15.11.2007

Mit 67 in Rente

von jörn schulz

Wenn ein Politiker nicht sagen will, warum er zurücktritt, hat er zwei Möglichkeiten: Er kann auf seine angegriffene Gesundheit verweisen oder »familiäre Gründe« angeben. Franz Müntefering hat sich für die familiären Gründe entschieden, und da seine Frau krebskrank ist, wäre es unschicklich, bohrende Fragen zu stellen. Dennoch bleiben Zweifel, denn Müntefering hatte noch Anfang Oktober gesagt: »Weshalb soll ich nicht als Minister bleiben, ich kämpfe ja dafür, dass wir eine vernünftige Politik machen.« Am Dienstag kündigte er an, noch in diesem Monat seine Ämter als Vizekanzler und Arbeitsminister niederzulegen. Allerdings hatte Müntefering im Oktober seinen bekundeten Durchhaltewillen mit einem Satz ergänzt: »Wollen wir erstmal sehen, was auf dem Parteitag rauskommt.«

Auf dem Parteitag in Hamburg Ende Oktober kam heraus, dass Müntefering in der SPD ziemlich isoliert ist. Fast einstimmig schlossen sich die Delegierten der Ansicht Kurt Becks an, dass ältere Erwerbslose länger das Arbeitslosengeld I beziehen sollen. Eine weitere Niederlage für Müntefering, der sich wochenlang mit Beck über dieses Thema gestritten hatte. Der Eifer, mit dem dieser Disput geführt wurde, schien der Sache kaum angemessen. Wohl niemand außerhalb der SPD-Funktionärskreise glaubt, dass geringfügige Korrekturen ausreichen, um die Partei aus der Krise zu führen. Hielt Müntefering aus purer Bockigkeit an jedem Detail der Agenda 2010 fest? Hat er womöglich als braver Parteisoldat die Rolle des Fundamentalisten gespielt, um es Beck zu ermöglichen, sich als sozial darzustellen, weil er sowieso gehen wollte? Immerhin hat der 67jährige Müntefering das von ihm befürwortete Renteneintrittsalter erreicht. »Bei mir fallen Beruf und Hobby zusammen«, bekundete er. So bleibt ihm nun nur die Hoffnung, dass er als Redner gefragt sein wird. Einladen werden ihn wohl eher Unternehmerverbände als SPD-Ortsgruppen.