Kritische Astrologie - Der Boss und seine Macht über unser Leben

Große Sorgen um Kollegah

Kolumne Von

Nachdem jede nur vorstellbare Meinung zur Echo-Verleihung veröffentlicht wurde, stellt diese Kolumne im Reigen abwegiger Ansichten die allerabwegigste vor: Kollegah hat recht! Ihm wurde unrecht getan! An seinen sämtlichen Sorgen und teilweise sehr originellen Problemen, vor allem an seinem bizarren, antisemi­tischen Weltbild ist tatsächlich niemand anderes schuld als die Weltverschwörung jüdisch-echsischer Illuminaten, die durch Östrogen im Trinkwasser, durch harte schwule Handystrahlung und gezielt in Kollegahs Wohnung gerichtete Transistorenradios sein Gehirn dermaßen erweicht hat, dass er nicht anders konnte, als an besagte real existierende Verschwörung zu glauben!

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Diese Meinung ist einzigartig im deutschen Pressesystem und verdient damit besondere Wertschätzung, sie ist kontrovers und ganz ­sicher nicht politisch korrekt. Andererseits müssen wir uns als Journa­listen auch kritisch fragen: Lebt uns Kollegah eigentlich seine eigenen Werte glaubwürdig vor? Werte, die da wären: Männlichkeit, Härte gegen sich selbst und andere, ständige Wachsamkeit in Sachen Körperfettanteil? Oder ist das weinerliche Jammern über finstere Hinterzimmermächte und Ostküstennetz­werke nicht vielmehr das krasse Gegenteil einer Bosstransformation, sondern eigentlich ganz schön erbärmlich? Hilfe, hilfe, ich werde unterdrückt! Ich kann trotz Millionenpublikum und dankbar klatschenden Feuilletonhänflingen nirgendwo meine Meinung sagen, außer in großen Stadien und im Fernsehen zur besten Sendezeit! Ist solches Gejammer nicht wiederum: total weibisch? Mädchenhaft flennend? Ein Boss weint nicht! Ein Boss kämpft, baut sich eine Ganzkörperrüstung aus Alufolie und ernährt sich bewusst so, dass das Immunsystem gestärkt wird gegen Gedankenkontrollviren und Chemtrails.

Wir müssen Kollegah gegen sich selbst in Schutz nehmen, seine Ideen aufgreifen, ernst nehmen und auf ihn selbst anwenden. Wir dürfen Kollegahs Würstchentransformation nicht zulassen! Und wenn wir dafür sein Telefon anzapfen müssen, ist das ein kleiner Preis dafür.