14.10.2010
Abdruck aus: »Tage der Angst. Entführt von den Taliban«

Wir leben glücklich und unbeschwert

Ein Reporter der italienischen Tageszeitung La Repubblica wurde vor drei Jahren bei seinem Versuch, ein Interview mit einem Kommandanten der Taliban zu bekommen, zusammen mit seinem Dolmetscher Ajmal und seinem Fahrer Sayed von den afghanischen Gotteskriegern entführt. Die drei Männer waren in den Wochen ihrer Gefangenschaft fortwährend Misshandlungen und Folter ausgesetzt. Ajmal und Sayed wurden ermordet. Daniele Mastrogiacomo hat überlebt und erzählt von fußballspielenden Jihadisten, Gesprächen über die Amputation als pädagogische Maßnahme und dem lautlosen Töten von Menschen.

Strafaktionen kommen ohne Vorankündigung. Die Ketten werden wieder hervorgeholt. Mal fesseln sie mir die Handgelenke, dann machen sie sie wieder los, mal schließen sie stundenlang die Zellentür, dann erweitern oder verengen sie wieder die Ketten, die mir die Fußgelenke zusammenhalten. Sie peitschen mich, nur ein paar Hiebe und ohne ersichtlichen Grund. Ich bin überzeugt, dass es sich dabei immer um Reaktionen auf den Verlauf der Verhandlungen handelt. Es stecken keine persönlichen Gefühle dahinter, ganz offensichtlich entspricht jede Aktion einem exakten Befehl von oben. Toleranz und Strenge geben sich die Hand an diesen schier unendlich langen und immer gleichen Tagen, die wir fast ununterbrochen auf den Stufen aus getrocknetem Schlamm und Stroh verbringen, umgeben von Abfall und in Staubwolken eingehüllt.

Aber die Jugend unserer Gefängniswärter begünstigt eine Beziehung, die sich durch unser erzwungenes Zusammenleben und die kleinen alltäglichen Gesten, die ich als Zugeständnisse interpretiere, allmählich konsolidiert. Das Radio, das zu den Nachrichten eingeschaltet wird, die Art, wie sich ihr Gesichtsausdruck verändert, je nachdem, ob über unsere Entführung berichtet wird, das gemeinsame, immer gleiche Essen – gekochte Kartoffeln und Bohnen in Tomatensoße –, der mehrmals am Tag angebotene Tee.
Ich bekomme mein Essen in einer Blechschale, die anders aussieht als die der anderen. Zuerst halte ich das für eine Höflichkeit gegenüber dem Ausländer. Aber Ajmal erklärt mir, dass es in Wahrheit mit der Tatsache zu tun hat, dass ich kein Muslim und somit ein kafir, ein Ungläubiger bin. Dieselbe Trennung gilt für das Wasser: Um kein Drama auszulösen oder neue Bestrafungen auf mich zu ziehen, muss ich zum Trinken und zum Waschen unbedingt den kleinen Kanister verwenden, den sie mir zur Verfügung gestellt haben. Er ist an einem andersfarbigen Deckel und an einer Einkerbung am Griff zu erkennen.
Jeder Kontakt mit einem Ungläubigen gilt als Sünde und muss vermieden werden. Das Religiöse dominiert alles. Es wird fünfmal am Tag nach festem Ritual gebetet, das hundertprozentig eingehalten wird. Der Maulavi ist neugierig geworden, weil ich in Pakistan geboren bin, und stellt meine spirituelle Kraft auf die Probe. Aber in unseren Gesprächen gibt es viel gegenseitigen Respekt für die Unterschiede, die für uns beide interessant sind.
Zum Zeitvertreib werden kleine Fußballspiele mit einem Plastikball veranstaltet, der inzwischen durch lauter Beulen bis zur Unkenntlichkeit verformt ist. Ab und zu sticht einer der Jungs mit einem Messer, der Lieblingswaffe der Taliban, in diesen harten Klumpen und formt ihn neu, damit er besser über den steinigen und immer zugemüllteren Hof rollt. Sie geraten aneinander, prallen gegeneinander, spielen sich frei, mit Tritten, Ballabgaben und Doppelpässen, die mich erstaunen. Sie lachen, beklagen sich nie und protestieren noch nicht einmal bei ganz offensichtlichen Fouls.
Besonders erstaunt bin ich über die Tatsache, dass sie überhaupt spielen. Während ihres Regimes haben die Taliban nicht nur jede Form von Zerstreuung wie Fernsehen, Kino, Bücher oder Musik verboten, die als Symbol des westlichen Verfalls galten, sondern sogar das Drachensteigen abgeschafft, das ein nationaler Volkssport war. Jetzt sehe ich sie unmittelbar vor dem zufrieden zuschauenden Maulavi und sogar vor commandant Haji Lalai Fußball spielen, der schreit, anfeuert, Anteil nimmt, lächelt und diese zukünftigen Jihad-Kämpfer in Anflügen von Sanftmut umarmt wie ein fürsorglicher Vater. Als sie sich in einem kleinen Turnier messen wollen, bitten sie mich, den Schiedsrichter zu spielen, da meine Fußgelenke ja sowieso in Ketten stecken, ich also zu nichts anderem gut sei.
Sie befolgen alle meine Hinweise und akzeptieren jeden meiner Eingriffe. Als ich sie frage, warum die Taliban das Fußballspiel erlauben, während sie alle anderen Zerstreuungen verbieten, antworten sie mir im Chor: »Aber das ist doch football!«

