Die Biographien von Sally Kaufmann und Mordechai Tadmor

Im Kampf um Israel

Der Vater kämpfte als Journalist gegen die Nazis und für eine sichere Heimstatt der Juden. Der Sohn kämpfte mit der Waffe in der Hand gegen die Wehrmacht. Die abenteuerliche Biographie des in Deutschland geborenen und nach Israel emigrierten Juden Mordechai Tadmor.
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Eine Kindheit in Kassel

Mordechai Tadmor wurde als Martin Kaufmann 1922 in Darmstadt geboren. In Deutschland war sein Rufname Martin, gute Freunde nennen ihn noch heute Motke. Eine Woche nach seiner Geburt kam Martin mit seiner Mutter nach Kassel, wo er auch aufwuchs. Die schönsten Erinnerungen an Kassel verbindet Mor­dechai Tadmor mit dem Gelände an der Martinskirche. Dort rauchte er seine ersten Zigaretten, sammelte im Frühling Maikäfer und verbrachte den Großteil seiner Zeit. Er erinnert sich: »Unser Stammplatz war die Anlage um die Martinskirche. Dort rauchten wir, trieben allerhand Unsinn und belästigten die Besucher. Ich war ein ziemlicher Gassenjunge.« Weil die Wohnverhältnisse sehr beengt waren, schlief er öfters zusammen mit dem Hofhund Tell in dessen Hundehütte. Er erzählt weiter: »Manchmal strichen wir um die Geschäfte und klauten aus den Aus­lagen – das ist nach mehr als 85 Jahren hoffentlich verjährt. Ich stibitzte hauptsächlich Süßigkeiten. Nicht für mich selbst, sondern für die Gruppe – sozusagen zur Bestechung, damit ich mit ihnen Fußball spielen durfte. Am liebsten aber ging ich allein in die Anlage an der Martinskirche. Dort saßen auf zwei Bänken alte Frauen und Männer, alle schwarz gekleidet, und sangen patriotische Lieder. Bruchteile dieser Lieder sind mir noch in Erinnerung.«

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Als Zehnjähriger besuchte Martin das Kasseler Wilhelmsgymnasium. Die Zeit in diesem Gymnasium hat er in keiner guten Erinnerung behalten. »Als ich von der Jüdischen Volksschule in die Sexta des Wilhelmsgymnasiums wechselte, war ich dort der einzige jüdische Schüler und wurde sehr gequält. Ich war aber nicht lange an dieser Schule. Noch im laufenden Schuljahr wanderten wir nach Palästina aus. In dem Haus in der Kölnischen Str. 77, wo wir zuletzt wohnten, wohnte auch die Familie Ernst mit ihrem Sohn Günther. Dieser Junge ging mit mir in die Sexta des Wilhelmsgymnasiums. Seine Eltern verboten ihm den Umgang mit mir – ich war ihnen wohl nicht fein genug und dazu jüdisch –, und er war der Anführer der Hetze gegen mich. Manchmal frage ich mich, was aus ihm wohl geworden ist. Er war mein Jahrgang, 1922. Vielleicht standen wir uns ja in Tobruk, El-Alamein oder in Salerno gegenüber?«

 

Vom Kibbuz zur britischen Armee

Über Haifa gelangte die Familie nach Tel Aviv. An Martins Leben auf der Straße ändert sich auch in Tel Aviv zunächst nichts. »Ich habe es meinen Eltern nicht leicht gemacht«, meint Tadmor rückblickend. Damals war Martin zehn Jahre alt, rebellisch und aufmüpfig in der Schule, so dass er in Tel Aviv mehrmals die Schule wechseln musste. »Zunächst besuchte ich die Tachkemonischule. Sie lag an der Grenze zwischen dem damaligen Jaffa und Tel Aviv. Die Schüler kamen alle aus armen, zumeist orientalischen Familien. Alle anderen Einwandererkinder besuchten eine Schule im Norden Tel Avivs, die ihnen bei der Integration half. Meine In­tegration verlief anders. Als ich am ersten Schultag, sauber angezogen nach deutschem Muster, in der Schule eintraf, sorgte ich für eine Sensa­tion. Die Schüler versammelten sich um mich herum und droschen auf mich ein. Dabei schrien sie: ›Yecke Potz‹. Yecke ist der noch heute existierende Begriff für Juden deutscher Abstammung und Potz heißt Schwanz. Als ich mich wehrte, ließen sich die Angreifer zu Boden fallen und fingen an, jämmerlich zu schreien. Die Lehrer eilten herbei, und da war ich natürlich der böse Junge.« Es ging an dieser Schule nicht lange gut, aber auch an anderen Schulen machte er viele schlechte Erfahrungen.

