Verlauf des Geschehens auf und betont, dass es wichtig sei, wie Jesus stets die zweite Backe hinzuhalten, alles mit seinen Freunden zu teilen, auch wenn die wie Judas gar nicht nett zu einem sind. Denn das wissen sogar wir, die wir im Kindergottesdienst und Religionsunterricht kaum aufgepasst haben: Die Folge davon sind Kreuzigung und die Auferstehung schon nach drei Tagen. Und das ist auch der nächste Programmpunkt.

Also begleiten wir unseren Messias auch auf diesem Weg, der landschaftlich steil aufwärts führt. 78 Treppenstufen auf einem schmalen Pfad sind es, an deren Rändern ein Plastik-Jesus dreimal mit seinem Kreuz auf die Nase fällt, Veronika ihm sein Gesicht wäscht und Simon von Kyrene ihm beim Tragen hilft. Die Katholiken nennen das Kreuzwegstationen. Uns ist einfach nur heiß, wir haben Durst. Am Schluss erreichen wir den Gipfel des nachgestellten Berges. Hier gibt es nicht nur Jesus und seine zwei Leidensgenossen an Holzpfähle genagelt zu bestaunen. Die eigentliche Attraktion ist eine 18 Meter große Puppe, die darüber steht und als »Die Auferstehung« bezeichnet wird. Uns, die wir schon einmal in Rio de Janeiro waren, wo der Heiland viel gewaltiger über der Stadt thront, kann das zwar kaum beeindrucken, die Augen der Kinder um uns herum allerdings leuchten erfreut. Vielleicht haben sie aber auch etwas anderes entdeckt: Hinter den Mauern von »Tierra Santa« liegt, so sehen wir von hier oben, ein großes Erlebnis-Freibad mit Riesenrutsche und Sprungturm. Das scheint uns viel eher die versprochene Erlösung zu sein.

Bevor auch wir ins kühle Nass springen dürfen, müssen wir aber noch den Termin mit der Direktorin Maria (sic!) Antonia Ferra hinter uns bringen. Darauf haben wir doch so lange gewartet. Jetzt nicht schlapp machen! Der erste Gedanke, der uns in den Kopf schießt, als wir sie am Ausgang des Themenparks treffen, ist: Das ist nicht Santa Maria. Eigentlich ist an dieser Dame so ziemlich alles unecht, Gesicht, Brust, Haare und Po. Plastik im Plastik-Jesus-Land. Sympathisch ist sie dann aber doch. Erklärt uns bereitwillig, dass in »Tierra Santa« etwa 100 Menschen arbeiten, die natürlich alle »einen spirituellen Auftrag« zu erfüllen haben. Dass hier vorher ein Fußballstadion war, der Themenpark von einem Geschäftsmann namens Pugliese aufgebaut wurde, der sich damit einen »Jugendtraum« erfüllt hat, dass das Abendmahl zuerst da war, und dass der jetzige Eigentümer ein Gewerkschafter ist – von dem wir gehört haben, dass er total korrupt sein soll. Stolz zeigt sie uns die Liste der Sponsoren am Eingang: Neben Banken und Versicherungen sind es vor allem argentinische Tourismusunternehmen.

Auf die Frage, wieso die »genaue Nachbildung« der Heiligen Erde ausgerechnet auf dem Boden der Hauptstadt Argentiniens geschaffen wurde, antwortet Ferra: »Hier gab es vor einigen Jahren einfach ideale Vorraussetzungen für solche Unternehmungen. Vielleicht hätte das Gleiche auch wo ganz anders errichtet werden können. Im besten Fall hat der liebe Gott den Ort ausgesucht.«