Der »Neue Materialismus« als Reaktion auf den »linguistic turn« im akademischen Diskurs

Die Handlungsfähigkeit der Dinge

Der »New Materialism« bringt Natürlichkeit und Materie zurück in den poststrukturalistisch und dekonstruktivistisch geprägten akademischen Diskurs. Doch auch der Neue Materialismus nimmt tatsächliche Unfreiheit auf die leichte Schulter.

An den Universitäten hat materialistisches Denken derzeit Konjunktur. Dies gilt nicht nur in der Philosophie, Kunst oder Soziologie, sondern auch in des Materialismus’ bisher gänzlich unverdächtigen Disziplinen wie den Kulturwissenschaften oder den Gender Studies. Seit dem linguistic turn hatten sich hier Herangehensweisen durchgesetzt, die den Fokus auf die wirklichkeitsstiftende Funktion von Sprache legten. Als eine führende Theoretikerin dieser Auffassung erlangte die Philologin Judith Butler mit ihrem 1990 erschienenen Buch »Gender Trouble« (»Das Unbehagen der Geschlechter«) weltweit Bekanntheit. Sie radikalisierte die von der zweiten Welle der Frauenbewegung aufgeworfene Kritik an der Vorstellung, dass Biologie Schicksal sei. Butler zufolge ist Geschlecht nicht durch Biologie oder Natur bestimmt, sondern kann ähnlich dem Zitieren von Sätzen als ein Akt verstanden werden, der auf bereits existierende Normen rekurriert und diese somit einerseits festigen, andererseits aber auch subversiv unterlaufen kann. Der Neue Materialismus ist eine Reaktion auf dieses in den Universitäten vorherrschende sprechakttheoretische Verständnis von Realität. Im New Materialism wird die Annahme, dass allein Sprache konstitutiv für Realität sei, als Dogma angegriffen. So kritisiert beispielsweise Karen Barad, eine der bekanntesten Vertreterinnen dieser Richtung und theoretische Physikerin, dass bei den ganzen linguistischen, semiotischen, interpretativen und kulturellen Wenden der vergangenen Jahre die Materie aus dem Blickfeld verschwunden sei. Aus Angst davor, essentialistischer Annahmen bezichtigt zu werden, hätten die Diskurstheoretikerinnen und -theoretiker die Feststellung, etwas sei natürlich, tabuisiert und die Wirksamkeit materieller Faktoren geleugnet. Neuer Materialismus plädiert entsprechend für einen Übergang von der Epistemologie, also erkenntnistheoretischen Fragestellungen, zur Ontologie, der Lehre vom Sein. Materie wird jedoch nicht als überzeitliche Struktur verstanden, sondern als geschichtlicher Prozess. Der Neue Materialismus hat dem Selbstverständnis nach also die linguistische Wende vollzogen und ergänzt poststrukturalistische Ansätze um ihre verdrängte materielle Seite. Vertreterinnen und Vertreter des Neuen Materialismus’ sprechen in diesem Zusammenhang von einer agency der Dinge. Dies kann mit Handlungsfähigkeit oder Wirkmächtigkeit übersetzt werden. Damit ist die Vitalität oder Eigenlogik gemeint, die unabhängig von menschlichem Willen und Handeln existiere. Von dieser die Menschen umfassenden materiellen Realität wird in einem sehr weiten Sinne gesprochen. Materialismus bedeutet dann nicht Gesellschaftstheorie, sondern impliziert einen interdisziplinären Zugriff auf das Verhältnis von Gesellschaft und Natur. Um diese Realität angemessen zu beschreiben, entwickelt der New Materialism neue Methoden, die den bisherigen kritischen Kanon überschreiten. Weil der sprachkritische postmoderne Wissenschaftsbetrieb mit seinen dekonstruktivistischen Methoden immer nur erkannt habe, wie menschliche Handlungen dazu führten, dass etwas als natürlich erscheint, hätten sie verkannt, was an der Realität tatsächlich natürlich ist. Um die materielle Seite der Wirklichkeit besser zu erfassen, plädiert der Neue Materialismus deshalb für eine Kombination aus natur- und geisteswissenschaftlichen Methoden. Viele seiner Autorinnen und Autoren arbeiten an der Schnittstelle von Technikforschung und Soziologie, Philosophie und Physik oder