Gvantsa Khonelidze und Ninka Khaindrava, Leiterinnen der NGO »Women’s Gaze«, im Gespräch über Feminismus und die Lage von Frauen in Georgien

»Wir sind in der Minderheit«

Gvantsa Khonelidze und Ninka Khaindrava sind Mitbegründerinnen und Leiterinnen der feministischen ­Organisation »Women’s Gaze«. Die Gruppe wurde 2014 gegründet und 2015 als NGO registriert.
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Welchen Schwerpunkt hat »Women’s Gaze«?
Khaindrava: Wir arbeiten zu Rechten von Arbeitnehmerinnen, mit jungen Frauen, mit Gewerkschaften. Am ersten Mai haben wir zum Beispiel demonstriert. Frauen werden oft zu niedrigen Löhnen im Dienstleistungssektor ­beschäftigt, etwa als Kellnerinnen. Der gender pay gap ist enorm, durchschnittlich beträgt er 41 Prozent. Wir arbeiten mit einer Frauengewerkschaft zusammen, sie ist nicht sonderlich aktiv, aber sie vereint die Leute. Außerdem organisieren wir andere Aktivitäten, veröffentlichen Zeitungen, arbeiten zu sexuellen und reproduk­tiven Rechten von Frauen und erstellen Online-Content zu feministischen Themen. Wir übersetzen feministische Schriften aus der ganzen Welt. Es geht darum, feministisches Wissen zu produzieren, sozialistisches Wissen, wir sehen uns als linke Feministinnen.

Ist Feminismus in Georgien zurzeit überhaupt ein gängiger Begriff und wie wird er in der georgischen Gesellschaft diskutiert?
Khaindrava: Es ist so wie mit vielen anderen Begriffen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion haben wir uns zu ­einer christlich-orthodoxen, konservativen Gesellschaft gewandelt. Danach wurden liberale Ideen oft mit der LGBT-Community und Feminismus assoziiert, und diese wiederum mit Satanismus, Europa, Sünde und solchen Dingen. Auch Linkssein wird dämonisiert. Andererseits gab es eine »NGO-isierung« ab 2000, als all diese Diskurse ins Land kamen. Das ist die generelle Dichotomie, die wir haben.

Viele Menschen haben also Angst, wenn sie das Wort Feminismus ­hören?
Khonelidze: Ja. Mädchen und junge Frauen sind unabhängiger und selbst­sicherer geworden und das hat vielen Menschen Angst gemacht. Das führt in manchen Fällen auch zu mehr häuslicher Gewalt. Wir haben ein hohes ­Niveau an Femiziden und Gewalt in der Familie.
Khaindrava: Frauen haben mehr Geld, mehr Unabhängigkeit, sie gehen arbeiten – etwa 60 Prozent der Beschäftigten sind weiblich. Viele Frauen versuchen, sich zu emanzipieren. Aber wenn du sagst, dass du feministisch bist, wirst du in der Gesellschaft meist isoliert. Wir bewegen uns in diesen kleinen Zirkeln, wir sind in der Minderheit.

Hat es zuvor keine feministische ­Bewegung in Georgien gegeben?
Khaindrava: Doch, aber die wurde nicht feministisch genannt. Wir hatten großartige Frauenrechtlerinnen, die etwa für das Wahlrecht gekämpft ­haben, das Recht zu studieren, zu arbeiten. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es diese relativ starke Bewegung in Kutaissi, wo Frauen ihre eigene Zeitschrift herausbrachten, die »Stimme der Frauen«. Danach gab es eine ­große Lücke. Aber in dieser Zeitspanne ist dennoch viel passiert.

Warum gab es diese Lücke? Hatte das etwas mit der Sowjetzeit zu tun?
Khaindrava: Ja, es gab zwar wichtige sozialistische Frauenrechtlerinnen, aber die waren Russinnen. Es gibt kaum ­Dokumentationen über Georgierinnen, die Informationen fehlen. Aber wir sind sicher, dass es viele Frauen gab, die sozialistische Feministinnen ­waren. Ältere Menschen haben immer noch großen Respekt vor Clara Zetkin, Alexandra Kollontai und solchen Frauen.

»Ein Junge gilt als richtiges Kind, ein Mädchen nicht so wirklich.«
Ninka Khaindrava

Welchen Einfluss hatte die Sowjet­zeit auf die Geschlechterrollen?
Khaindrava: Zunächst einen positiven, aber als Stalin kam, änderte sich das. Unter Lenin wurden etwa Scheidung und Abtreibung legalisiert. Als Stalin an die Macht kam, sollten Frauen vor allem Kinder gebären für die Arbeiterschaft, für den Krieg. Das Patriarchat war nie weg, aber Stalin machte es noch schlimmer.

