Erinnerungen an den kürzlich verstorbenen Skispringer Matti Nykänen

Es bleibt eine Briefmarke

Der viermalige Olympiasieger Matti Nykänen starb im Alter von 55 Jahren am 3. Februar. Ein Nachruf.

Das erste Mal begegnete mir Matti Nykänen in einem Olympia-Buch. Ich hatte 1984 als Grundschüler die Olympischen Sommerspiele von Los Angeles verfolgt und dann das Buch geschenkt bekommen. Dem entnahm ich, dass im selben Jahr auch Winterspiele stattgefunden hatten, an einem Ort mit dem wohlklingenden Namen Sarajevo. Ich war ziemlich fasziniert von den Aufnahmen aus einer Tiefschneelandschaft, und am meisten von diesen Skispringern. Drei Protagonisten und drei Bilder waren es, die bei mir hängenblieben: das Maskottchen Vučko, der Wolf, Jens Weißflog, Matti Nykänen – eine spitze Nase, ein Oberlippenflaum, ein überaus blasses Milchgesicht.

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Als Nykänen Grundschüler war, begann er in einer Stadt namens Jyväskylä mit dem Skispringen. Nach seinem Tod am 3. Februar tauchte Jyvä­skylä wieder in den internationalen Medien auf. Nykänen wohnte nicht mehr dort, aber die Schanze, auf der er sein Handwerk gelernt und zur Kunst perfektioniert hatte, ist nach ihm benannt. Weggefährten berichten, dass er schon als Kind nichts anderes gewollt habe, als skizuspringen. Zwei- bis dreitausend Mal im Jahr soll er von Schanzen abgehoben ­haben.

Wer sich die lange Serie der Abstürze des Sportlers vergegenwärtigt, denkt vielleicht an Gil Scott Herons Song »The Bottle«. »If you ever come looking for me / You know where I’m bound to be / In the bottle« – das passt in die Zeit, in der Nykänen immer mal wieder bei Springen fehlte. Später verkaufte er seine Olympia-Goldmedaillen, ganz wie in der Zeile »Pawned off damn near everything / His old woman’s wedding ring / For a bottle«.

Nun war es in den achtziger Jahren nicht leicht, Nykänens Abschneiden zu verfolgen. Die wenigen Quellen waren kleine Berichte in Zeitungen, Ergebnisspalten, Kurzmeldungen in der Sportschau am Sonntag. Es gab noch keine Kanäle wie Eurosport, die Skispringen übertrugen, erst recht keinen aufgeblasenen »Adler«-Hype. Jens Weißflog und Klaus Ostwald ­waren ja aus der DDR, und die westdeutschen Springer nur gute Mittelklasse, die ab und an mal »einen raushauten«, wie die Kommentatoren in ihren exotischen alpinen Dialekten das nannten, wenn mal ein Wett­bewerb im Fernsehen gezeigt wurde.

Diese Ausnahmen blieben meist auf die Vierschanzentournee beschränkt: die Höhepunkte der winterbedingten Häuslichkeit der Weihnachtsferien. Das Rauschen der Springer in der Spur, das Zischen beim ­Absprung, all das geschah, während daheim Backenzähne Spekulatius zermalmten und Kiefer sich im infight mit Kräuterprinten befanden. Das Neujahrsspringen war in seinem Ritualgehalt wie eine Fortsetzung von »Dinner for One« mit anderen Mitteln – wobei Anspielungen auf ­einen trunkenen Protagonisten der Sache vorgreifen würden.

Die reichhaltigste Informationsquelle zum Thema Matti Nykänen fand ich im Kicker-Sportmagazin meines Vaters. Fußballmonokultur mit ein paar Seiten Motorsport – die zeitunggewordene Bundesligareportage zum Autowaschen. Eine der seltenen Ausnahmen trug den Titel »Der kometenhafte Aufstieg des Matti Nykänen«. Sie wurde das Prunkstück der Sammlung, die ich in einer finnischblauen Plastikmappe anlegte.

