Denkmalflut
Wie viele Denkmäler verträgt eine Stadt? Zum Beispiel Berlin: Es gibt in der Hauptstadt Denkmäler für die Mauertoten, für die Trümmerfrauen, für Marx und Engels, für Bismarck, für Heinrich Heine, und am Mariannenplatz in Kreuzberg steht sogar eins für den unbekannten Feuerwehrmann. Demnächst bekommt die Stadt auch noch ein Mahnmal gegen Vertreibungen, das ist beschlossene Sache. Fehlt eigentlich nur noch ein Denkmal, das an Denkmäler erinnert. In der vorigen Woche beschloss der Deutsche Bundestag mit den Stimmen der Koalition und der FDP auch noch die Errichtung eines Denkmals für Freiheit und Einheit. Es soll an die »friedliche Revolution« 1989 und die deutsche Vereinigung erinnern. Wohin soll das führen? Erinnern irgendwelche unförmige Kunstwerke demnächst auch noch an den schlechten Sommer 2007, an den Niedergang von Tennis Borussia Berlin oder an die feierliche Eröffnung der Shopping Mall »Alexa« am Alexanderplatz?
Zahlreiche Redner im Bundestag plädierten außerdem für ein zusätzliches Denkmal in Leipzig, wo im Jahr 1989 die Montagsdemonstrationen begannen. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) schlug sogar vor, den Denkmal-Wahnsinn auf das ganze Land auszudehnen. Er meinte, es solle an vielen Orten der Republik an die Einheit erinnert werden. Also auch in Saarbrücken, St.Pauli oder Coburg, wo viele Menschen leben, die mit der Wiedervereinigung nichts zu tun haben wollten und über die Flut der »Ostler« schimpften? Ja, hat ein Verkehrsminister denn nichts anderes zu tun? Könnte er nicht dafür sorgen, dass der Stau auf der A9 (Aufbau Ost!) endlich der Vergangenheit angehört? Das wäre mal ein Beitrag zur Deutschen Einheit! pu
Strandkörbe frei
Mecklenburg-Vorpommern. Die rot-schwarze Regierung von Mecklenburg-Vorpommern hat sich vorige Woche selbst gelobt. Mit vier Prozent Wirtschaftswachstum im ersten Halbjahr 2007 sei man »deutscher Meister«, und jeden Monat entstünden neue Arbeitsplätze, vor allem in der Tourismusbranche. Was die Regenten nicht erwähnten: Ohne seine Nazis würde das Land glatt zum Rimini der Ostsee! Nach einer Umfrage des Tourismusverbands machten 400 000 Menschen wegen der Wahlerfolge der NPD und der braunen Schläger in den vergangenen Jahren deshalb lieber woanders Urlaub. Man schätzt die Umsatzeinbußen auf 120 bis 200 Millionen Euro. gs
Falsche Blicke
Spanien. Ein junger Antifaschist ist am Sonntag in einer Metrostation in Madrid ermordet worden. Als mutmaßlicher Täter wurde ein 24jähriger Berufssoldat festgenommen, der der rechten Szene zugeordnet wird. Auf dem Weg zu einer von der rechtsextremen Partei Democracia Nacional organisierten Demonstration gegen Einwanderung traf eine Gruppe Neonazis auf 20 bis 30 Antifaschisten, die zu einer Gegendemonstration unterwegs waren. Eigenen Angaben zufolge fühlte sich der Festgenommene von den Blicken der Antifaschisten belästigt und griff daher die Gruppe mit einem Messer an. Der 16jährige Carlos J. P. starb durch einem Messerstich ins Herz, zwei weitere Jugendliche wurden verletzt, ein 19jähriger schwer. ak
Terrorgreise vor Gericht
Kambodscha. Gegen den früheren Außenminister der Roten Khmer Ieng Sary und seine Frau Khieu Thirith ist Anklage erhoben worden. Zuvor waren die beiden etwa 80 Jahren alten Eheleute in ihrem Haus in Phnom Penh in Gewahrsam genommen worden. Beide müssen sich wegen Verbrechen gegen die Menschheit, Sary außerdem wegen Kriegsverbrechen, vor einem Völkermordtribunal verantworten. Da der frühere König Sihanuk im Jahr 1996 eine Begnadigung ausgesprochen hat, kann Sary aber nicht mehr wegen Völkermords angeklagt werden. ak
Bewaffnet gegen Juden
Trotz eines gerichtlichen Verbots haben 400 Rechtsextreme und Neonazis am vergangenen Samstag, dem Jahrestag der Reichsprogromnacht, in Prag versucht, durch das ehemals jüdische Viertel der tschechischen Hauptstadt zu ziehen. Ein massives Aufgebot von über 1 500 Polizisten sowie 1 000 Gegendemonstranten verhinderten den Marsch. Eine Gruppe von etwa 30 Neonazis schaffte es dennoch bis in die Altstadt. Im Stadtzentrum kam es zu Ausschreitungen, als einer der Rechtsextremen mit einer Gaspistole in die Menge schoss. Bei den anschließenden Krawallen gab es mindestens sechs Verletzte, darunter einen Polizisten. Knapp 300 Personen wurden festgenommen. Auch Busse deutscher Neonazis waren angereist, von der Polizei aber abgefangen worden. Etliche Waffen, darunter Gaspistolen, Schlagstöcke, Äxte und Messer, wurden beschlagnahmt. ak