Eine Rekonstruktion der Debatte nach der Erstaustrahlung der Serie »Holocaust« im Jahr 1979

Kurzfristig erschüttert

Anlässlich der Wiederausstrahlung von »Holocaust« wird die aufklärerische Wirkung der US-amerikanischen Serie auf das deutsche Publikum gelobt. Ein Blick in die Archive zeigt: Viel hat die Geschichte der Familie Weiss beim ARD-Zuschauer nicht erreicht.

Der Begriff »Holocaust« transformiere Auschwitz in die sinnvolle Struktur eines Alptraums, so hat es der Soziologe Detlev Claussen formuliert. Als die Gesellschaft für Deutsche Sprache »Holocaust« zum »Wort des Jahres 1979« wählte, wirkte diese Entscheidung doch einigermaßen befremdlich. Die Jury begründete ihre Wahl damit, dass der Begriff »Holocaust« die öffentliche Diskussion in Deutschland nach der Ausstrahlung der gleichnamigen US-amerikanischen Fernsehserie im Jahr 1979 bestimmt habe. Dass das Wort »Holocaust« (»Brandopfer«) der Ermordung der europäischen Juden eine Art Sinn unterschiebt, wurde von der Gesellschaft für Deutsche Sprache allerdings nicht problematisiert. Der Serie »Holocaust – Die Geschichte der ­Familie Weiss« kann aber zumindest das Verdienst zugesprochen werden, dass sie die aus dem Nationalsozialismus übernommene Bezeichnung »Endlösung« aus dem bundesrepublikanischen Sprachgebrauch verdrängt hat. Wenn anlässlich der Wiederausstrahlung des Mehrteilers dessen Bedeutung für die deutsche »Erinnerungskultur« gelobt wird, so lohnt es, noch einmal einen genauen Blick auf seine Entstehung, die ­gesellschaftliche und mediale Diskussion und die Wirkung der Serie zu werfen.

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Gegen die Ausstrahlung der Serie begehrten ganz unterschiedliche ­politische Gruppen auf, etwa der Kreis um den Rechtsterroristen und NPD-Politiker Peter Naumann, der mit Bombenattentaten auf einen Sendemast bei Koblenz und die Richtfunkstelle Nottuln bei Münster die Ausstrahlung einer zur Serie ge­hörenden Dokumentation zu verhindern versuchte, was ihm zumindest in 100 000 Haushalten gelang. Oder die linken K-Gruppen, die Kritik an »Holocaust« wegen angeblicher »zionistischer Propaganda« formulierten – dabei war die deutsche Fassung von »Holocaust« bereits um acht ­Minuten gekürzt.

Nicht gezeigt wurde den Zuschauern der Neuanfang des einzigen Überlebenden der jüdischen Familie Weiss in Palästina und seine Rolle bei der Staatsgründung Israels. Die bildungsbürgerliche Linke wandte sich gegen die »Trivialisierung« der Shoah und übernahm damit die Kritik des Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel. Der Film verwandele »ein ontologisches Ereignis in eine Seifenoper«, kritisierte er. Heinrich Böll, Günter Grass und Martin Walser meldeten sich zu Wort und boten an, sich an einem deutschen Gegenentwurf zu der US-amerikanischen »Seifenoper« zu beteiligen. Während die amerikanische Debatte zwischen Elie Wiesel und anderen Kritikern auf der einen und den Machern und Verteidigern der Serie auf der anderen Seite vor allem eine innerjüdische Diskussion um eine angemessene fiktionale Darstellung der Shoah war – sowohl der Regisseur Marvin J. Chomsky, ein Cousin von Noam Chomsky, als auch der Produzent Herbert Brodkin und der Autor ­Gerald Green hatten einen jüdischen Hintergrund –, interessierte sich die innerdeutsche Feuilletondiskussion nicht für die jüdische Perspektive. Man ließ vielmehr durchblicken, dass die mediale Darstellung der deutschen Verbrechen nicht erneut von den Siegern diktiert werden sollte. »Holocaust« wurde als die Fortsetzung des amerikanischen Reeducation-Programms gedeutet.

Nicht gezeigt wurde den Zuschauern der Neu­anfang des einzigen Überlebenden der jüdischen
Familie Weiss in Palästina und seine Rolle bei der Staatsgründung Israels.

