Besuch bei Angehörigen der verschwundenen mexikanischen Studenten

Die Familien von Ayotzinapa

Die Angehörigen der Ende September im mexikanischen Iguala verschwundenen Studenten setzen sich weiter für die Aufklärung des Verbrechens ein.

Seit dem gewaltsamen Verschwindenlassen der 43 Studenten der Lehramtsschule »Raúl Isidro Burgos« im mexikanischen Ayotzinapa sind fast sechs Monate vergangen. Gewissheit haben ihre Angehörigen und Kommilitonen immer noch nicht, der Schmerz bleibt. »Wir haben alles verloren«, sagt Mario César González Contreras mit schleppender Stimme im Gespräch mit der Jungle World. Er ist der Vater von César Manuel González Hernández, einem der 43. Der 21jährige César, genannt Marinela, hatte Jura studiert, träumte jedoch davon, Lehrer zu werden. Dafür ließ er seine Familie in Tlaxcala zurück und zog ins Lehramtsinternat von Ayotzinapa im Bundesstaat Guerrero. Don Mario, wie sein Vater genannt wird, lebt nun fast die ganze Zeit in dieser Schule. Wie viele weitere Angehörige ist auch er nach der Nacht des 26. September, als die Studenten verschwanden, dorthin gezogen, um für die Rückkehr der Söhne zu kämpfen. Er weist darauf hin, dass er deswegen nicht nur seine Arbeit verloren habe: »Nicht einen Tag sind wir nach Hause gegangen. Wir haben unsere Familien nicht besucht. Wir sind dabei, auch diese zu verlieren.« Im Menschenrechtszentrum Pro DDHH, wo sie unterkommen, wenn sie sich in Mexiko-Stadt aufhalten, befinden sich einige Eltern der Verschwundenen. Es ist der 13. Februar, sie haben in der Hauptstadt an verschiedenen Solidaritätsveranstaltungen teilgenommen. Der Tag war lang, die Kälte ist spürbar und es fehlen nur noch wenige Minuten bis Mitternacht. Don Mario und seine Frau Hilda Hernández sowie Hilda Legideño Vargas, die Mutter von Jorge Antonio Tizapa, 20 Jahre alt und Vater eines Babys, sehnen sich nach etwa Ruhe. Jorges Mutter hat noch einen 18jährigen Sohn. »Ich habe meinen Sohn sehr vernachlässigt. Ich musste ihn über mehrere Wochen verlassen. Auf der Arbeit haben wir auch alles liegen lassen«, bedauert sie. Césars Mutter fügt leise hinzu: »All das, damit wir das Ziel, unsere Söhne zu finden, klar vor Augen haben können.« Für Javier Hernández Valencia, Repräsentant des UN-Menschenrechtskommissariats in Mexiko, der die Lehramtsschule Anfang Dezember 2014 besuchte, stand zweifelsfrei fest: Die 43 jungen Männer und ihre Familien sind Opfer von gewaltsamem Verschwindenlassen. Der mexikanische Staat sei sowohl hierfür verantwortlich wie auch für die Morde an Julio César Ramírez, Daniel Solís und Julio César Mondragón am 26. September – letzterer wurde tags darauf tot und verstümmelt aufgefunden. Ihm waren die Augen ausgestochen und die Gesichtshaut heruntergezogen worden. Drei weitere Menschen wurden in jener Nacht außer den Studenten ermordet, über 20 verletzt. Der Gesundheitszustand von zweien von ihnen ist immer noch kritisch. Wegen der weltweiten medialen Aufmerksamkeit und des politischen Drucks in Deutschland kam Ende Februar der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Strässer (SPD), nach Ayotzinapa. Politische Wandbilder zieren das dortige Schulgebäude. Neben den Konterfeis von Che Guevara und Subcomandante Marcos, des ehemaligen Sprechers der EZLN, sind Porträts von Lucio Cabañas Barrientos und Genaro Vázquez zu sehen. Beide hatten in den sechziger Jahren in der Lehramtsschule studiert. Cabañas wurde Grundschullehrer und gründete und leitete später die »Partei der Armen«, die sich zu einer Guerilla­gruppe entwickelte. Auch Vázquez war Guerillero. In Hinblick auf die verschwundenen Studenten sagte Christoph Strässer, er könne nach seinem Kenntnisstand nicht ausschließen, dass bei dem Verbrechen am 26. und 27. Februar in Iguala deutsche Waffen zum Einsatz