Für den Verhandlungstisch wird ein Signal oder irgendetwas gebraucht, das ausreichend stark Druck macht. Am Nachmittag des 15. März kommt der Maulavi plötzlich in die Zelle und weist Ajmal an, mir zu sagen, dass ich einen Appell nach draußen richten soll. Er sieht meinen Dolmetscher dabei ernst an, während sich dessen Gesicht verzieht und er zu weinen beginnt. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, und ich bitte ihn, mir das Gesagte zu übersetzen. Ajmal antwortet mir mit erstickter Stimme: »Du musst einen Appell formulieren. Wir haben nur noch zwei Tage, dann bringen sie uns um.« Ich stehe auf und greife nach dem Satellitentelefon, das mir der Mullah reicht, und höre, dass niemand in der Leitung ist. Es geht also um eine Aufnahme. Meiner Stimme ist die Beunruhigung anzumerken, sie klingt ernst und dramatisch: »Ihr müsst alles nur Mögliche tun, ihr müsst die Bedingungen der Taliban akzeptieren. Uns bleiben nur noch zwei Tage, ich wiederhole: zwei Tage, dann bringen sie uns um.«
Unsere Gefangenschaft hat eine Wendung genommen. Die Uhr tickt: Alle – und allen voran die Taliban – wollen dieses Spiel beenden, das jetzt auch für sie zu mühselig wird. Sie brauchen ihre Kämpfer an der Front, können es sich nicht mehr leisten, Leute für uns abzustellen. Zwei Stunden nach dem Anruf kommt ein junger Mann namens Luthar ins Haus. Er stellt sich als werdender Journalist vor. Wer er wirklich ist, wird nicht deutlich. Sie haben ihn damit beauftragt, den Kontakt zu den Medien herzustellen. Mit geschulterter Videokamera führt er mich auf das Feld, das hinter den beiden Haupthäusern liegt. Wir drehen einen kurzen – den zweiten – Film. In Großaufnahme richte ich mich an die italienische Regierung und ans Parlament. Ich muss einen Moment überlegen, was ich sagen soll. Dann beschließe ich, mich direkt an Ministerpräsident Romano Prodi zu wenden.
Hinter mir haben sich die Soldaten mit angelegten Gewehren und Maschinenpistolen im Kreis aufgestellt, ihre Gesichter sind von den Zipfeln ihrer Turbane bedeckt. Die Szene ist bedrohlich, sie macht einen starken Eindruck. Die ohnehin bedrängende Atmosphäre wird durch einen Sturm aus Staub und Sand zusätzlich verstärkt. Nach nur einer Stunde fordert mich der Kameramann auf, noch eine dritte Videoaufnahme zu machen: Der Appell, den ich an den italienischen Außenminister Massimo D’Alema richte, ist noch dramatischer. Ich bin immer beunruhigter, verstehe nicht, warum sie in so kurzer Zeit so viele Aufnahmen machen müssen. Offenbar sind sie mit dem, was sie haben, nicht zufrieden. Sie wollen noch eine vierte Aufnahme. Die Stimmung ist bis zum Äußersten gespannt, jetzt richten sie die Waffen auf meinen Kopf. Die Adressaten dieser letzten Aufnahme sind der Chefredakteur von La Repubblica, Ezio Mauro, der Journalistenverband und der nationale Presseverband: Ich flehe die Kollegen an, sich mit mir zu solidarisieren, und sage, dass es nicht nur um mein Leben geht, sondern um freie Information. Ich bitte sie, alles nur Mögliche für unsere Befreiung zu tun. Die Taliban machen mir keine Vorschläge, ich entscheide selbst, was ich sage.

