Das neue Album von Kurt Vile »Bottle It In«

On the Road

Kurt Vile hat einen Roadtrip gemacht, herausgekommen ist sein Album »Bottle It In«.
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Sonnenstrahlen kitzeln das Gesicht, die Wärme auf der Haut fühlt sich an wie Freiheit. Abgewetzte Jeansshorts, dazu ein Flanellhemd über ­einem weißem Unterhemd. Endlose Straßen liegen vor einem, links und rechts davon erstreckt sich die Landschaft. Aromatisch schmeckt der kostenlos nachgeschenkte Kaffee im Diner während der Pause. Wir befinden uns auf einem Roadtrip. Das Album »Bottle It In« von Kurt Vile ist auf so einem entstanden. Zwei Jahre war er unterwegs, auf Tour, hat seine Familie und Tonstudios besucht. Dabei entstanden 13 Titel, die (s)eine seltsame Welt offenbaren.

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Szenen aus dem Musikvideo zu »Loading Zones«, dem Eröffnungsstück der neuen Platte: eine Garage, auf dem Tor in großen Lettern die Aufschrift »No Parking«. Davor parkt ein roter Chrysler. Vile, in Jeans und dunklem T-Shirt, juckt das Verbot nicht. Er steigt ein und fährt durch das sonnige Philadelphia, um Besorgungen zu machen. Während Matt Korvette von der Noise-Band Pissed Jeans, als Polizist verkleidet, seine Strafzettel wie Konfetti gegen Autofrontscheiben wirft, wird Kevin Cor­rigan, der ebenfalls einen Polizisten mimt, von Vile verhöhnt, indem dieser auf das ihm ausgestellte Bußgeldpapier »To My Biggest Fan« notiert und es dem verdutzten Gesetzteshüter zurückgibt. Ein Autogramm inklusive gezeichneten Herzchen. Dann: Vile im Waschsalon, wo er ein frisches Hemd mit Fliegenpilzmuster überzieht. Als er den Salon verlässt, sind wieder die beiden Polizisten da und warten, auf seinem Auto gelehnt, auf ihn. Auch das juckt Vile nicht: Er steigt einfach in einen roten 77er Pontiac Grand Prix, der vor seinem Wagen parkt, und fährt weg. Die seichte Nummer klingt mit einem Gitarrensolo aus, nicht ohne das Wah-Wah-Effektpedal zu überstrapazieren.

Viles Roadtrip geht weiter mit einem Abstecher nach Kalifornien zum Stagecoach-Festival. Dort trifft er seine Lieblingsband, The Sadies. Danach zeigt er sich fasziniert von Willie Nelsons Set auf der Bühne. Es geht es weiter nach Los Angeles, um sich im Mant Sound Studio bei Rob Schnapf einzunisten.

»Bottle It In« lässt einen an Straßen in der Wüste denken. Langsames Tempo, links und rechts die Pampa. Der kalifornische Kondor zieht bereits Kreise über den langsam irre werdenden Autoinsassen. Für so eine Reise muss man fähig zum Leiden sein.

Der Roadtrip als Form des Reisens ist der stärkste Ausdruck eines alternativen Lebensgefühls. Sich wohlfühlen am Strand, das ist etwas für surfende Kuschelrocker wie Jack Johnson. Der Soziologe Gerhard Schulze stellt in »Die Erlebnisgesellschaft: Kultursoziologie der Gegenwart« einen Zusammenhang zwischen Reisegründen und sozialem Milieu her, Vile kann hier dem Selbstverwirklichungsmilieu zugeordnet werden, allerdings geht es ihm nicht allzu sehr darum, etwas zu erleben, es geht darum, unterwegs zu sein. Auch reiste Vile nicht, um »Bottle It In« aufzunehmen, »Bottle It In« entstand, weil er reiste. Das ­Ergebnis ist zusammengesetzt aus Fragmenten, die an verschiedenen Stationen seiner Reise entstanden sind, nämlich in Tonstudios: Neben Schnapf arbeitete Vile mit dem Produzenten Shawn Everett in Los Angeles zusammen, in Portland und in Greenpoint in Brooklyn mit dem Kollegen Rob Laakso. Die letzte Fahrt führte ihn nach Connecticut, wo er mit Peter Kadis den größten Teil des Albums aufnahm.

»Bottle It In« ist ein persönliches Album geworden, nicht von den ­besuchten Ortschaften, sondern von den Menschen inspiriert, die Vile in den zwei Jahren traf, unter anderem seine Familie. Die Texte strotzen vor Offenbarungen, Gedanken und Einsichten, schweben manchmal in ­andere Sphären und werden dann kryptisch, bleiben aber dabei poetisch. Die Titel sind mal eingängig poppig (»Rollin With the Flow«), mal albern melodisch (»Skinny Mini«). Die trüben Drumbeats auf dem Album spielte Stella Mozgawa, eigentlich Schlagzeugerin bei Warpaint, ein, die grazile Harfe stammt von Mary Lattimore.

Wunderschön schlicht ist die Country-Mitsing-Ode »One Trick Ponies«, wie ein monströser Stau hin­gegen klingt »Check Baby«, in dem Vile in gefühlter Dauerschleife penetrant »Check Baby/One Two Three« knurrt, um abschließend mit einem ausufernden Gitarrensolo das an­gestaute Wasser wieder fließen zu lassen. Umso behutsamer ist »Mutinies«, auf dem eine formidable Kim Gordon die Akustikgitarre spielt.

 

Kurt Vile: Bottle It In (Matador Records)