Die mutmaßliche Vergiftung des Managers von Pussy Riot

Ein Fall von starker emotionaler Erregung

Russische Medien kommentieren die mutmaßliche Vergiftung des Pussy-Riot-Managers Pjotr Wersilow.

Der russische Regierungskritiker und Aktivist von Pussy Riot, Pjotr Wersilow, ist nach Einschätzung von Ärzten der Berliner Charité wohl vergiftet worden. Die vorliegenden klinischen Befunde deuteten auf »eine bestimmte Wirkstoffgruppe« hin, aber die genaue Substanz sei bisher nicht bekannt.

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Für einen Moderator des staatlichen russischen Fernsehsenders Rossija 24 stellt sich die Sache anders dar. Denn, so der Moderator in seiner Ferndiagnose, man könne auf den Filmaufnahmen von der Einlieferung Wersilows ins Krankenhaus erkennen, dass er mit anderen Menschen spreche und gestikuliere. Dabei habe seine Mitstreiterin und Lebensgefährtin Veronika »Nika« Nikulschina behauptet, er leide an Lähmungen und einem Gehör- und Sprachverlust. Doch damit sei die Liste der Ungereimtheiten noch nicht zu Ende. Der Stoff, mit dem Wersilow vergiftet worden sein solle, komme in vielen Medikamenten vor und werde auch in der Drogenszene geschätzt. Schließlich wird dem interessierten Zuschauer auch noch offenbart, welche Organisationen den Charterflug nach Berlin ermöglicht haben. Da wäre zum Beispiel die Vereinigung Cinema for Peace, die sich sehr spendabel gezeigt habe, aber auch Amnesty International soll dabei gewesen sein.

Der 30jährige Wersilow hatte zuletzt mit seiner spektakulären Flitzer-Aktion während des Finales der Fußball-WM in Moskau von sich reden gemacht. Der Auftritt in Polizeiuniform brachte ihm eine 15tägige Gefängnisstrafe ein. In deutschsprachigen Medien wurde die mutmaßliche Vergiftung mit dem Flitzer-Auftritt in Verbindung gebracht.

Die Version, die liberal-oppositionelle russische Medien wie die Zeitung Nowaja Gaseta oder der Internetsender Doschd verbreiten, stützt sich auf die Darstellung des regierungskritischen Onlinediensts Mediazona, den Wersilow zusammen mit seiner früheren Ehefrau Nadeschda Tolokonnikowa und Marija Aljochina betreibt. Demnach steht die Vergiftung vermutlich in einem Zusammenhang mit Wersilows Recherchen über den Mord an drei russischen Journalisten in der Zentralafrikanischen Republik im Juli dieses Jahres.

Einer der ermordeten Männer war der bekannte Oppositionelle Alexander Rastorgujew, mit dem Wersilow befreundet war. Die drei Journalisten hatten über eine russischen Söldneragentur recherchiert. Wersilow soll noch vor kurzem Zugang zu exklusivem Material bekommen haben.

Dass er sich an Medikamenten habe berauschen wollen, ist nach Aussage der Charité eher unwahrscheinlich, aber nicht gänzlich auszuschließen. Er habe großen Wert auf eine gesunde Lebensweise gelegt, beteuern indes Bekannnte des Regimekritikers. Die Behandlung in der Charité soll auf Vorschlag eines dort arbeitenden Freundes von Pjotr Wersilows Vaters zustande gekommen sein, so die wirtschaftsliberale Zeitung Wedomosti.

Den möglichen Zusammenhang zwischen der mutmaßlichen Vergiftung und den Recherchen Rastorgujews benennt auch die Tageszeitung Moskowskij Komsomolez, die zu den landesweit populärsten zählt. Die auflagenstärksten Printmedien des Landes, das Boulevardblatt Komsomolskaja Prawda und die Wochenzeitung Argumenty i Fakty verzichten auf jeglichen Kommentar und belassen es bei trockenen Meldungen. Grund für Wersilows Zustand könnte schließlich, so die betont regierungsloyale Tageszeitung Iswestija, »starke emotionale Erregung« sein.