Zuerst spreche ich auf Englisch, dann auf Italienisch. Der Kameramann nickt. Er scheint nicht überzeugt zu sein, sagt aber, die Aufnahmen seien in Ordnung und würden verschickt. An wen und wohin, sagt er nicht. Ich denke, dass sie den Fernsehsendern zur Verfügung gestellt werden sollen, glaube aber auch, dass sie der Regierung und den Leuten übermittelt werden können, die an den Verhandlungen beteiligt sind. Als ich in die Zelle zurückkehre und sie die Tür hinter mir schließen, werde ich wieder von einer Angst überfallen, die mir Atemnot bereitet.

Am Freitag morgen, dem 16. März, kommt Haji Lalai wieder. Er ist ganz ruhig und lädt den Dolmetscher und mich ein, mit den anderen zusammen zu frühstücken. Es wird über verschiedene Themen gesprochen. Ich höre zu und antworte, bin und bleibe aber innerlich unruhig. Ich werfe mir vor, meinen Kidnappern gegenüber zu offen gewesen zu sein. Ich muss achtsam bleiben, darf mir nicht vormachen, ich wäre nur einen Schritt von der Befreiung entfernt. Während ich spiele, rede, mich ablenke, spüre ich die ganze Zeit das Messer am Hals. Ich stehe körperlich und geistig kurz vor dem Zusammenbruch.

Die Anwesenheit von Luthar, dem Kameramann der Taliban, tröstet mich. Ich möchte ihn gern als Kollegen betrachten und versuche, so etwas wie eine stumme Solidarität bei ihm auszulösen. Vielleicht hat er Verständnis für meine Position und den Sinn und die Bedeutung des ursprünglich geplanten Interviews. Vielleicht versteht er, was für einen Fehler die Taliban – zumindest in Hinblick auf ihr internationales Ansehen – mit unserer Entführung begangen haben. Ich setze auf seine Sensibilität. Er spricht ein paar Worte Englisch, ich kann mich also direkt an ihn wenden und etwas genauer nachfragen, was eigentlich gerade passiert. Die Videos, die er gedreht hat, und meine dramatische Botschaft mit dem Zwei-Tage-Ultimatum widersprechen der heiteren Atmosphäre, die zuvor geherrscht hatte. »Ist irgendwas schief gegangen?« frage ich. »Finden sie keine Einigung? Wie lauten die letzten Forderungen? Rückzug der Truppen, Austausch der Gefangenen?« Eine Salve von Fragen, auf die Luthar nur vage antwortet. Er könne mich nicht über Details informieren, die anderswo entschieden würden, sagt er, aber er wolle ehrlich mit mir sein. Ich bin sicher, dass auch er den Befehlen der Taliban-Führung gehorcht. Unser Fall ist längst an die Oberste Schura übergeben, die von Mullah Omar, dem Kommandanten der Gläubigen, angeführt wird.
Luthar spricht häufig mit Ajmal. Beide machen ein ernstes Gesicht, der Dolmetscher hört zu und nickt ergeben ob des Schicksals, das sich abzuzeichnen scheint. Ich bitte Ajmal, für mich zu übersetzen, und versuche, der Unterhaltung zu folgen, indem ich im Gesicht meines Übersetzers lese. Ein schwieriges Unterfangen.

Kommandant Haji Lalai sitzt auf einem großen Tuch, das in der Mitte des Hofes ausgebreitet ist. Bei ihm sind sein Stellvertreter Ali Ahmad, der Mullah Maulavi und die Jungs, die uns bewachen. Sie rufen uns wieder nach draußen, wir sollen uns zu der Gruppe gesellen. Heute werden wir alle zusammen essen. Nur Sayed fehlt, seit einem Tag ist er verschwunden. Sie haben zwei Päckchen Zigaretten und einen Beutel Orangen mitgebracht. Darum hatte ich gebeten, ich hatte ein Bedürfnis nach Vitaminen. In der Provinz Helmand sind Orangen eine Seltenheit, sie wachsen im Norden Afghanistans, es ist nicht leicht, hier welche zu finden. Aus der Einkaufstasche schauen auch Zahnpasta und eine Zahnbürste hervor. Nach zehn Tagen kann ich mir endlich die Zähne putzen. Ich putze sie mir gleich zweimal hintereinander und noch ein drittes Mal. Außerdem kann ich mich endlich in einem Taschenspiegel anschauen, den der Kommandant für mich aus der Brusttasche seines Hemdes zieht. Ich habe tiefe Ringe unter den Augen, die Falten sind tiefer geworden, sie sind jetzt echte Furchen, die das eingefallene, gequälte Gesicht zeichnen.

