Porträt - Nasser Zefzafi, der Anführer der marokkanischen Protestbewegung, wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt

Das Terrorurteil

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Er hat niemanden umgebracht oder gar verletzt und ist auch kein Terrorist. Trotzdem gilt er dem marokkanischen Regime als so gefährlich, dass man ihn für sehr lange Zeit wegsperren muss. Am Dienstag voriger Woche wurde der 39jährige Marokkaner Nasser Zefzafi vom Kammergericht in Casablanca wegen »Gefährdung der Staatssicherheit« erstinstanzlich zu 20 Jahren Haft verurteilt.

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Zefzafi gilt als Anführer der »Hirak« genannten Protestbewegung im marokkanischen Rif, die 2016 und 2017 monatelang für soziale und ökonomische Reformen in der armen Region protestiert hatte. Auslöser der Proteste damals war der Tod des Fischverkäufers Mouhcine Fikri im Oktober 2016 in der Stadt al-Hoceima. Er war von der Presse eines Müllwagens zerquetscht worden, nachdem er seine von den Behörden konfiszierte Ware daraus retten wollte. Der Fall Fikri gehe alle an, sagte Zefzafi, der aus al-Hoceima stammt, später in einem Interview, man müsse sich erheben, um diese Ungerechtigkeiten zu beenden. In der Rif-Region sind Jugendarbeitslosigkeit – auch Zefzafi ist arbeitsloser Akademiker – und ­Analphabetismus deutlich höher als im Rest des Landes und es fehlt an grundlegender Infrastruktur. Aufstände wurden dort immer wieder brutal unterdrückt, so auch die Hirak-Proteste.

Neben Zefzafi wurden 52 weitere Angeklagte, darunter einige Journalisten, zu Haftstrafen zwischen einem und 20 Jahren verurteilt – insgesamt waren es 259 Jahre. Im Anschluss kam es in zahlreichen Städten Marokkos zu Protesten gegen die Urteile und die staatliche Repression. Die Reaktion von König Mohammed VI. auf den »arabischen Frühling« hatte vielen Marokkanerinnen und Marokkanern einst Anlass zur Hoffnung gegeben, da er Reformen ankündigte und einen Modernisierungskurs einschlug. Doch bereits die Niederschlagung der Hirak-Proteste ließ bei einigen die Befürchtung einer Rückkehr der »bleiernen Jahre« unter dessen Vater Hassan II. aufkommen, die von Repression geprägt waren. Nach den Urteilen ist dies nun wieder in sozialen Medien zu lesen. Nabila Mounib, die Vorsitzende des linken Parti socialiste unifié (PSU), meinte: »Die desaströsen Entscheidungen des Staats bedrohen die Stabilität und den Zusammenhalt des Landes.« Die Verurteilten wollen in Berufung gehen.