Der jüngste Fund von Massengräbern offenbart das Fehlen des Rechtsstaats in Mexiko

Hügel des Todes

Im mexikanischen Bundesstaat Veracruz haben Angehörige gewaltsam Verschleppter 125 Massengräber gefunden. Sie gelten als Vermächtnis des mafiösen ehemaligen Gouverneurs Javier Duarte und offenbaren einmal mehr die Abwesenheit eines Rechtsstaats in Mexiko.

Wenn eine Mutter über Jahre keine Spur von ihrem verschleppten Sohn hat, kann eine Ortsskizze mit Markierungen ein Geschenk des Himmels sein – selbst wenn es direkt aus der Hölle kommt. Eine solche Karte wurde dem Angehörigenkollektiv Solecito im Mai vergangenen Jahres von Kartellmitgliedern in die Hände gespielt. Die Kreuze auf dem Papier stehen für 125 Massengräber auf einem Gelände nördlich der Hafenstadt Veracruz, bekannt als Colinas de Santa Fé (Hügel von Santa Fé). Begleitet von der Staatsanwaltschaft hat das Kollektiv dort seit August 253 Leichen und fast 10 000 Knochen sichergestellt.
Staatsanwalt Jorge Winckler gab vor der Presse an, Veracruz sei für ihn »ein einziges gigantisches Massengrab« und bei der Ansammlung menschlicher Überreste in Colinas de Santa Fé handele es sich um »vielleicht das größte Massengrab Mexikos«. Die Zahl der gefundenen Leichen übersteige die Kapazitäten der lokalen Forensiker und Leichenschauhäuser, so dass einige Gräber noch gar nicht ausgehoben wurden. Winckler zufolge habe die Regierung des ehemaligen Gouverneurs Javier Duarte im Bundesstaat Veracruz die Familienangehörigen von Verschwundenen systematisch hinters Licht geführt; ihnen entnommene DNA-Proben seien nicht zur Identifizierung von Toten verwendet worden.
Als »Narcokleptokratie« bezeichnet das investigative Nachrichtenmagazin Proceso die Regierungsperiode Duartes (2010–2016). Dass der Gouverneur der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) genauso wie sein als »Zeta 1« bekannter Vorgänger und Parteifreund Fidel Herrera im Staatsamt eng mit dem Kartell der Zetas kooperierte, ist ein offenes Geheimnis. Sogar Mexikos ehemaliger Präsident Felipe Calde­rón warf Duarte dies im vergangenen Jahr öffentlich vor.
Während der Gouverneur sich ungeniert damit beschäftigte, Geld des Bundesstaates auf seine eigenen Konten umzuleiten, verwandelten die Zetas – in Gebietskämpfen mit dem Kartell Jalisco Nueva Generación und unterstützt von bundesstaatlichen Polizeieinheiten – dessen Territorium in eine Ansammlung von Massengräbern. Während Duartes Amtszeit wurden 5 785 Personen in Veracruz als verschwunden gemeldet: Geschäftsmänner, Arbeiter, Studentinnen, Hausfrauen, Kinder. In dieser Zeit fand man 258 klandestine Gräber mit mindestens 463 Leichen und Tausenden von menschlichen Knochen.
Das Schweigen der Presse wurde mit millionenschweren Werbeverträgen erkauft. 19 Medienvertreterinnen und -vertreter bezahlten die mutige Verteidigung der Informationsfreiheit mit ihrem Leben; acht gelten bis heute als verschwunden. Duarte, bekannt durch selbstgefällige und vor Lügen strotzende Fernsehinterviews, mutmaßte öffentlich, dass die ermordeten Journalistinnen und Journalisten mit dem organisierten Verbrechen zusammengearbeitet hätten und deshalb sterben mussten. Im Oktober vergangenen Jahres fiel Duartes Lügenkonstrukt in sich zusammen und er setzte sich ab. Die mexikanische Generalstaatsanwaltschaft und Interpol suchen ihn wegen illegaler Bereicherung und Amtsmissbrauchs.
Die jüngsten Funde von Massengräben in Veracruz legen einmal mehr die Eingeweide eines von Kartellen unterwanderten Staats offen, in dem Drogengelder über Gerechtigkeit stehen. So sind die ersten identifizierten Leichen aus den Massengräbern von Colinas de Santa Fé zwei Polizeiangehörige, die von staatlichen Einheiten verschleppt wurden. Die Koordinatorin des Angehörigenkollektivs Solecito, Lucía Díaz, sagte gegenüber dem kritischen Internetmagazin Sin embargo, der Moment für internationale Organisationen wie OAS und UNO sei gekommen, sich endlich auf Mexiko zu konzentrierten. In ganz Mexiko gibt es mittlerweile weit über 30 000 Verschwundene. Wie in Torreón, dem Tal von Juárez und anderen Orten in Mexiko, wo unzählige Menschen bei Territorialkämpfen der Kartelle zwischen die Fronten geraten, sind es Kollektive wie Solecito, die regelmäßig ausziehen, um klandestine Gräber ausfindig zu machen. Denn die staatlichen Institutionen sind auf allen Ebenen zu sehr in die Verbrechen involviert, um von sich aus die Suche zu beginnen.
2013 wurde Díaz’ Sohn Guillermo Lagunes, damals ein 29jähriger Eventmanager, von Unbekannten aus seinem eigenen Haus entführt. Seitdem fehlt jede Spur von ihm. Seine Mutter will jeden Tag ihres Lebens damit verbringen, ihn zu suchen. Die Angst vor Todesdrohungen der Kartelle und Einschüchterungsversuchen der Polizei werde gegenüber dem unbedingten Willen, das eigene Kind zu finden, zweitrangig, so Lucía Díaz zur Presse.
In einer Audienz der Interamerikanischen Menschenrechtskommission (CIDH) in Mexiko am 17. März forderte Kommissar Paulo Vannuchi wegen der Massengräber in Veracruz eine Wahrheitskommission für Mexiko und wies nicht nur auf die Beteiligung der organisierten Kriminalität hin, sondern auch auf die Verantwortung des Staates, die Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten und die Korrumpierung der Polizeikräfte zu verhindern.
Die CIDH wollte sich diese Woche eigentlich mit anderen Fällen auseinandersetzen, die gravierende Menschenrechtsverletzungen und Straflosigkeit in Mexiko aufzeigen: den Funden vonMassengräbern von ermordeter Migrantinnen und Migranten aus Mittelamerika in den Bundesstaaten Tamaulipas (2010/2011) und Nuevo León (2012) und dem Fall der im September 2014 im Bundesstaat Guerrero verschleppten 43 Studenten. Dieser ging um die Welt und hat auch 30 Monate später noch keine zufriedenstellende Aufklärung gefunden. In allen drei Fällen muss ebenso wie in Veracruz von einem engen Zusammenspiel von ­Behörden und Kartellen ausgegangen werden.
Carmen Osorno vom Argentinischen Team für Forensische Anthropologie (EAAF) wies bei der Audienz der CIDH aber auch auf weitere Hindernisse in der Verbrechensaufklärung hin. So fehlten in Mexiko eine nationale DNA-Datenbank und eine landesweite forensische Institution sowie Geld für die Identifikation von Toten. Das »Recht auf Wahrheit« sei direkt mit einer unabhängigen vertrauenswürdigen Forensik verknüpft.

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