Haji Lalai hat auch noch ein Geschenk für mich: einen MP3-Player inklusive Kopfhörern mit den 114 Suren des Korans. Auf einem kleinen Anzeigenfeld / Display erscheint jeweils die englische Übersetzung. Der commandant überreicht mir das Gerät und lädt mich ein, es zu benutzen und dabei den auf dem Display durchlaufenden Text zu lesen. Als ich ein paar Minuten hineinhöre, lenkt mich das ab und hilft mir, mich zu entspannen. Ich sehe, dass unsere neugierigen Gefängniswärter fasziniert sind von dem Geschenk, das sie für ein Privileg halten.
Wir essen, wie gewohnt, Kartoffeln mit Bohnen. Zum Aufnehmen der Speise wird Brot verwendet, das ich zu diesem Zweck inzwischen gekonnt in die richtige Form bringe. Mein Magen ist zu, ich bekomme nichts herunter. Ein paar Bissen nur, dann widme ich mich den Orangen, die ich mit Appetit esse. Zwei für jeden, ohne Ausnahme. Ich genieße sie, wahrscheinlich werde ich so bald keine mehr bekommen. Wir essen, trinken Wasser und Tee und reden weiter über unser Leben. Der Maulavi interessiert sich sehr für die Kriterien, die in unserem Rechtssystem angewandt werden, und für unsere sexuellen Beziehungen. Die Taliban haben ein großes Interesse daran, die Normen zu verstehen, die das Sozialverhalten im Westen regulieren.
Haji Lalai hört aufmerksam zu. Die Jungs, die in respektvollem Abstand zu den drei Anführern der Gruppe sitzen, die uns entführt hat, sind still und halten die Köpfe gesenkt. Der Mullah fragt mich, welche Strafe für jemanden vorgesehen ist, der einen Menschen tötet. Ich erkläre, dass wir ein Strafgesetzbuch und ein Bürgerliches Gesetzbuch haben und dass es bei uns auf ethischer und moralischer Ebene als sehr schlimm gilt, einem Menschen das Leben zu nehmen. Der Maulavi hakt nach: »Aber was für eine Strafe sieht eure Religion vor?« Ich versuche, differenziert zu antworten, und erkläre ihm, dass es sogenannte Todsünden gibt, für die wir uns vor Gott verantworten müssen. Ich füge hinzu, dass Mörder es im irdischen Leben jedoch mit der menschlichen Rechtsprechung zu tun haben. Dass sie einen Prozess und ein Urteil bekommen, die auf Gesetzen beruhen, die wiederum für den Strafbestand eines Mordes eine bestimmte Anzahl von Jahren im Gefängnis vorsehen. Außerdem sage ich, dass wir gegen die Todesstrafe sind und dass es spezifische, strafmildernde Umstände gibt. »Bei uns ist die Vergebung ein wichtiger Faktor. Sie hat im endgültigen Urteil ihr Gewicht, selbst wenn es um einen Mord geht«, schließe ich.
Ich betone, dass es eine Trennung zwischen der Religion und den bürgerlichen Institutionen gibt. Der Maulavi hört versunken zu. Schließlich erwidert er: »Bei uns ist es anders. Die Religion ist der Staat. Alle unsere Regeln stehen im Koran. Wenn ein Mann einen anderen tötet, können und müssen sogar die Familienangehörigen des letzteren den Mörder umbringen. Wenn sie es nicht schaffen, tun wir es. Wir gehen ihn holen und exekutieren ihn öffentlich, vor aller Augen. Dieses Haus hier«, fügt er mit einer großen Geste hinzu, die symbolisch das Anwesen umfasst, in dem wir gefangen gehalten werden, »hat einem Mörder gehört. Jetzt steht es uns und allen denen zur Verfügung, die es brauchen. Für uns ist der Begriff der Solidarität wichtig. Man hilft den Schwächeren, den Kranken, den alten Menschen, den Witwen, den Armen.«
»Auch für einen Dieb gelten diese Regeln«, fährt der Maulavi fort. »Ihm wird die rechte Hand amputiert. Wird er auf frischer Tat ertappt, verliert er auch den linken Fuß. Das dient als Warnung. Bei uns gibt es keine Räuber oder Mörder. Die Menschen sind selbst tief in der Nacht sicher auf den Straßen, die Häuser brauchen nicht bewacht zu werden. Wir leben glücklich und unbeschwert, wir fühlen uns geschützt.« Ich frage: »Gibt es denn keine Gnade? Ist so etwas wie Vergebung gar nicht vorgesehen?« Jetzt schaltet sich Haji Lalai ein: »Es gibt beides. Aber das bleibt den Familienangehörigen des Getöteten oder Beraubten überlassen. Wenn sie um Gnade bitten, ist der Schuldige in Sicherheit und kommt frei. Aber dann sind wir sicher, dass er es nicht wieder tun wird.«
Der Maulavi hat noch viele Fragen. Er möchte wissen, wie wir uns lieben, wenn wir uns lieben, und wie wir uns während der Menstruation unserer Gefährtinnen ihnen gegenüber verhalten. Ob wir und wie oft wir uns waschen, ob vorher oder nachher. Ich antworte sachlich und lasse aus, wogegen die Taliban empfindlich reagieren könnten. Sie suchen Bestätigung für den angeblichen Sittenverfall, dessen sich die westliche Gesellschaft in ihren Augen schuldig macht. Ich setze auf die Freiheit der Wahl, ein Privileg, das sich unsere Gesellschaft mühsam unter Tausenden Kämpfen und viel Leid erkämpft hat.
Doch der eigentlich wunde Punkt ist für die Taliban die Krankheit Aids. Sie empfinden sie als Bedrohung und bekämpfen sie mit sehr strengen Verhaltensregeln. Sex wird nur mit der eigenen Partnerin praktiziert. Wer gegen die Monogamie verstößt, wird mit Steinigung bestraft. »Nur so können wir eine Ansteckung verhindern«, fügt der Mullah hinzu. »Bei euch sind die Regeln unbestimmt, sie lassen sich ganz unterschiedlich auslegen. Es gibt keine Klarheit. Deshalb seid ihr auch umgeben von Mördern, Räubern und Verrätern. Deshalb gehen Paare so leicht wieder auseinander. Die Menschen fühlen sich nicht sicher.« Haji Lalai ergänzt seufzend: »Und deshalb seid ihr zu ewiger Dunkelheit verdammt.« Wir schweigen, jeder hängt seinen Gedanken nach über dieses Gespräch, in dem es keine Gemeinsamkeiten geben kann. Die Unterschiede sind durch einen Fundamentalismus und Fanatismus zementiert, die einem Vergleich keinen Raum lassen. Ihre Gewissheit ist der Pfeiler, der ein ganzes soziales und gesellschaftliches System trägt. Auch nur der geringste Zweifel würde es zusammenbrechen lassen.