gekommen seien. Bei den Ermittlungen waren etwa drei Dutzend Sturm­gewehre vom Typ G-36 der deutschen Firma Heckler & Koch bei der örtlichen Polizei in Iguala aufgefunden worden. Mexiko hat eine lange Tradition des gewaltsamen Verschwindenlassens. Es reicht, den Bundesstaat Guerrero zu passieren, in dem sich die Gemeinde Tixtla befindet, zu der Ayotzinapa gehört, und den Bewohnerinnen und Bewohnern einiger Dörfer zuzuhören. In Atoyac de Álvarez wird erzählt, dass es ungefähr 300 Verschwundene in der Zeit des »schmutzigen Kriegs« gegeben habe. In der etwa 270 Kilometer entfernten Gemeinde San Luis Acatlán seien es mehr gewesen: 500 Verschwundene habe es dort im gleichen Zeitraum gegeben. Als »schmutziger Krieg« gilt gemeinhin die Epoche zwischen 1965 und Anfang der achtziger Jahre, als der mexikanische Staat eine brachiale Aufstandsbekämpfungsstrategie gegen politische Gruppen und Bewegungen sowie die lokale Zivilbevölkerung in einigen Teilen des Landes anwandte. Die mexikanischen Militärangehörigen, oft ausgebildet in der in ganz Lateinamerika berüchtigten School of the Americas der USA, waren gründlich: Mindestens 25 000 Menschenleben kostete der »schmutzige Krieg« nach Schätzungen von Menschenrechtlern. Auch der Guerillero Lucio Cabañas kam dabei ums Leben, die »Partei der Armen« wurde zerschlagen. Die Witwe von Genaro Vázquez klagte später an, dessen Tod sei in Wahrheit eine extralegale Hinrichtung gewesen. Offiziell starb er im Krankenhaus an den Folgen der Verletzungen, die er bei einem Autounfall erlitten hatte. Der Untätigkeit der mexikanischen Behörden im Fall der 43 Studenten zum Trotz haben Angehörige und zivile Organisationen selbst damit angefangen, in der Region um die Stadt Iguala, dem Ort des Verschwindenlassens, nach geheimen Massengräbern zu suchen. Bereits vor dem 26. September habe die Staatsanwaltschaft Massengräber entdeckt, ohne dass sie es bekannt gegeben habe, sagt Mario González der Jungle World. Schnell wurde die vielerorts bei Protesten für die Verschwundenen skandierte Parole »Es war der Staat« daher von einem anfänglichen Gerücht zur Gewissheit, die lediglich die mexikanische Regierung noch nicht anerkennen will. Es geht nicht mehr nur um die Beteiligung des organisierten Verbrechens oder der Lokalpolizei. »Unsere Söhne wurden von Gemeindepolizisten in Komplizenschaft mit dem Militär geholt. Und da die Bundesregierung nicht gegen die Militärangehörigen ermitteln will, verheimlicht sie etwas«, vermutet Hilda Legideño. Generalstaatsanwalt Murillo Karam verneinte, dass Soldaten etwas mit dem Angriff auf die Studenten zu tun gehabt hätten. Zeugen behaupten, Soldaten hätten verletzte Studenten im Krankenhaus fotografiert und ihre Daten aufgenommen. Karam sagte, allenfalls sei es darum gegangen zu überprüfen, dass dort keine Bewaffneten seien. Vergangene Woche wurde zudem berichtet, dass sich die Landespolizei vermutlich passiv verhalten hat, obwohl sie Berichte über die Angriffe auf die Studenten erhalten hatte. Seit die Welt vom Verbrechen in Guerrero erfahren hat, haben die Familien seitens der Zivilgesellschaft viel Unterstützung und Solidarität erfahren. Dadurch schaffen sie es derzeit, ökonomisch zu überleben. Auch die Zapatisten haben offiziell ihre Solidarität bekundet, im November und Dezember vergangenen Jahres luden sie zudem einige Eltern der 43 ein. Mario erläutert, dass sie gegen die gleiche Regierung kämpften, dass die Zapatisten »für ihr Stück Land kämpfen und wir kämpfen für unsere 43 Söhne«. In der Lehramtsschule von Ayotzinapa heißt es seitens derjenigen Studenten, die tagtäglich für Aufklärung des Schicksals der Verschwundenen kämpfen: Unsere Kommilitonen haben wir »ausgesät«, damit die Freiheit erblüht.

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