Dieses doppelseitige Porträt kannte ich so gut wie auswendig. Ich wusste im Schlaf, dass der Aufstieg 1981 mit dem WM-Titel der Junioren begonnen hatte. Der richtige Durchbruch kam ein Jahr später, als, so der Text in seiner bemerkenswert blumigen Sprache, »auf der Großschanze von Oslo in einem Nebel gesprungen wurde, dass jeder Flughafen geschlossen worden wäre«. Bei diesen widrigen Bedingungen, hieß es weiter, habe genau ein Athlet seine Sprünge ins Nichts bis auf den letzten Meter durchgezogen: der milchgesichtige, schmale Debütant aus Jyväskylä.

Trotz aller Lobeshymnen enthielt der Artikel auch eine Warnung vor der möglichen Kehrseite des schnellen Ruhms: »Noch belastet es Matti Nykänen nicht, dass er keinen Schulabschluss hat.« Was der Schreiber nicht wusste: Nykänen war hyperaktiv, er konnte in der Schule sitzenbleiben, aber nicht stillsitzen. Er hätte Unterstützung gebraucht, doch das einzige, was ihm half, waren Schanzen.

Für alles, was sie nicht auffangen konnten, gab es schon früh in seiner Karriere Alkohol. Wer sich die lange Serie der Abstürze des Sportlers vergegenwärtigt, denkt vielleicht an Gil Scott Herons Song »The Bottle«. »If you ever come looking for me / You know where I’m bound to be / In the bottle« – das passt in die Zeit, in der Nykänen immer mal wieder bei Springen fehlte. Später verkaufte er seine Olympia-Goldmedaillen, ganz wie in der Zeile »Pawned off damn near everything / His old woman’s wedding ring / For a bottle«.

Mitte der Achtziger, als ich noch nichts von Nykänens Turbulenzen nach der Landung ahnte, brach er in einen Kiosk ein. Die Beute klang nach unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung: Zigaretten und Bier, weiter nichts. Womöglich dachte er ab und an daran, als er nach der Skisprungkarriere umsattelte und Sänger wurde. Eines seiner Lieder heißt »Pidä varas« – »Haltet den Dieb«.

Doch noch hielt Nykänen dem Druck stand. Er reihte einen Sieg an den nächsten, gewann die Weltcup-Serien 1983, 1985, 1986. Ich fieberte mit und eignete mir derweil das ­nötige Vokabular an: Thermik, Aufwind, Anlauf verlängern oder verkürzen, Schanzentisch, bakken, Telemark, die Haltungsnoten der fünf Sprungrichter. Nykänen lag nicht selten ein wenig schief in der Luft – oder war das die Kameraeinstellung? –, jedenfalls war er nicht der beste Stilist. Der perfekte Sprung mit fünf Mal Haltungsnote 20, das war nichts für ihn. Er setzte auf Weite. Er haute einen raus. Oder auch zwei.

Für mich tat sich noch eine andere neue Welt auf: die Geographie der Schanzen. Bald war mir der Saisonverlauf ganz vertraut, der Auftakt in Nordamerika, Thunder Bay in Kanada und Lake Placid, USA; dann Sapporo in Japan, die Schweizer Tournee mit Sankt Moritz, Gstaad, Engelberg; Štrbské Pleso, Harrachov, Liberec in der Tschechoslowakei; gegen Ende des Winters dann Skandinavien: Lahti, Falun, und selbstverständlich Oslo, der sagenhafte Holmenkollen. Schließlich das Abschlussskifliegen auf der Riesenschanze von Planica. Je weniger es davon im Fernsehen zu sehen gab, desto lebhafter malte ich mir diese Orte aus.