»Als ich auf die landwirtschaftliche Schule Mikveh-Israel kam, wurde ich auf die Hagana eingeschworen. Wir lernten den Gebrauch von Waffen und Feldtaktik und in den Schulferien wurden wir an verschiedenen Orte verteilt, um die dortige Verteidigung gegen die aufständischen Araber zu verstärken. Die Schüler waren zumeist Bauernsöhne aus den Kolonien Tale Emek Jesreel oder ­Galilea. Sie waren harte Jungs, deren Ideale die der Beduinen waren, sie konnten auch deren Sprachen sprechen. Auch in dieser Schule wurde ich nicht gleich akzeptiert. Es wurde an der Schule viel Sport getrieben und Boxen nahm darin eine besondere Rolle ein, und um nicht ständig verprügelt zu werden, wurde ich, der Not gehorchend, schnell zu einem guten Boxer. So boxte ich in der Landesjugendliga im Leichtgewicht. Aber auch an dieser Schule machten wir oft Unsinn, und wenn wir erwischt wurden, musste natürlich ein Sündenbock gefunden werden und der war natürlich mal wieder ich, der ›Fremdling‹. So musste ich auch diese Schule nach zwei Jahren verlassen und als letzter Ausweg blieb der Kibbuz. Es gab für mich keine andere Möglichkeit mehr zu der Zeit. Ich war sozusagen gestrandet. Es ging also auch darum, Problemkinder wie mich von der Straße zu holen.

Ich war Mitglied in der Noar Oved, und meine Organisation wählte mich und einige andere Jugendlichen für den Kibbuz aus. Wir waren, glaube ich, damals 17 Jungen und Mädchen im Alter zwischen 17 und 18 Jahren, die alle aus Tel Aviv kamen. Wir saßen zusammen in einem Bus, der nach Tiberias fuhr. Ich werde den Tag nie vergessen. Tiberias war damals eine bunte, lebendige arabische Stadt, es gab dort viele britische Soldaten, die im Jordantal stationiert waren, die Hitze des Jordantals und den blauen See von Genezareth, der mir nie wieder so blau und schön schien, wie an diesem Tage.

Die meisten Kibbuzniks waren damals mit dem Einsammeln von Steinen von Grundstücken beschäftigt, die später aufgeforstet wurden oder als Pflanzungen dienen sollten. Fast unter jedem Stein versteckte sich ein gelber Skorpion und man musste achtgeben, nicht gestochen zu werden. In der großen Hitze des Jordantals war das eine sehr harte Arbeit.

Einige andere Kibbuzmitglieder beschäftigten sich mit der Fischerei. Ich arbeitete für den Kibbuz als Fischer auf dem See Genezareth, so wie Petrus. Es war eine arbeitsreiche, aber auch wilde und romantische Zeit. Der Graben zwischen den arabischen und syrischen Fischern und Bauern auf der einen Seite und uns auf der anderen Seite war trotz andauernder Konflikte noch nicht so tief. Wir stritten zwar oft mit den arabischen Fischern um die besten Fanggründe, aber diese Konflikte gab es auch mit den Fischern vom Kibbuz Ginossar, die uns manchmal sogar die Netze zerschnitten.«

1940 mussten dann »Freiwillige« für die britische Armee aufgestellt werden, die in Nordafrika zunächst gegen die Truppen Italiens, dann gegen die Wehrmacht kämpften.