kommen aus den Science and Technology Studies. Der New Materialism hinterfragt die strikte Trennung zwischen exakten Natur- und interpretativen Geisteswissenschaften. Stattdessen plädiert er für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. Ein solch naturwissenschaftlich informierter Materialismus kann darauf verweisen, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht mehr zur Legitimation von gesellschaftlicher Ungleichheit taugen. Nicht einmal Zweigeschlechtlichkeit lässt sich noch biologisch legitimieren, wenn Pinguine schwul und Quallen queer sind. Gleichzeitig sieht sich Wissenschaft heutzutage mit vielen Phänomenen konfrontiert, über die sich gar nicht klar sagen lässt, ob sie nun natürlichen oder kulturellen Ursprungs sind. Neuer Materialismus philosophiert entsprechend gerne über Hurrikane, Stromausfälle oder den Klimawandel. Es ist ein Materialismus in einer Zeit, in der ein Hurrikan nicht nur über den Ausgang einer Wahl »entscheidet«, sondern auch, wie Hurrikan Katrina 2005 in den USA, schwarze Bevölkerungsschichten ungleich härter trifft als weiße – neumaterialistisch gesprochen also »rassistische Auswirkungen« zeitigt. Winde, Elektronen und klimatische Bedingungen werden deshalb als Akteure beschrieben, die politische Entscheidungen beeinflussen. Viele neumaterialistische Autorinnen und Autoren beschäftigen sich im weitesten Sinne mit ökologischen Fragen. Den Dingen agency zuzugestehen, heißt dann auch, die negativen Folgen von Naturbeherrschung zu beachten. Das Ziel eines solchen Vorhabens wäre ein sorgsamerer Umgang mit der materiellen Welt, der menschlichen wie außermenschlichen Natur. Als Sündenfall in Sachen Realitätsverleugnung gilt dem New Materialism nicht erst der Dekonstruktivismus. Vielmehr grenzt sich der Neue Materialismus explizit vom Kritischen Materialismus im Anschluss an Karl Marx ab. Denn dieser habe mit seiner Kritik der Verdinglichung bereits alles Dinghafte auf menschliche agency reduziert. Die Annahme einer ersten Natur, als einer dem Menschen vorgängigen und ihn umfassenden Realität, passt zwar noch recht gut ins neumaterialistische Denken. Der New Materialism kritisiert aber die humanistischen Voraussetzungen der »zweiten Natur«. Denn auch wenn der Kritische Materialismus Gesellschaft in diesem Sinne als eine von naturhaften Zwängen bestimmte Sphäre begreift, denen sich die Subjekte bei Strafe ihres Untergangs zu unterwerfen haben wie vormals der ersten Natur, will er sich mit diesem Handeln der Dinge nicht zufriedengeben. In diesem Sinne ginge es darum, menschliche agency gegenüber den materiellen Gewalten zurückzuerlangen und Gesellschaft aus dem Bereich der Naturgeschichte zu lösen. Ein Unterfangen, das der New Materialism weder für möglich noch für erstrebenswert hält. Denn ihm geht es darum, zu zeigen, dass Materie menschliche Handlungen fremdbestimmt, dass auch Kultur nicht unabhängig von natürlichen Kräften besteht – was Kritischer Materialismus so allgemein auch nicht in Abrede stellen würde. Hatte die Subjektkritik sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Poststrukturalismus gezogen, wird die Dezentrierung des Subjekts nun auf eine neue Ebene gehoben. Neu am Neuen Materialismus ist insbesondere, dass das Subjekt nicht mehr in Diskurse, soziale Praxen oder performative Sprechakte aufgelöst wird, sondern, wie Barad es nennt, in »Apparate materieller Produktion« oder »posthumanistische Performativität«. Es wird somit betont, dass der Mensch nicht im luftleeren Raum und souverän handelt und über den Dingen steht, sondern dass menschliches Handeln der Materie immanent ist. Damit ist aber nicht gemeint, dass wie im Strukturalismus das Handeln der Menschen aus der sie determinierenden Struktur abzuleiten sei. Im Gegenteil wird der Materie (die nicht mehr als soziale Struktur bestimmt wird) eine eigene Geschichte