Die jüdische Perspektive, die die Serie einnimmt, wurde nur in einem Artikel in einer Regionalzeitung überhaupt erwähnt. Und schließlich stritten die Verantwortlichen bei der ARD darum, in welcher Form sie die Serie dem deutschen Publikum servieren sollten. Gegen eine Ausstrahlung im Hauptprogramm der ARD sprach sich vor allem der Bayerische Rundfunk aus.

Schließlich einigte man sich auf den Kompromiss, die Serie gleichzeitig in allen Dritten Programmen auszustrahlen und mit Dokumentationen und Diskussionsrunden zu ergänzen. Der Schluss der Serie wurde gekappt, einzelne Sequenzen wurden umgestellt: Statt zu zeigen, wie sich Juden auf den bewaffneten Widerstand im Ghetto vorbereiten, wurde eine Szene vorangestellt, in der ­Juden gefoltert und ermordet werden. Den Verantwortlichen der Bundeszentrale für politische Bildung, die den gesamten Prozess begleiteten und pädagogische Materialien zur Serie erstellten, war bewusst, dass der Widerstand bei der deutschen Bevölkerung nur selten auf Verständnis stieß und der Antisemitismus weiterbestand.

Flankiert von öffentlichen Debatten, wurde »Holocaust« bei Ausstrahlung der Serie an vier Abenden im Januar 1979 zu einem Medien­ereignis, das Einschaltquoten bis zu 40 Prozent und zeitweise 20 Millionen Zuschauer erreichte. »Die besonderen Schwächen des Films begründen gerade seine Stärke, eine öffentliche Reaktion hervorrufen zu können«, schrieb Moishe Postone kurz nach der Ausstrahlung und erklärte, wie der Film die Zuschauer einlade, sich mit dem Schicksal der Familie Weiss zu identifizieren, die als assi­milierte Juden aus der Mittelklasse gezeigt würden. Anhand dieser ­Familie schildert die Serie die zentralen Stationen der Vernichtung der europäischen Juden, von der Pogromnacht bis zu den Gaskammern in Auschwitz. Dem gegenüber steht der Jurist Erik Dorf, der im NS-System Karriere macht. Zum ersten Mal gab es angesichts dieses zugespitzten ­Gegensatzes zwischen den Haupt­figuren eine breite gesellschaftliche Debatte über die Ermordung der ­europäischen Juden und das Eingeständnis deutscher Schuld. Nach Jahrzehnten der Verdrängung und Leugnung, so Postone, sei »dieser schlafähnliche Zustand« durch die Serie »Holocaust« zumindest für ­einen Augenblick erschüttert worden: »Die öffentliche Reaktion auf ›Holocaust‹ machte klar, dass Millionen Deutsche tatsächlich davon gewusst haben mussten, selbst wenn nicht in allen Einzelheiten.« Fast 30 000 Anrufe seien bei den Sendern in der anschließenden Sendung »Anruf erwünscht!« eingegangen, berichtete der Spiegel in einem Artikel Ende ­Januar 1979. Es hätten sich »Irritierte, Betroffene, Überlebende« gemeldet. »Manche schämten sich, klagten sich selbst an, einige weinten.« Hat die Serie also mit den falschen Mitteln das Richtige erreicht? Die wissenschaftliche Aufarbeitung kommt zu einem anderen Ergebnis. So hielten vor Ausstrahlung der Serie 36 Prozent der Deutschen den Nationalsozialismus für eine gute, aber schlecht ausgeführte Idee, danach nur noch 30 Prozent, ein Rückgang, der kaum als »Kehrtwende« oder »erinnerungspolitische Zäsur« bezeichnet werden kann, was viele Medien dennoch taten. Auch 30 Prozent der Zuschauer von »Holocaust« waren nach wie vor der Meinung, man solle die Zeit von 1933 bis 1945 am besten vergessen, 40 Prozent machten sich weiterhin Sorgen um das Ansehen der Deutschen im Ausland angesichts solcher Filme. Immerhin einen Effekt hatte die Serie: Als im Sommer 1979 im deutschen Bundestag darüber diskutiert wurde, die Verjährungsfrist für nationalsozialistische Verbrechen abzuschaffen, sprach sich eine knappe Mehrheit von 255 zu 222 Stimmen ­dafür aus. Grund dafür war auch, dass sich der gesellschaftliche Trend ­gewendet hatte: Waren vor der Serie noch 51 Prozent der Bevölkerung für eine Verjährung gewesen, waren es nach der Ausstrahlung nur noch 31 Prozent.

