Bitte nicht füttern - Pubertierende Hunde

Mein kleiner Palmer

Kolumne Von

Heißes Pflaster, dieses Tübingen! Immer wieder suchen »wilde Horden« rechtschaffene Bürger heim: Ulrike Radmers Garten sei »nicht der erste, der in Tübingen dran glauben musste«, schreibt das Schwäbische Tagblatt. Vor wenigen Wochen hatte es bereits »über den völlig zerstörten Rosengarten von Birgit Metzen in der Engelfriedshalde« berichtet. Selbst vor Menschen machen die kriminellen Schweinebanden nicht halt: »24jähriger rettet sich vor rasendem Wildschwein auf Holzstoß« (Die Welt). Das war knapp! Die Tübinger Bürgerinitiative »Keine Wildschweine in Wohngebieten« ruft zu Protesten auf. Klar, dass auch scharf geschossen wird: »Zwei Jäger sind bestellt« (SWR), »Halali!« (Boris Palmer auf Facebook).

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In Berlin leben wir dagegen ein eher betuliches und reizloses Leben, jedenfalls in den wildschweinfreien Innenstadtbezirken. Dennoch: Jeden Tag um 22 Uhr, wenn in Tübingen die totale Nachtruhe einsetzt, besteht auch Coco mitten in Berlin darauf, ihre Patrouille anzutreten. Es ist nicht zu leugnen, in diesem kleinen Hippiehund, diesem Sonnenschein, diesem Herzensbrecher steckt auch jede Menge Kontrollwahn, Unterwerfung, ein autoritärer Charakter, ein Nachtwächter, ja ein kleiner Boris Palmer auf vier Pfoten. Liegt irgendwo etwas herum, das da nicht hingehört? Ein Holzstöckchen, eine Plastikverpackung? Hundekot? Coco greift persönlich ein, sammelt es auf, macht Ordnung. Herrscht auch wirklich Ruhe nach 22 Uhr?

Wenn nicht, kann sie auch mal laut werden. »Schluss, Boris!« rufe ich dann. Aber sie ist zuweilen ganz außer sich, wenn sich so spät abends Spaziergänger unterhalten oder ähnlich unschwäbische Ausschweifungen begehen.

Stellt sich also die ­F-Frage. Hat der Hund das Potential zum Faschisten? Und wenn ja, möchten wir mit einem solchen zusammenleben?

Wenn jemand vorbeigeht und beim Anblick von Coco sagen würde: »Ach nee, die auch noch«, wie würde sie da reagieren? Da zeigt sich zum Glück: Anders als anderen Möchtegernwachhunden fehlen der kleinen Coco Aggression und Machtdenken. Sie würde zwar bellen, also sozusagen den Falschparker melden, aber sie würde ihm nicht aufs Dach steigen.

Im Gegenteil, käme er auf sie zu, sie würde ihn freudig begrüßen und zum Spielen einladen.

Aber das kann sich noch ändern. Denn während bei manch schwäbischem Ordnungshüter die Pubertät mit Mitte 40 einsetzt, geht das bei Coco jetzt schon los. »Übertriebene Beschäftigung mit sexuellen Vorgängen« (Adorno, F-Skala) ist zwar noch nicht festzustellen, aber das »Flegelalter« ist erreicht. Den Hund allein in der Wohnung lassen? Kann man machen, aber danach sieht sie halt anders aus. Jetzt heißt es, den »Halbstarken« im Auge zu behalten. »Pubertierende überschätzen oft maßlos die eigenen Fähigkeiten und müssen vor sich selbst geschützt werden«, steht auf einer Hunderatgeberseite. Ein Facebook-Konto bekommt Coco Palmer also erst einmal nicht.