Ein Dutzend Orangen ist noch übrig. Wir teilen sie in immer entspannterer Atmosphäre. Ein paar Schalen fliegen durch die Luft, weitere folgen, unter Lachen, Witzen und Scherzen bricht schließlich eine kleine Schlacht aus. Der Hof ist übersät mit diesen Orangenresten, als die Satellitentelefone wieder klingeln. Ich habe weder Lust noch die Kraft, an diesem Fest teilzunehmen. Es passt nicht zu uns Gefangenen und zu unserem Leben, das an einem seidenen Faden hängt. Als ich aufstehe, werde ich aufgefordert zu bleiben. Ich verstehe nicht, worum es am Telefon geht.
Aus einem Augenwinkel sehe ich, wie von hinten jemand herankommt. Ich drehe mich um und erschrecke, das Herz klopft mir bis zum Hals. Es ist Sayed, der seit ungefähr 24 Stunden verschwunden war. Er war die ganze Zeit im Pick-up des Kommandanten eingesperrt. Ich schaue ihn an, wie er mit seinen noch in Ketten steckenden Füßen winzige Schritte macht, die Hände sind auf dem Rücken gefesselt, genau wie die Talibankämpfer trägt er ein breites weißes Stirnband. Sein Gesicht ist geschwollen, sein weißer Schalwar verschmutzt von Erde und etwas Dunklem, das wie Blut aussieht. Es tröstet mich, dass er noch lebt, auch wenn sie ihn geschlagen und gefoltert haben. Ich bin sprachlos, während mir tausend Gedanken durch den Kopf schießen.
Keiner der Soldaten würdigt ihn eines Blickes. Seine Anwesenheit ist normal, so wie sein Verschwinden normal war. Was mich im Nachhinein überrascht, war die Antwort des erwachsensten der Jungs, der auch physisch und militärisch am besten ausgebildet ist, auf meine Frage nach Sayed. Er hatte die Geste von zerreißenden Ketten gemacht und von einer Rückkehr nach Hause. »Home«, hatte er gesagt, »home, free.« Dass ich den Fahrer jetzt sehe, wie er taumelt und allein, mit verbundenen Augen, in eine andere Zelle eingesperrt wird, erfüllt mich mit Freude und macht mich wütend zugleich. Wieder einmal haben sie uns getäuscht. Sie erzählen uns ständig einen Haufen Lügen. Sie lügen, wenn sie uns sagen, dass wir bald frei sein werden und nach Hause können, sie lügen, wenn sie uns bitten, Geduld zu haben. Sie wollen uns bei guter Laune halten, geben uns zu essen und wollen verhindern, dass wir krank werden. Um uns dann im geeigneten Moment umzubringen, mit einem makabren Ritual, vielleicht sogar vor laufender Kamera, um das Verbrechen festzuhalten und der Welt als Warnung vorzuhalten. Ich denke an Ajmal und begreife, dass er Recht hat. Er ist Afghane, er kennt diese Leute, hat die Erfahrung am eigenen Leib gemacht: Diesen Menschen kann man nicht vertrauen. Niemals.