Woran mag es liegen, dass die Serie zwar eine langfristige Wirkung auf die wissenschaftliche Debatte über die Darstellbarkeit der Shoah hatte, aber trotz aller persönlichen Betroffenheit der Zuschauer keine nachhaltigen Veränderungen im Denken der Mehrheitsgesellschaft bewirkte? Wohl vor allem, weil eine Einfühlung in das Schicksal der europäischen ­Juden, die Identifikation mit ihrer Entrechtung und Verfolgung, wie Postone bereits 1979 befürchtet hatte, nur eine kurzzeitige Erschütterung bewirken kann. In »Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit?« ­berichtet Theodor W. Adorno von ­einem ähnlichen Fall: »Man hat mir die Geschichte einer Frau erzählt, die einer Aufführung des dramatisierten Tagebuchs der Anne Frank beiwohnte und danach erschüttert sagte: ja, aber das Mädchen hätte man doch wenigstens leben lassen sollen.« Adorno betont die Ambivalenz dieser Äußerung: »Sicherlich war selbst das gut, als erster Schritt zur Einsicht. Aber der individuelle Fall, der aufklärend für das furchtbare Ganze einstehen soll, wurde gleichzeitig durch seine eigene Individuation zum Alibi des Ganzen, das jene Frau da­rüber vergaß.« Einer der vehementesten Kritiker von »Holocaust« war Claude Lanzmann, der wenige Jahre später mit »Shoah« eine Art Gegenentwurf zur trivialen Serie in die ­Kinos brachte. Er kritisierte  vor allem die Darstellung der jüdischen Familie. Um dem Tätervolk die Identifikation mit der Familie zu ermöglichen, sei »alles ausgemerzt« worden, was »sie von anderen hätte unterscheiden können«. Jede »Spur von Anderssein« habe man »verschwinden lassen«. Auf diese Weise lässt sich zwar Mitleid mit dem Individuum empfinden und auch dessen Tod betrauern, das Verschwinden der jüdischen Kultur aus Europa werde dadurch ­jedoch der Wahrnehmung entzogen. Auch Moishe Postone wies bereits 1979 darauf hin, dass die Familie Weiss kaum mehr jüdische Bezüge habe, was den Deutschen die Identifikation erleichtere: »Durch die Erleichterung der Identifikation schwächte der Film die Wahrnehmbarkeit, dass es sich um die Auslöschung einer anderen Kultur handelte.« Der Film konnte den Antisemitismus weder in seiner historischen noch in seiner ­gesellschaftlichen Dimension erklären – ebensowenig wie die Experten in den Diskussionsrunden im Anschluss an die Ausstrahlung. Sie hätten, so Postone, zwar Fakten und Zahlen präsentiert; einen Erklärungsansatz für das Funktionieren der Vernichtung seien sie jedoch schuldig geblieben. So stünden in der ­Serie auf der einen Seite die individuellen Lebensgeschichten, auf der ­anderen Seite stehe die Inszenierung der nationalsozialistischen Macht; der strukturelle Antisemitismus, seine historische Dimension und zent­rale Rolle für den Nationalsozialismus würden jedoch ausgespart.
Mittlerweile hat sich die bei »Holocaust« bewährte Methode der Identi­fikation in der filmischen Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte als Norm etabliert. Mal sind es ­»Unsere Mütter, unserer Väter«, in die sich Zuschauer einfühlen, mal auf gleiche Weise die jüdischen Opfer. 1979 hatte die Serie zumindest noch eine Diskussion über die die Darstellbarkeit der Shoah ausgelöst, an der sich auch Intellektuelle wie Postone oder Lanzmann beteiligten. Heut­zutage findet eine solche Diskussion nicht mehr statt, stattdessen fordert eine Petition, die ARD solle die Serie ins Hauptprogramm nehmen. Der Spiegel bedauert den fehlenden Mut des deutschen Fernsehens, »eine ­aktualisierte ›Holocaust‹-Serie« zu produzieren und im Kino wird wieder »Schindlers Liste« gezeigt. Kaum jemand kritisiert noch die Trivialisierung oder fragt nach der Darstellbarkeit der Shoah, stattdessen zeigt sich, wie richtig Eike Geisel lag, als er die »Erinnerung als höchste Form des Vergessens« bezeichnete.