Platte Buch - Das neue Album der Melvins

Abtreibungstechniker mit Eigenheiten

Kolumne Von

Idiosynkrasie – ein wunderschönes Wort. Laut gesprochen bezaubert es mit rhythmischer und melodischer Fülle. Nicht nur deshalb, sondern auch wegen seiner Bedeutung passt es gut zu den Melvins. Denn die US-amerikanische Band ist recht eigen. Oder bisweilen: eigenartig. Seit über 30 Jahren saugen Gitarrist und Sänger Buzz Osborne und Schlagzeuger Dale Crover mit wechselnden Bassisten alles auf, was die verzerrte Gitarrenmusik hervorgebracht hat, verhackstücken es mit großer Finesse und beglücken ihr Publikum mit den so entstandenen musikalischen Eigenheiten. Im Laufe ihres Bestehens ­haben die Melvins dabei diverse Sub­gen­res wie Doom Metal, Noise Rock und Drone Metal erheblich beeinflusst und mit Improvisation, elektronischen Einsprengseln und Field Recordings erweitert. Mittlerweile sind die Orgien extremer Zähigkeit auf ­ihren Alben rar geworden – was allerdings nicht bedeutet, dass die neue Veröffentlichung »Pinkus Abortion Technician« nicht eigen wäre. Nicht nur sind darauf Stücke versammelt, die wie das anderthalb­minütige, verspielte Punk-Häppchen »Embrace the Rub« und der acht­minütige Doom-Blues-Brocken »Don’t Forget to Breathe« allein wegen der Laufzeit nicht zusammenpassen wollen – wie man die Melvins kennt, ­sollen sie das auch gar nicht. Auch die Auswahl des Personals und des wei­teren Materials ist sonderbar. Einer der beiden mitspielenden Bassisten ist Jeff Pinkus, ein früheres Mitglied der Butthole Surfers. Ein Album ­dieser Band hieß »Locust Abortion Technician«, womit sich der Titel des neuen Melvins-Albums erklärt. Des Verweises nicht genug, haben die Melvins neben einem Beatles-Stück (»I Want to Hold Your Hand«) auch noch zwei Songs der Butthole Surfers gecovert. All das ist sehr ­gelungen. Warum die Melvins es getan haben, bleibt allerdings – wie so oft – ihr ganz eigenes Geheimnis.

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Melvins: Pinkus Abortion Technician (Ipecac Recordings)