Russische Rapper zeigen sich solidarisch mit von der Regierung verfolgten Kollegen

Rapper als Regierungsschreck

In Russland stellen die Strafverfolgungsbehörden Rappern nach, die Kritik an der Regierung verbreiten oder für moralischen Verfall verantwortlich gemacht werden. Die Rapper solidarisieren sich miteinander.

Politische Risiken im russischen Musik­business waren bislang leicht kalkulierbar. Wer in den vergangenen Jahren dem ukrainischen Staat zu viel Sympathien entgegenbrachte oder gar die Annexion der Krim durch Russland offen kritisierte, musste mit Schikanen und lokalen Auftrittsverboten rechnen. Bei russischen Rappern sind derart eindeutige Positionen selten, von Ausnahmen wie Iwan Aleksejew alias Noize MC abgesehen.

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Umso mehr fällt daher auf, dass die Strafverfolgungsbehörden nun russische Rapper und Popstars angehen. Seit Oktober verhinderte der Staatsschutz etliche Konzerte, darunter von Jegor Krid (Egor Kreed), Jah Khalib und der Popsängerin Monetotschka. Als am Abend des 21. November Husky, einem der großen Stars der Rap-Szene, in Krasnodar, wie bereits am Vortag in Rostow, der Strom abgestellt wurde, verlegte er seinen Auftritt kurzerhand auf die Straße. Als Bühne diente ihm das Dach eines geparkten Wagens. Die Fans dankten es ihm, die Polizei aber nahm ihn fest. Zwölf Tage Administrativhaft lautete das folgende Urteil, gleich wegen mehrerer Vergehen: Vandalismus, Verursachung eines Massenauflaufs und die Weigerung, sich einem Drogentest zu unterziehen.

Als Grund für die Repression gegen Rapper, aber auch Musikgruppen an­derer Stilrichtungen, vermutet Alexander Werchowskij dumpfe Polizeilogik. Er ist Mitglied im Menschenrechtsrat des Präsidenten und Direktor des ­Moskauer Informations- und Analyse-Zentrum SOVA, das die Durchsetzung der russischen Extremismusgesetze kritisch beobachtet. »Meiner Kenntnis nach stellen die Polizeibehörden zwei Ereignisse in einen direkten Zusammenhang: die Explosion in Archangelsk und die Schießerei in Kertsch«, sagte Werchowskij der Jungle World.

Der aus Ulan-Ude stammende ­Husky, mit bürgerlichem Namen Dmitrij ­Kusnezow, hat im Laufe seiner Karriere eine relativ große Anhängerschaft ­gewonnen. Dabei ist er ein wandelnder Widerspruch. 2014 zog es ihn in den Donbass, aber mit seiner lyrischen Kritik am tristen russischen Provinz­alltag eignet er sich nur bedingt zum vorbildlichen Patrioten. Ein Imagewandel und schicke Adidas-Outfits brachten ihn später dem modebewussten Großstadtpublikum näher, während besonders pingelige Gegner in einer ­seiner Liedzeilen einen Aufrufe zum Kannibalismus ausgemacht ­haben wollen.

Normalerweise ist es mit der Solidarität unter Rappern, die ihre Battles mit scharfer Zunge gegeneinander austragen, nicht weit her. Doch nach ­Huskys Festnahme luden einige der bekanntesten russischen Vertreter des Genres, Oxxxymiron, Basta und Noize MC, zu einem gemeinsamen Konzert. Ersterer stellte klar, dass es nicht allein um die Unterstützung eines Musikerkollegen gehe, sondern um die Zukunft des Rap. Bald wurde bekannt, dass ein Abgeordneter aus dem Petersburger Gebiet an den Generalstaatsanwalt Jurij Tscha­jka mit der Aufforderung herangetreten war, Maßnahmen gegen die Veranstaltung von Rap-Konzerten einzuleiten. Husky kam vorzeitig aus der Haft frei und das Solidaritätskonzert ging ungestört vor einem begeisterten Publikum über die Bühne.

Als Grund für die Repression gegen Rapper, aber auch Musikgruppen an­derer Stilrichtungen, vermutet Alexander Werchowskij dumpfe Polizeilogik. Er ist Mitglied im Menschenrechtsrat des Präsidenten und Direktor des ­Moskauer Informations- und Analyse-Zentrum SOVA, das die Durchsetzung der russischen Extremismusgesetze kritisch beobachtet. »Meiner Kenntnis nach stellen die Polizeibehörden zwei Ereignisse in einen direkten Zusammenhang: die Explosion in Archangelsk und die Schießerei in Kertsch«, sagte Werchowskij der Jungle World. Ende Oktober zündete Michail Schlobizkij im Gebäude des Inlandsgeheimdienstes FSB in Archangelsk einen selbstgebauten Sprengkörper. Der Berufsschüler zog sich dabei tödliche Verletzungen zu. In einer kurz zuvor über den Messengerdienst Telegram verschickten Nachricht beschuldigte er den FSB, Folter anzuwenden, und spielte dabei ganz ­offensichtlich auf die Antiterrorermittlungen gegen Antifaschisten in Pensa und St. Petersburg an. Zwei Wochen zuvor waren beim Amoklauf eines Studenten in einem Polytechnischen College auf der Krim 21 Menschen ums Leben gekommen.