Welche Rolle spielt die Orthodoxe Kirche heutzutage?
Khonelidze: Sie ist so stark wie nie und war noch nie so reich wie jetzt. Sie ­erhält Dutzende Millionen aus dem Staatshaushalt, zahlt keine Steuern, hat sehr viele Immobilien und große ökonomische und gesellschaftliche Macht.
Khaindrava: Als die Sowjetunion zerfiel, gab es viele Länder, die versuchten, sich selbst zu finden, sich kulturell neu zu entdecken. Die Orthodoxe Kirche half dabei, die Nation erneut zu verbinden. In der Sowjetzeit war die christliche Tradition lange unterdrückt worden. Als der Sozialismus zusammenbrach, kam Swiad Gamsachurdia und förderte diesen ethnischen Nationalismus: Georgien den Georgiern. Wenn du Georgier bist, musst du ein orthodoxer Christ sein – auch heute noch. Obwohl es auch viele muslimische Georgier gibt. Die werden dann oft für Türken gehalten. Auch wenn du schwul bist, wenn du eine Abweichung vom christlichen hetero­sexuellen Mann darstellst, kannst du kein Georgier sein.

Sie erwähnten zuvor die sexuellen und reproduktiven Rechte von ­Frauen. Wie wird weibliche Sexualität in Georgien thematisiert?
Khaindrava: Frauen werden vor allem als Mütter gesehen. Und Mütter haben keine Sexualität mehr. Das schlägt sich auch in der Gesundheitsversorgung nieder. Frauen werden nur gynäkologisch untersucht, wenn sie schwanger sind oder ein Kind geboren haben. Wir haben diese Studie erstellt, bei der wir Frauen in den Industrieregionen Georgiens gefragt haben, wann sie zuletzt beim Arzt waren und sie sagten etwa: vor 30 Jahren, als ich schwanger war. Wir haben eine sehr hohe Sterberate wegen Gebärmutterhals- und Brustkrebs.
Khonelidze: Seit 20 Jahren fordern Frauenorganisationen Sexualerziehung in der Schule. Es ist nicht der Staat, der das blockiert, sondern die Kirche. Es sind immer die Priester, die in Diskussionssendungen im Fernsehen dagegen argumentieren. Und die Regierung hat große Angst vor der Macht der Kirche, sie will die Stimmen der orthodoxen Christen nicht verlieren.

Gibt es keinerlei Fortschritte?
Khaindrava: Es geht nur in ganz kleinen Schritten voran. Jetzt kommt das Wort Vagina immerhin in Schulbüchern vor. In meiner Schulzeit hat der Lehrer im Biologiebuch immer schnell die Seiten überblättert, die die reproduktive Anatomie zeigten. Es ging nicht einmal um Sex.
Eine Frau soll Jungfrau sein, wenn sie heiratet. Wenn die Braut in der Hochzeitsnacht blutet, war sie noch Jungfrau, so die gängige Vorstellung.

 

Das Jungfräulichkeitsdogma geht so weit, dass es sogar »Revirginisierungsoperationen« gibt. Wie ­gefragt sind diese heutzutage in ­Georgien?
Khaindrava: Statistiken zufolge sind das neben Nasenkorrekturen die beliebtesten Operationen in Georgien. Und sie sind wirklich günstig, etwa 70 US-Dollar. Ich sehe auf Facebook immer die Anzeigen dafür: Revirginisierung im Angebot!
Khonelidze: Es gibt dieses »Jungfraueninstitut«. Manchmal gehen Mütter dort mit den Verlobten oder Freundinnen ihrer Söhne hin, um sie unter­suchen zu lassen, ob sie noch Jungfrau sind. So etwas lässt sich jedoch nicht feststellen, das ist Betrug. Aber manche Feministinnen begegnen Kritik an den »Revirginisierungsoperationen« mit dem Einwand, dass diese dann klandestin weitergehen würden.
Khaindrava: Vor kurzem hat sich eine 16jährige umgebracht, weil ein Junge sie damit erpresst hatte, Nacktbilder, die sie ihm geschickt hatte, an ihre Eltern zu schicken. Er zwang sie dazu, mit ihm Sex zu haben. In ihrem Abschiedsbrief schrieb sie: Es tut mir leid, Mama, es war die einzige Entscheidung, die sich mir bot.

Gab es danach feministische Proteste?
Khaindrava: Auf eine Art ja, aber die feministische Bewegung hier ist sehr NGO-nah. Sie haben ihre Projekte und Berichte, um die Regierung zu Gesetzen zu zwingen. Aber es gibt keine authen­tische feministische Basisbewegung.
Khonelidze: Sie sind konformistisch. Sie demonstrieren auf der Straße für Quoten im Parlament. Aber Themen wie Sexualität sind nicht wichtig genug für sie, um auf die Straße zu gehen.

