Das Musem Ludwig in Köln zeigt Filme von Günter Peter Straschek

Wider das Kino

Das Museum Ludwig in Köln würdigt die Arbeiten des Filmemachers, Historikers und kritischen Begleiters der Achtundsechziger-Bewegung, Günter Peter Straschek. Gezeigt wird auch sein lange verschollener Kurz­film »Ein West­ern für den SDS«, der zum sofortigen Verweis von der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Westberlin führte.

»Aus schlechten Intellektuellen sind noch nie gute Proletarier geworden«, schrieb Günter Peter Straschek in einem Text über seine Zeit in Westberlin. Es ist eine Aussage, die typisch ist für das Denken dieses unabhän­gigen und kritischen Intellektuellen, der zu den weitgehend unbekannten Köpfen der Achtundsechziger-Bewegung zählt und zurzeit in der Ausstellung »Emigration – Film – Politik« im Museum Ludwig in Köln gewürdigt wird.

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Der junge Österreicher, der Anfang der Sechziger nach Westberlin kam, gehörte zum ersten Jahrgang der neu gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB). Seine Kurzfilme und Betrachtungen des linken Politik- und Kunstmilieus zeigen ihnen als einen scharfsinnigen und eigenständigen Denker, der Mitte der Siebziger sein großes Thema fand, dem er sich bis zu seinem Tod im Jahr 2009 widmete: der Forschung zu Filmemigranten aus Deutschland nach 1933.

Strascheks fast unbekannte, frühe Kurzfilme  zeichnen sich durch die Beschäftigung mit feministischen Themen aus.

Straschek, der 1942 in Graz ge­boren wurde und 2009 in Wien gestorben ist, gehörte zur Studenten­bewegung und war zugleich einer ­ihrer größten Kritiker: Der Konflikt um seinen lange verschollenen Film »Ein Western für den SDS« (1967) war Auslöser heftiger Auseinandersetzungen an der Film- und Fernsehakademie, die dazu führten, dass zunächst Straschek und bald 18 weitere Studenten, die sich mit ihm solidarisierten, die Akademie verlassen mussten. Der Kurzfilm wurde während der Vorbereitungen für die Ausstellung wiedergefunden und als wichtiges Zeitdokument zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Nazivergangenheit Österreichs habe Straschek stets beschäftigt, sagt Karin Rausch, die Ehefrau des 2009 verstorbenen Filmemachers und -historikers, im Gespräch mit der Jungle World. »Als wir uns kennenlernten, sagte er, dass er Österreich noch nicht mal mehr überfliegen wolle.« In einem sozialliberalen Elternhaus aufgewachsen, fand er sich schon als Schüler in der Rolle als »Bürgerschreck« wieder, wie er 1974 in der Zeitschrift Filmkritik schrieb: »Eine unserer Vorlieben bestand darin, um vier Uhr früh besoffen im Sportbuffet Gulaschsuppe zu essen und dort nach ›Nazischweinen‹ zu suchen.«

Nach dem Abitur 1960 verließ er Österreich und trampte durch Europa und Israel, auch um dem Militärdienst in Österreich zu entkommen. »Das war später so ein Witz«, erzählt Rausch, »dass er sich als 19jähriger schon so wichtig nahm, dass er sich damals erkundigte, welche Staaten nicht nach Österreich auslieferten.« Einer dieser Staaten war Israel, wo Straschek im Kibbuz arbeitete, während österreichische Behördenvertreter vor der Tür seiner Eltern standen und nach ihm suchten. Die Liebe zum Film entdeckte er auf der Reise: »Cineast scheine ich auf Tramp geworden zu sein«, schreibt er, da er in »Griechenland, Türkei, Israel, auf Zypern Filme in den Originalfassungen sah, ohne dass es mich auch nur im Geringsten gestört hätte, nicht die Sprache zu verstehen«. Die Reisen seien für ihn eine Befreiung gewesen, zugleich sammelte er wichtige Erfahrungen mit verschiedenen Kulturen und Sprachen.

Zurück in Europa fand er im Hotel Hilton in Amsterdam einen Job als Silberbesteckputzer. Er fasste den Plan, durch solche Jobs Geld zu verdienen, um die ganze Welt bereisen zu können. Seine Karriere als Putzmann nahm allerdings ein Ende, als ihn ein Hotelmanager in Berlin aufforderte, den Stern seines Mercedes zu polieren. Als Straschek, der keine Auseinandersetzung scheute, sich weigerte, wurde er gefeuert – eine Anekdote, die bezeichnend ist für die politisch angespannte Stimmung im Berlin der sechziger Jahre. Straschek stellte einen Antrag, um in die DDR überzusiedeln, der jedoch abgelehnt wurde. »Einen herumkritisierenden berufslosen Österreicher konnten sie nicht gebrauchen«, bemerkt er la­konisch in seinen Aufzeichnungen.

Die Filmarbeit begann für ihn an der Technischen Universität Berlin, als er bei dem österreichischen Professor Ferdinand Knilli Seminare am »Institut für Sprache im technischen Zeitalter« besuchte und sich mit der Kamera, als Tontechniker, an der Regie und am Schnitt versuchte. Nach der Gründung der DFFB schrieb sich Straschek 1966 für den Studiengang Filmregie ein – gemeinsam mit anderen Studenten des ersten Jahrgangs wie Harun Farocki, Helke Sander und Hartmut Bitomsky. In Berlin ging er häufig ins Kino, mit Beginn des Studiums sah er drei bis vier Filme am Tag.

Obgleich er in der Westberliner Linken engagiert war, verlor er nie ­seinen kritischen Blick auf die Bewegung, hinterfragte die Ideale und zeigte deren Widersprüche auf. »Er war ein Wilder«, sagt Rausch, »er ist auch nie in einer Gruppe gewesen«. Er habe sich auch immer über die Politgruppe lustig gemacht, zu der Rausch gehörte: »Er hatte eher eine anarchistische Ader.«