und prinzipielle Offenheit zugestanden. Der New Materialism ist also im wahrsten Sinne des Wortes poststrukturalistisch: die kontingente Entwicklung der Materie schießt immer über die sie begrenzende Struktur hinaus. Man kann also nicht einfach kritisieren, dass der neue Materialismus geschichtliche Entwicklungen undenkbar mache. Kritikwürdig ist im Gegenteil die dogmatische Setzung des performativen Überschusses gegenüber dem gegenwärtigen materiellen Zustand. So frohlockt etwa Karen Barad, dass »die Zukunft an jeder Ecke radikal offen« sei. Denn wenn materielle Performativität existiert und schon immer existiert hat, dann braucht sich der New Materialism um die den Wandel erschwerenden oder blockierenden Strukturen nicht mehr zu kümmern. Noch in der trostlosesten Situation will der Neue Materialismus ein kleines bisschen Freiheit erkennen. Freiheit wird in neumaterialistischen Ansätzen nicht mehr mit der Freiheit von Zwängen identifiziert, sondern mit dem kontingenten Überschuss diesem Zwang gegenüber. In der Argumentation für einen neumaterialistischen Freiheitsbegriff behauptet die Philosophin Elisabeth Grosz, dass »es immer einen kleinen Raum für Innovation und nicht nur Reaktion« gebe. Sie meint damit selbst die extremsten Fälle von Sklaverei, politischer oder natürlicher Katastrophen. Denn bemerkenswert an Genoziden, langfristiger Inhaftierung, Konzentrationslagern, sozialen wie natürlichen Katastrophen sei der Erfindungsreichtum und die Aktivität der Unterdrückten. Ihr Punkt erinnert an den richtigen Einwand, dass emanzipatorische Theorie den Unterdrückten auch angesichts scheinbar übermächtiger sozialer Strukturen und brutalster Erniedrigung nicht die Handlungsmacht absprechen soll, um so die Entmenschlichung nicht noch einmal in der Theorie zu wiederholen. Sie übergeht aber, dass diese Handlungsmacht meist nicht ausreicht, um diese Verhältnisse zu überwinden. Freiheit, so resümiert Grosz, würde auch im KZ »bloß verkompliziert«. Für den Feminismus habe ein solches Verständnis von Freiheit als Kontingenz den Vorteil, dass man sich nicht mehr bloß mit patriarchalen Zwängen abmühen müsse, sondern dass Handlungsmöglichkeiten gesehen würden. Tröstend weiß Grosz zu berichten, dass Feminismus ohne wenigstens ein bisschen Freiheit gar nicht existieren könnte. Im Umkehrschluss hieße das aber, dass überall, wo es Feminismus gibt, es auch irgendwie zumindest ein bisschen Freiheit geben muss. Maßstab für einen feministischen Freiheitsbegriff wäre dann nicht der Stand weiblicher Emanzipation, sondern die Frage, ob Feminismus überhaupt möglich ist. Den Unterdrückten bleibt die pragmatische Empfehlung, auch im Angesicht des Grauens noch das am wenigsten Schlechte aus der Situation herauszuholen. Dass Grosz sich für feministische Anliegen nicht sonderlich zu interessieren scheint, wird deutlich, wenn sie behauptet, feministische Kämpfe um Gleichheit, Anerkennung, Recht und Stimme täten nicht länger Not. Heute gehe es darum, wie Frauen an der Schaffung einer Zukunft, die der Gegenwart nicht gleicht, teilhaben könnten, dass Männer wie Frauen auf unterschiedlichste Weise neue Aktivitäten, Interessen und Perspektiven entwickeln könnten, um Rahmenbedingungen zu schaffen, die bisher weder erforscht noch erfunden worden seien. Was sie damit meint, bleibt nebulös, klingt aber irgendwie offen und ganz sicher unvoreingenommen. Es klingt nach dem Dilemma der Gender Studies, mit dem Innovationsdruck des postmodernen Wissenschaftsbetriebs Schritt halten zu müssen, an den äußeren Bedingungen des eigenen Schaffens aber wenig ändern zu können. Die materiellen Bedingungen, in die menschliches Handeln eingebettet ist, bleiben so letztlich unreflektiert. Der New Materialism hat also für materialistische Gesellschaftskritik wenig Neues zu bieten.

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