Der Mord, die grausame Exekution, folgt eine Stunde später. Luthar kommt auf einem schwarzen Motorrad angefahren. Er ist ein wenig nervös, erklärt uns, dass wir noch ein Video drehen müssen. Schon wieder. Es geht um das Übliche: um einen eindringlichen Appell an die italienische und die afghanische Regierung, die Verhandlungen voranzutreiben. Wir setzen uns in Bewegung, Kommandant Haji Lalai ist mit dem Pick-up fortgefahren, wird aber dabei sein. Wir steigen auf einen Pick-up, es ist ebenfalls ein Toyota mit offener Ladefläche, aber kein Turbo V8. Wir lassen uns nieder, so gut es geht, die Hände eng auf dem Rücken gefesselt, die Füße in Ketten. Endlich sehen wir Sayed von Angesicht zu Angesicht. Er hat ein schreckliches Bedürfnis zu reden, flüstert jedoch nur ein paar Worte, die vom Lärm des Motors geschluckt werden, und teilt sich vor allem mit den Augen mit.
Unsere neun Aufpasser sind auch dabei, dazu zwei junge Burschen, die wir bisher nie gesehen haben, und der Talib mit der Videokamera. Alle haben eine Kalaschnikow und schwere Maschinenpistolen geschultert. Eine halbe Stunde lang bleiben wir inmitten von Mohnfeldern stehen und warten auf irgendetwas. Der Mohn sieht aus wie Zichorie, die rosa, violetten, roten und gelben Blütenblätter öffnen sich über einer harten Kapsel mit langem Stiel. In zwei Wochen wird sie mit einem speziellen Messer mit einer Dreifachklinge eingeschnitten. Über Nacht kommt dann eine milchige weiße Paste heraus, die im Kontakt mit der Luft dunkel wird. Am nächsten Tag wird sie mit Spachteln gesammelt und in einen Behälter getan, den der Stecher um den Hals trägt. Dadurch, dass er ständig den starken Geruch einatmet, den die Opiumpaste verströmt, ist er nach der Ernte fix und fertig. Ich höre, dass die Arbeit gut bezahlt ist: Die Arbeiter bekommen für zwei Wochen 300 Dollar. Alle Männer zwischen acht und 60 Jahren, darunter auch die Taliban, dürfen diese Arbeit tun. Ich weiß nicht, was uns erwartet. Ahnungslos schaue ich über dieses Mohnblütenmeer.

Die Hitze erdrückt mich, die Warterei zieht sich hin. Ich sitze unbequem und versuche, mich auf der Ladefläche zurechtzurücken. Aber unsere Aufpasser befehlen mir, unter dem gelben Turban und dem grünen Tuch über dem Kopf versteckt an meinem Platz zu bleiben. Luthar, der Kameramann, steigt aus dem Fahrerhäuschen aus und sagt mir auf Englisch, dass das Video an einem kühleren Ort gedreht werden soll. Wir fahren wieder los, über neue Wege, kleine Brücken, in eine Seitenstraße, um einen kleinen Sandwall herum und kommen zu einem verlassenen Stück Land, das sich bis zum Fluss Helmand zieht. Es ist ein Ort, den ich nie mehr vergessen werde. Ich werde noch mehrmals hierherkommen, zuletzt mit Ajmal, kurz bevor wir freigelassen werden. Auch in meinen Träumen wird mir dieser Ort häufig erscheinen.