FSB und Polizei seien beauftragt, diesen Phänomenen durch Prävention beizukommen, so Werchowskij. Sie identifizierten einen Teil der Musikszene als Problemverursacher, darunter das auch im Ausland populäre Elektro-Duo Ic3peak, Anastasia Kreslina und Nikolaj Kostyljow. In mehreren Städten musste das Duo Ersatzveranstaltungsorte suchen, Konzerte wurden unterbrochen oder konnten gar nicht stattfinden. In Nowosibirsk landeten Kreslina und Kostyljow auf der Polizeiwache, er sogar in Handschellen. Ic3peak eigne sich als ideales Objekt für Repression, so Werchowskij. In ihrer Musik und ihren Videos finde sich »alles: Suizid, Proteste und sie trinken ­sogar Blut«. Über zehn Millionen Klicks hat das Video ihres Songs »Kein Tod mehr« auf Youtube mittlerweile erreicht, wobei für Missfallen im Sicherheitsapparat sowohl die visuelle Darstellung als auch der Songtext gesorgt haben dürften. Kreslina steht im Video vor dem Weißen Haus in Moskau, dem Sitz der Regierung, und singt: »Ich begieße meine Augen mit Kerosin, lass es brennen, lass es brennen. Ganz Russland schaut auf mich. Lass es brennen, lass es brennen.« Kostyljow lässt mit stoischer Miene ein brennendes Streichholz fallen. Am Ende bleibt ein schwarzer Brandfleck.

Konzertverbote ändern nichts daran, dass Alkoholkonsum, Drogen, Sex – also alles, was russische Moralapostel für verwerflich und für Jugendliche unbekömmlich halten – fester Bestandteil der Musikkultur sind und sicherlich auch bleiben. Rückhalt erhielten Husky und andere Musikerinnen und Musiker indes sogar von Kulturminister Wladimir Medinskij, der sich, anders als in seinem Ressort üblich, gegen die behördliche Einmischung in kulturelle Angelegenheiten aussprach. Der stellvertretende Leiter der Präsidialverwaltung, Sergej Kirijenko, bezeichnete die Verbote gar als Dummheit. Er fiel in jüngeren Jahren als Sondervertreter des Präsidenten in der Wolga-Region durch progressive Politikansätze auf. Dessen Vorgänger Wladislaw Surkow äußerte sich zwar nicht zu den jüngsten Vorfällen, dafür ist er als Liebhaber klassischer russischer Poesie bekannt. Als solche bezeichnete er im Frühjahr in einer seiner Publikationen eine Zeile von Oxxxymiron: »Rundherum nur Dornen, Dornen, Dornen … fuck, wann kommen endlich die Sterne?«

Wirklich originell fiel die Fürsprache für nicht oder nur bedingt konforme Musikschaffende von Dmitrij Kisseljow aus, dem Leiter der staatlichen Medienholding »Russland heute«. In seiner sonntäglichen Zusammenfassung der Ereignisse der Woche stellte er dem Fernsehpublikum nicht nur kenntnisreich einzelne erfolgreiche Interpreten vor, sondern lieferte sogar einen überzeugenden historischen Ansatz zur Entstehungsgeschichte des russischen Rap. Die lasse sich auf den großen proletarischen Dichter Wladimir Majakowskij zurückführen, dessen Werk Kisseljow prompt zu einer eigenen Rap-Darbietung inspirierte. Damit nicht genug, annoncierte er in einem Interview Pläne für ein internationales Rap-Festival im Sommer 2019, allerdings ausgerechnet auf der Krim.
Vielleicht gelingt ihm ja, was sich bei einem Treffen staatsloyaler Rapper mit Parlamentsabgeordneten im Dezember in der Duma als Flop erwiesen hatte: die Vereinnahmung der Szene. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass Kisseljow weniger bekannte Rapper wie Anton Martschenko aus Nowokusnezk auf die Gästeliste setzt, der den forcierten Kohletagebau in Sibirien kritisiert: »Ich bin aus der Provinz, da­rum habe ich vor nichts Angst.«

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