»Ich war 18 Jahre alt, unverheiratet und wurde als Freiwilliger vom Kibbuz ausgesucht. Es gab auch ein paar wenige Araber aus Palästina, die für die britische Armee rekrutiert wurden. Die aus unserer Kompanie desertierten alle«, erinnert sich Mordechai Tadmor.

»Als ich von der Jüdischen Volksschule in die Sexta des Wilhelmsgymnasiums wechselte, war ich dort der einzige jüdische Schüler und wurde gequält. Ich war aber nicht lange an dieser Schule. Noch im laufenden Schuljahr wanderten wir nach Palästina aus.« Mordechai Tadmor

Das Ziel der Wehrmacht war es, bis nach Palästina durchzustoßen. Von dort sollte es im Bündnis mit den antibritisch und judenfeindlich eingestellten und aufständischen Arabern aus Palästina, Syrien und aus dem Irak weiter nach Russland gehen. Die Wehrmacht begleitete ein von Walter Rauff geführtes SS-Kommando, das den Judenmord auch in Palästina (und in Nordafrika) organisieren sollte. Vor Tobruk wehrte Tadmor als »King George’s Soldier«, wie er sich selbst sieht, mit einem MG bewaffnet, deutsche Fliegerangriffe ab. »Dafür bekam ich später die ›Sil­berne 8‹ meiner Afrika-Medaille.«

(Auszeichnung für Angehörige der britischen Achten Armee; Anm. d. Red.) Doch erst im November 1942 konnten die britischen Truppen den Vormarsch der deutschen Truppen bei El-Alamein stoppen. Die jüdischen Kämpfer aus Palästina leisteten dazu einen Beitrag.

Über seinen Einsatz in Libyen erzählte Tadmor folgende Geschichte: »Wir erreichten Tripolis nach drei Jahren Wüste. Oft glaubten wir, wir hätten es fast geschafft, aber dreimal wurden wir auf halben Weg zurückgejagt. Doch nach Montgomerys Sieg bei El-Alamein, waren wir dann doch endlich am Ziel. Schon der Weg dahin war eindrucksvoll: Auf der Strecke von Derna nach Tripolis blühte alles, deswegen wurde die Gegend auch ›Djebel Achdar‹ genannt, also der ›Grüne Berg‹. Dort lebten italienischen Bauern, die von Mussolini dort angesiedelt wurden und die Gegend in einen Garten verwandelten.

Jahre nach dem Krieg, als Gaddafi die Macht übernahm, wurden sie verjagt und das Land wurde wieder zur Wüste, wo die Senussi-Beduinen ihr Unwesen trieben – und das tun sie ja bekanntlich heute noch. Tripolis war zu unserer Zeit eine schöne Stadt, erbaut im italie­nischen Stil, mit eindrucksvollen Gebäuden und nahezu unbeschädigt. Wie die Stadt heutzutage aussieht, muss ein Alptraum sein. Der Krieg war zu der Zeit, als ich dort stationiert war, schon ziemlich weit weg, nämlich an der Grenze zu Tunesien. Wir waren eingesetzt, um den Nachschub an die Front zu sichern, und so hielt sich unsere Belastung in Grenzen. Wir bezogen ein Camp am Stadtrand und richteten uns dort ein. Nur die nächtlichen Angriffe deutscher Bomber hielten uns auf Trab, aber das waren wir schon gewohnt. Unser Camp lag in der Nähe des Viertels Gargaresh, wohin die Italiener, seit der Verbindung mit Nazideutschland, die Juden von Tripolis verbannten. Das war also so eine Art von Ghetto. Wir organisierten sofort eine Art Gemeinschaftsleben, unterrichteten Hebräisch, lehrten hebräische Lieder und halfen, so gut wir konnten. Mit einem Mädchen war ich befreundet  – sie hieß Yolanda. Was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht, wir sahen uns nicht ­wieder.«