Der Wagen hält inmitten dieser Wüste. Rechts von uns fließt der Fluss. Die Jungs verteilen sich auf den Dünen und am Ufer, um sicherzustellen, dass sich kein Fremder nähert. Jetzt kommt auch der Pick-up des commandant. Haji Lalai deutet mit der Hand einen Gruß an. Sayed sitzt zwei Meter vor mir. Seine haselnussbraunen Augen sind weit aufgerissen, er will mir etwas mitteilen. Ich frage ihn, wie immer mit winzigen Gesten, ob sie ihn geschlagen haben. Er nickt. Viel, gibt er mir zu verstehen. Sie haben ihm wirklich übel mitgespielt. Ich kann mir vorstellen, wie und wo. Aber er wirkt gelassen. Er ist überzeugt, dass wir bald frei kommen, und fügt hinzu: »Du und Ajmal nach Kabul, dann Italien, Europa. Ich hier, ich bleibe in Laschkargah.« Er rührt mich. Ich tröste ihn, sage ihm, dass auch er nach dieser furchtbaren Erfahrung Afghanistan verlassen kann. Ich verspreche ihm, dass ich alles tun werde, damit er ein Visum erhält. »Auch du«, füge ich hinzu, »Kabul und dann Italien.« Sayed schafft es, mir unmerklich näher zu rücken. Er schaut mich bittend an: »Car, car. I need a new car for my job.« Ich brauche für meine Arbeit ein neues Auto.
Sein Toyota Corolla ist direkt nach dem Überfall verschwunden. Sayeds Hauptsorge gilt seiner Familie: Er muss eine Frau und vier Kinder unterhalten. Und ein fünftes ist unterwegs. Den Luxus, arbeitslos zu sein, kann er sich nicht leisten. Ich bin zutiefst beeindruckt: Selbst in so spannungsgeladenen Momenten, in denen Todesgefahr lauert, denkt Sayed an die Arbeit. Trotz der Gewalt und Folter, die er wahrscheinlich in den letzten 24 Stunden erlitten hat, hat der Fahrer die Kraft, seine Zukunft zu planen. Er ist gelassen. Das beruhigt mich. Er wird etwas mitbekommen haben, das ich nicht weiß, das ich nicht verstehe. Ich spreche kein Paschtu.
Ich sehe, wie Haji Lalai, sein Stellvertreter Ali Ahmad und der Maulavi oben auf einer Sand­düne miteinander sprechen. Sie sind allein, kehren uns den Rücken zu und schreiben etwas auf ein Stück Papier. Sie weisen die Soldaten an, die Türen der Pick-ups zu öffnen, aus deren Lautsprechern Kampflieder der Taliban tönen. Wir werden geholt, in die Mitte dieser Ebene begleitet und müssen uns nebeneinander setzen. Mit einem leichten Stück Stoff verbinden sie uns die Augen. Commandant Haji Lalai steht schon hinter mir. Ihre Gesichter sind von den Schals und Turbanen verdeckt.
Dieses Detail alarmiert mich, ich bin sicher, dass gleich etwas Schlimmes geschehen wird. Der commandant liest eine Mitteilung, die in Wahrheit ein Urteil ist: »Im Namen Allahs, des Barmherzigen und des Höchsten, werden Sayed Agha, Ajmal Naqshbandi und Daniele Mastrogiacomo für auf dem Territorium der Taliban verübte Spionageaktivitäten zum Tod verurteilt.« Ich verstehe kein Wort, höre aber, wie Ajmal anfängt, bitterlich zu weinen. Er weint und schluchzt, wie ich das bei ihm noch nie erlebt habe.
Mit erstickter Stimme frage ich ihn, was denn los ist und was der Kommandant gesagt hat. Er antwortet nur schluchzend: »Sie haben uns zum Tod verurteilt.« Jetzt wende ich mich an Haji Lalai: »Was passiert hier, commandant? Ich verstehe nicht, warten Sie einen Moment, hier liegt ein Fehler vor.« Ich versuche, meine Fassung zu bewahren, kann aber nicht aufhören zu stottern. Ich erhebe mich in den Kniestand, meine dünne rote Augenbinde, die das Licht durchscheinen lässt, ist leicht nach oben verrutscht. Ich hebe den Kopf. Die Szene, die sich nur wenige Meter vor mir abspielt, ist entsetzlich. Erstarrt und völlig von Panik erfasst, schaue ich hin. Mein Magen zieht sich zusammen und wird hart wie ein Stein, nur mit Mühe kann ich den Brechreiz unterdrücken.