Wie sieht es mit dem Recht auf Abtreibung aus?
Khaindrava: Abbrüche sind bis zur 12. Schwangerschaftswoche legal, aber viele Kliniken wollen sie nicht ausführen. Die Frauen werden dafür moralisch stark verurteilt, auch von den Ärzten.
Khonelidze: Wenn eine Frau im Krankenhaus eine Abtreibung vornehmen lassen will, geht das nicht sofort. Man gibt ihr fünf Tage Bedenkzeit und schickt sie nach Hause. Das ist ins­besondere für Frauen aus den ländlichen ­Regionen schwierig. Viele kommen nicht mehr zurück, weil sie unter ­großem Druck stehen.
Khaindrava: Die Kliniken gibt es meist nur in größeren Zentren. Für viele Frauen ist es nicht möglich, nach ein paar Tagen nochmal zu kommen, weil sie von ihren Männern abhängig sind.
Viele Männer verbieten ihren Frauen auch zu verhüten. Diese nehmen dann heimlich Verhütungsmittel. Manche sehen selbst das als Form von Abtreibung an, da die Kirche Verhütung nicht gutheißt. Der Zugang zu Verhütungsmitteln ist schwierig.

Es gibt Berichte über die gezielte Abtreibung weiblicher Föten. Wie weit ist diese Praxis verbreitet?
Khaindrava: Das ist immer noch ein Problem. Ein Junge gilt als richtiges Kind, ein Mädchen nicht so wirklich. Die Zahl solcher Abtreibungen war sehr hoch. Daher hat die Regierung veranlasst, dass das Geschlecht des Fötus erst ab dem sechsten Schwangerschaftsmonat bekanntgegeben werden darf. Aber private Kliniken machen das immer noch.

Welche Unterschiede gibt es zwischen Stadt und Land bezüglich häuslicher Gewalt?
Khaindrava: In Tiflis gibt es die meisten registrierten Fälle. Aber auf dem Land wird einfach nicht darüber geredet. Das ist eine kulturelle Sache, dass Probleme in der Familie nicht nach außen dringen dürfen. Dort, wo ich herkomme, in Mingrelien, sind Männer sehr gewalt­tätig, aber das taucht in den Statistiken nicht auf. Man ruft nicht die Polizei. Sogar jetzt, wenn eine Frau die Polizei ruft, weil ihr Mann sie schlägt, kann es sein, dass die Polizisten das nicht ernst nehmen.
Khonelidze: Sie sagen der Frau: Komm schon, vergib ihm, er macht das nie wieder. Eine Art männliche Solidarität, denn auch viele Polizisten schlagen ihre Frauen. Vor kurzem hat ein Polizist seine Ex-Frau und deren Mann umgebracht. Seit einigen Monaten gibt es nun dieses Gesetz, dass ein Polizist, wenn er als ­gewalttätig registriert wurde, seinen Beruf nicht weiterführen darf.

Wie hat sich die Lage von Frauen im Vergleich zur Generation Ihrer Mütter geändert?
Khaindrava: Nach dem Krieg, als viele Männer gestorben waren und die wirtschaftliche und soziale Lage katastrophal war – es gab oft keinen Strom, kein Wasser –, waren es oft die Frauen, die für die Familien sorgten. Viele arbeiteten im Ausland als Hausangestellte, im Pflegebereich und so weiter. Man konnte den Fortschritt merken, als viele dieser Frauen wieder zurückkamen.
Khonelidze: Wir haben heute Zugang zu mehr Information, die Technologie und der Kapitalismus blühen und es gibt mehr kognitive Arbeit. Aber es gab diese Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, der zufolge diese Generation konservativer und nationalistischer ist und häufiger in die Kirche geht als unsere Eltern und Großeltern.

Wie sieht es mit der Zusammenarbeit mit älteren Feministinnen aus?
Khaindrava: Als wir unsere Arbeit als Gruppe begannen, hatten wir einige Konflikte mit ihnen. Sie waren uns zu ­liberal, im Sinne Hillary Clintons, sie fordern, dass mehr Frauen als CEOs arbeiten sollen und Ähnliches. Aber dann merkten wir, dass wir wenige Verbündete haben. Wir haben schlechte Erfah­rungen mit linken Männern gemacht, die uns als »separatistische Lesben« beschimpften, als wir damals eine eigene Frauengruppe gründeten, um feministische Themen zu diskutieren. Jetzt ver­suchen wir, stärker mit den anderen Feministinnen zusammenzuarbeiten, auch wenn es manchmal Streitpunkte gibt.
Khonelidze: Es gibt eine Facebook-Gruppe mit rund 2 200 Mitgliedern, in der wir feministische Themen und Aktionen diskutieren. Da hatte sich vor drei Jahren einmal eine Frau über die Arbeit ­ihrer Babysitterin beschwert. Wir haben gefordert, dass mehr über die Rechte von Hausangestellten diskutiert und Sorgearbeit anerkannt werden sollte. Manche wurden dann sehr aggressiv und dachten, wir seien gegen Babysitter.