Zu einem Springen zu reisen, war leider ausgeschlossen. Um die Distanz zu überbrücken, setzte ich mir in den Kopf, wenigstens ein Autogramm von Nykänen zu bekommen. Aber wie? Ich schrieb Andi Bauer an, einen der besten deutschen Springer, bat ihn um seine Unterschrift und darum, mir dabei behilflich zu sein, auch ein Autogramm meines Helden zu erhalten. Er schickte, neben seiner eigenen Autogrammkarte, einen handgeschriebenen Zettel zurück. »Nykänen spricht kein Englisch und kein Deutsch. Da kann ich leider nicht weiterhelfen. Andi«, stand darauf. Schade. Aber ich war so beeindruckt von dieser freundlichen Antwort, dass ich Andi fortan auch die Daumen für einen Medaillenplatz drückte.

Die noch immer spärlichen Live-Übertragungen versprachen immerhin einiges an Unterhaltung. Ich kannte inzwischen die meisten Geschichten über Protagonisten wie den Kanadier Steve Collins, der mit nicht einmal 16 Jahren schon eine Weltcup-Konkurrenz gewann – und danach meist hinterhersprang – und seinen Teamkollegen mit dem großartigen Fußballernamen Horst Bulau, die enorm starken Österreicher, den Felder-Andi und den Vettori-Ernschtl.

Besonders die Exoten hatten es mir angetan: Gerrit Konijnenberg, der Niederländer. Und der Brite Michael Edwards, von dem man sagte, dass er aus finanziellen Gründen vor ­einem Springen in einer psychiatrischen Klinik übernachtete und Angst hatte, dass ihm nachts jemand mit einem Beil gegenüberstünde. ­Offensichtlich hatte er damals noch nicht sein Vermarktungspotential als »Eddie the Eagle« entdeckt.

Eine der spektakulärsten Geschichten fand ich in einer Tageszeitung bei meiner Oma. Im Titel stand etwas über eine »Love Story von Problemfall Nykänen«, der vom Verband aus dem finnischen Team geworfen werden sollte. Die Sache mit dem Kiosk kam darin auch vor, dazu alkoholisierte Randale, und dass er irgendwo ohne Ski an der Schanze aufgetaucht und auf geliehenem Material noch in die Top Ten gesprungen sei. Es gab Ärger um Tiina, Nykänens Freundin, die der Verband nicht im Teambus haben wollte. Neben dem Artikel war ein Foto von Tiina, mit der Nykänen sodann im Taxi dem Bus hinterherfuhr. Ich verstand ihn vollkommen.
Einmal noch bekam der Sportler die Kurve. Im Winter 1987/1988 sprang er alles in Grund und Boden, im Weltcup, bei der Tournee, bei Olympia. Nach Calgary brachte die finnische Post eine Briefmarke von ihm heraus. Ich kaufte sie, obwohl mir das Briefmarkensammeln langsam zum Hals heraushing.

Bald darauf begannen Nykänen und ich unsere Gesangskarrieren. Er war zwar um einiges älter, doch uns verband die Neigung zu eingängigen punch lines. Während ich mich an musikalischen Kioskeinbrüchen wie »Scheiß auf Volk und Vaterland« versuchte, sang er etwas romantischer »Sydän villisti lyö« (Das Herz schlägt wild). Videoaufnahmen zeigen ihn mit formidablen Galgenvögeln auf finnischen Bühnen.

Sporadisch verfolgte ich seine Künstlerkarriere und was es sonst noch Neues gab von Matti Nykänen. Irgendwann erzählte ich einem befreundeten Filmemacher seine ­Geschichte, der mir sofort versicherte, für einen Dokumentarfilm zur Ver­fügung zu stehen. Ich musste an Andi Bauers Nachricht denken: Ob Matti inzwischen Englisch gelernt hatte? Kannten wir jemanden, der Finnisch sprechen konnte? Der Plan landete auf Halde.

Anfang Februar ist Matti Nykänen im Alter von 55 Jahren verstorben. Aber irgendwo habe ich noch die Briefmarke.