Der Peruaner Paolo Guerrero darf jetzt doch zur Fußball-WM

Das große Koka-Komplott

Sieben Monate lang beschäftigte der Fall des gesperrten Profifußballers Paolo Guerrero nicht nur die peruanische Öffentlichkeit. Nun darf er doch zur WM reisen.

Die Spieler der peruanischen Nationalmannschaft, deren Ligaspielbetrieb schon beendet war, hatten sich in Lima gerade zum Training in Vorbereitung auf die Fußballweltmeisterschaft in Russland zusammengefunden, als aus dem schweizerischen Lausanne schlechte Neuigkeiten übermittelt wurden: Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) hatte ­einem Antrag der Welt-AntidopingAgentur (Wada) stattgegeben, die Dauer der gerade abgelaufenen, sechsmonatigen Dopingsperre für Paolo Guerrero auf 14 Monate zu ­erhöhen. Der Nationaltrainer Ricardo Gareca brach die Vorbereitung sofort ab.

Anzeige

Guerrero, der unter anderem für Bayern München und den HSV ­gespielt hatte, war nach einem WM-Qualifikationsspiel Anfang Oktober 2017 in Argentinien positiv auf die Substanz Benzoylecgonin, ein Abbauprodukt von Kokain, getestet worden. Der Kapitän der peruanischen Nationalmannschaft beteuerte umgehend seine Unschuld: »Ich habe niemals Drogen oder verbotene Substanzen genommen. Und ich werde dies auch in Zukunft nicht tun.« Guerrero und seine Anwälte sagten, er habe wohl einen Tee getrunken, der mit Kokablättern versetzt gewesen sei, und konnten dies in dem anschließenden Verfahren auch recht genau darlegen.
Auch der CAS kam zu dem Ergebnis, Guerrero habe »nicht versucht, ­seine Leistung durch die

Einnahme der verbotenen Substanz zu steigern«. Aber sie sei nun einmal in seinem Körper gewesen, und deswegen habe Guerrero fahrlässig gehandelt, urteilte der Sportgerichtshof und sperrte den 34jährigen, der zurzeit beim brasilianischen Verein Flamengo Rio de Janeiro unter Vertrag steht, Anfang November zunächst für ein Jahr.

Ein Abbauprodukt von Kokain sei nun einmal in seinem Körper gewesen, und deswegen habe Guerrero fahrlässig gehandelt, urteilte der Internationale Sportgerichtshof.

Um eine Aufhebung oder wenigstens eine Verringerung der Sperre zu erreichen, wählten Guerreros An­wälte eine besondere Strategie. Sie bemühten die weltberühmten Inka-Kinder von Llullaillaco zur Verteidigung. Im Jahr 1999 hatten Archäologen in der Nähe des Gipfels des Vulkans Llullaillaco, der an der Grenze zwischen Argentinien und Chile liegt, drei von der Witterung konservierte Kinderleichen entdeckt. Bei den Mumien handelte es sich vermutlich um Menschenopfer der Inka, die Kinder waren zur Zeit ihrer ­Ermordung zwischen fünf und 13 Jahre alt. Wissenschaftler schätzen, dass sie rund 500 Jahre im Eis lagen. Zwischen den Zähnen der Mumie des 13jährigen Mädchens, die besonders gut erhalten ist und la doncella (deutsch: die Jungfrau) genannt wird, fanden die Wissenschaftler Reste der Kokapflanze, deren Blätter bekanntlich der Rohstoff für Kokain sind. In Haarproben der Leichen stießen sie zudem auf Koka- und Alkoholreste. Die berauschenden Substanzen seien den Kindern in Vorbereitung auf das Ritual bis kurz vor ­ihrem Tod verabreicht worden, wahrscheinlich, um sie ruhigzustellen, vermuten Wissenschaftler. Am Wichtigsten war für Guerreros Anwälte ­jedoch: La doncella wurde positiv auf Benzoylecgonin getestet – wie der Fußballer.

 

Die Anwälte zogen eine Studie des Archäologen Andrew Wilson von der englischen University of Bradford aus dem Jahr 2013 heran und argumentierten, dass Benzoylecgonin sich in einem Körper über Jahrhunderte halten könne. Guerreros Testergebnisse seien demnach lediglich ein Beleg dafür, dass der Sportler irgendwann, möglicherweise bereits vor sehr langer Zeit, die in Kokablättern enthaltene Substanz zu sich genommen habe. Diese Behauptung ist zwar aus wissenschaftlicher Sicht fragwürdig, da das Benzoylecgonin in dem konservierten Kinderkörper nur deshalb nachweisbar war, weil er in Eis mumifiziert worden war. Dennoch verringerte der Fußballweltverband Fifa Guerreros Strafe auf sechs Monate. Dagegen legte Guerrero zwar erneut Einspruch ein mit der Begründung, er sei unschuldig und wolle nicht, dass sein Namen mit Dopingvorwürfen in Verbindung gebracht wird. Aber auch der Wada gefiel das neue Strafmaß nicht, sie zog vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS.