Sayed ist vor uns geführt worden; drei oder vier starke Burschen stehen hinter ihm, halten ihn fest, stoßen ihn in den Sand und ersticken ihn. Jetzt sind sie über ihm und drehen ihn um. Das Messer ist schon herausgezogen, einer unserer Aufpasser hält es in der Hand. Die Klinge sehe ich nicht, aber ich sehe, wie etwas in Sayeds Hals hineinsticht, sehe einen sauberen, präzisen Schnitt, ohne Spasmus, Stöhnen, Schreie, Stöße. Die Szene spielt sich in eisiger Stille ab. Dann wieder die Hand des einen Taliban, die sich an dem Hals zu schaffen macht. Sayed bewegt sich schon nicht mehr, sein Kopf wird abgetrennt und auf einen Baumstumpf gelegt, das Messer an seinem weißen Gewand gereinigt.
Es gibt keine Spritzer, aus den durchschnittenen Adern sprudelt kein Blut. Es ist nicht das Werk eines Schlachters. Schlimmer noch: Es ist ein barbarisches, grausames Ritual, das sich in religiösen Mystizismus kleidet. Ich kann den Blick nicht abwenden. Jetzt sind wir dran. Ich bin sicher. Wir können kaum hoffen, mit dem Leben davonzukommen. Das Urteil wiegt schwer wie Blei: Sie haben uns wegen Spionage zum Tod verurteilt. Ajmal bestätigt es mir, er weint immer noch pausenlos. Mein Brechreiz wird immer schlimmer.
Der geköpfte, leblose Körper des Fahrers wird vorsichtig hochgehoben und zum Flussufer getragen, auf die Wasseroberfläche gelegt und auf seine letzte Reise geschickt. Luthar steht mit der Videokamera in der Hand daneben. Er filmt gerade diese letzte Szene, als jemand zu mir tritt und mir die Augenbinde festzieht. Vielleicht haben sie bemerkt, dass ich alles gesehen habe.

Ich bin unter Schock, von unaufhörlichen Krämpfen geschüttelt. Ich stehe auf, drehe mich zu Hajai Lalais Pick-up hin. Ich frage noch einmal, was hier geschieht, und tue so, als hätte ich nichts gesehen oder gehört. Mit wild klopfendem Herzen erwarte ich, dass die Reihe gleich an mich kommt, stelle mir vor, wie ich gepackt, im Sand erstickt, enthauptet werde und mein Körper der Strömung des Flusses überlassen wird, um dann irgendwo in der Vegetation oder an einem dieser kleinen Staudämme hängen zu bleiben, mithilfe derer das Bewässerungssystem versorgt wird. Von den Fischen gefressen. Vermisst, meiner Familie nie zurückgegeben. Ich spüre eine Berührung an der Schulter, drehe mich ruckartig um. Sie nehmen mir die Augenbinde ab, der Kommandant steht lächelnd vor mir. Ich hasse ihn aus ganzem Herzen. Er ist in der Lage, zu töten und dann, ohne mit der Wimper zu zucken, zu lachen. Er gibt einen Befehl an die Jungs aus, die schon auf der Ladefläche des Lieferwagens sitzen. Sie führen mich, die Hände und Füße gefesselt, zum Wagen. Ajmal folgt mir, immer noch zitternd und schluchzend. »Sie töten uns nicht, sie töten uns nicht«, sage ich mir wie besessen immer wieder. Aber ich habe Angst: Der Tod wird ab jetzt ein ständiger Begleiter unserer Gefangenschaft sein. Wir müssen lernen, Tag und Nacht damit zu leben, dass uns jederzeit die Kehle durchgeschnitten werden kann.
Sie haben uns verurteilt. Die Exekution ist nur aufgeschoben.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags aus: Daniele Mastrogiacomo: Tage der Angst. Entführt von den Taliban. Aus dem Italienischen von Judith Elze. Tropen-Verlag, Stuttgart 2010. 200 Seiten, 17,95 Euro. Das Buch erscheint dieser Tage.