Anfang Mai lief Guerreros sechsmonatige Sperre ab. Am 13. Mai stand er bereits für Flamengo wieder auf dem Platz und erzielte im Ligaspiel gegen Chapecoense sogar einen Treffer. Doch die Freude darüber währte nur sehr kurz. Am Tag darauf verkündete der CAS das nun deutlich härtere Strafmaß von 14 Monaten – das WM-Aus für Guerrero und ein Schock für fußballbegeisterte Peruaner, zumal sich das Land zum ersten Mal seit 36 Jahren wieder für eine ­Fußball-WM qualifiziert hatte. Die ­peruanische Tageszeitung La Repú­blica sprach von »Ungerechtigkeit« und ging den CAS hart an; auf der Plaza de Armas im Zentrum Limas kam es zu einer spontanen, kleinen Demonstration für den Nationalmannschaftskapitän.

Guerreros Mutter, Petronila Gonzáles, dagegen witterte hinter der Sperre eine Verschwörung. Deren Draht­zieher, so ihre wilde Theorie: Claudio Pizarro. Einem peruanischen TV-Sender sagte sie: »Mein Sohn ist am Boden zerstört. Man hat ihm die Beine abgehackt, weil da andere Interessen im Spiel sind.« Verantwortlich seien Pizarro und seine Familie. Der zuletzt für den 1. FC Köln antretende Spieler habe ihren Sohn bereits während der gemeinsamen Zeit beim FC Bayern gemobbt. »Das ist alles von langer Hand vorbereitet. Es ist ein riesiges Komplott«, war sich die Mutter sicher. Als mögliches Motiv nannte sie, Pizarro wolle Guerreros Platz im Kader einnehmen. Nationaltrainer Gareca hat den 39jährigen allerdings nicht für das vorläufige Aufgebot Perus nominiert. Guerrero selbst sah keine Verschwörer am Werk. »Sie ist eine Beschützerin und wird mich immer verteidigen«, relativierte er die Aussagen seiner Mutter. Verantwortlich für die positive Dopingprobe sei, so Guerrero, selbstverständlich nicht Pizarro, sondern das Personal des Hotels in Lima, in dem die peruanische Nationalmannschaft vor dem Argentinien-Spiel abgestiegen war. Eine Tasse, in der zuvor ein Tee aus Kokablättern serviert worden sei, sei schlecht gespült und dann für seinen Tee verwendet worden, so Guerrero. Das Hotel jedoch wies vor Gericht alle Vorwürfe zurück.

Guerreros Sperre empfanden jedoch nicht nur die peruanischen Fans als äußerst ungerecht: Die Nationalmannschaftskapitäne von Perus Gruppengegnern Frankreich (Hugo Lloris), Australien (Michael Jedinak) und Dänemark (Simon Kjaer) forderten kürzlich in einem offenen Brief an die Fifa, Guerreros Sperre zumindest für die Zeit der WM auszusetzen. Fifa-Präsident Gianni Infantino zeigte bei einem Treffem mit Guerrero und Perus Verbandspräsidenten Edwin Oviedo in Zürich Verständnis für die Enttäuschung des Spielers, betonte aber, dass die vom Internationalen Sportgerichtshof verhängte Sperre Bestand habe.
Guerrero werde gegen seine Sperre vor ein Schweizer Bundesgericht ­ziehen, teilte der peruanische Fußballverband deshalb am 25. Mai mit. Javier Quintana, Berater des peruanischen Verbands, schätzte die Erfolgsaussichten zu diesem Zeitpunkt allerdings als gering ein. »Die Möglichkeit ist da, das Problem ist die Zeit«, sagte er. »Die Justiz ist überall langsam und die Zeit läuft gegen uns.«
Doch dann ging alles ganz schnell: Das Gericht urteilte, Guerrero dürfe an der WM teilnehmen, weil er nicht vorsätzlich gehandelt habe und dies seine wohl letzte Gelegenheit sei, an einem derart großen Wettbewerb teilzunehmen. Der CAS hatte zuvor mitgeteilt, dass er keine Einwände gegen eine Aussetzung der Sperre habe. Ein glücklicher Ausgang für den peruanischen Spieler also: Die WM kann für ihn losgehen.