Tödliche Doris: »Reenactment (I)«

Toys, toys, toys

Es brummt, scheppert und summt: Die Berliner Künstlergruppe Die Tödliche Doris hat für ihr neues Album Geräusche von Sexspielzeugen eingefangen.

Auch wenn es im Kulturbetrieb üblicherweise Comeback genannt wird, spricht Wolfgang Müller in Bezug auf seine Band Die Tödliche Doris lieber von einem Reenactment. Das ist keine Künstlerschrulle (oder jedenfalls nicht nur), sondern wichtig: Weil es Die Tödliche Doris nie »wirklich« gegeben hat, kann sie auch nicht wiederkommen, sondern eben nur erneut unter diesem Namen spielen, so ungefähr jedenfalls. Bevor man sich aber in den Müller’schen Spitzfindigkeiten verheddert, vielleicht einmal vorweg die Faktenlage: Es gibt eine neue Platte der Tödlichen Doris, die genau so heißt wie eine alte Kassette der Band, nämlich »Das typische Ding« von 1981, nur, dass auf dem neuen Tonträger der Zusatz »Reenactment (I)« draufsteht. Darauf zu hören ist das Brummen von 31 verschiedenen Vibratoren.

Sich dem Thema Masturbation visuell, akustisch und textlich anzunähern, ist zusammengenommen so widerspruchsgeladen, wie es Sex selbst eben auch ist.

In den unzähligen Texten, die ihr Gründer, Kopf, Biograph und Mythenschöper Wolfgang Müller über Die Tödliche Doris geschrieben hat, sind zwei Aspekte besonders präsent: einmal Doris’ Körperlosigkeit als Kunstfigur, die nur irgendwo zwischen den wechselnden Mitgliedern der Gruppe existiert. Und dann das abgesteckte Themenfeld, von Musik über Filme zu Perfomances, wie Müller es in seinem Buch »Subkultur Westberlin 1979–1989« in einem langen Satz beschreibt: »Mit Die Tödliche Doris konnten Zeit, Klang, Räume, Erwartungen, Erinnerungen, Verdopplungen, Verschiebungen, Erweiterungen, Wandlungen, Hoffnungen, Stimmungen, Alltägliches und anderes künstlerisch thematisiert werden, ohne dabei allzu große Rücksicht auf die finanzielle Verwertbarkeit des Endprodukts zu nehmen.« Ein solches, auf dem normalen Musikmarkt tatsächlich vollkommen undenkbares Produkt ist nun auch die neue Platte. Auch der fehlende Körper rückt hier endgültig in den Mittelpunkt des Ganzen, weil die Doris, die es nicht gibt, nun auch noch Sex (mit sich selber) hat. Und das ist eine mindestens etwas sonderbare Sache.

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Ergonomie der Erregung. Der Smartvibe Tango mit Stimulationsspitze.

Bild:
Tabea Blumenschein
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Als Kunstwerk besteht »Das typische Ding« aus 31 mal drei Elementen: dem Sound je eines laufenden Vibrators, dazu je einer Zeichnung des Geräts von Tabea Blumenschein (die 1981 übrigens auch an der ersten Aufnahme von »Das typische Ding« beteiligt war) und Rezensionen der Sexspielzeuge, die Katrin Kämpf für das Lesbenmagazin L-Mag geschrieben hat.

So rumpelt dann etwa das Modell »Phoenix Magma Toy« aus dem Lautsprecher, das Tabea Blumenschein in präziser Linie gezeichnet und dann vierfarbig mit grober Buntstiftschraffur koloriert hat. Katrin Kämpf ­attestiert ihm auf der Rückseite der Zeichnung, »insgesamt ein umständ­liches Vergnügen« zu sein. Der 24 Zenti­meter messende ­Dildo ist nämlich dank flüssiger ­Füllung schlaff und wird erst durch Knicken heiß und hart. Unentschlossen bleibt Krämer bei der Frage, ob so viel Original­treue nun wirklich nötig sei. ­Immerhin, so ihr Urteil, »schnarcht der Phoenix nicht«. Diese Rezensionen sind lustig und mitunter auch tatsächlich interessant. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass man mit dem Staubsaugeraufsatz »Vortex« einen »Monsterorgasmus« bekommen kann, selbst wenn einem die »Erfahrung, mit einem derart verhassten Haushaltsgerät einen Or­gasmus zu teilen«, eigentlich zuwider ist?
Für sich genommen irritieren die einzelnen Teile dieser limitierten und nicht ganz günstigen Box: Für Katrin Kämpfs schöne Texte hätte es schließlich auch die entsprechende L-Mag-Ausgabe getan. Tabea Blumenscheins Zeichnungen wiederum zeigen zwar nachdrücklich eine naive Neugier an den Sexspielzeugen, wie man sie der einstigen Vorreiterin präqueerer Konzeptkunst gar nicht zugetraut hätte – aber es sind dann eben auch doch nur 31 rasch gezeichnete Vibratoren. Und die Platte selbst dokumentiert, dass Vibrator nicht gleich Vibrator ist und soundmäßig nach Insektenschwarm, Presslufthammer, geschüttelter Spraydose oder einem Topf kochender Eier klingen kann.

Der Gehalt liegt tatsächlich in der Spannung zwischen den drei Elementen. Die unterschiedlichen Arten und Weisen, sich dem Thema Masturbation anzunähern, nämlich visuell, akustisch und in Form von Texten, sind zusammengenommen so widerspruchsgeladen, wie es Sex selbst eben auch ist.

Vorsichtig weitergeführt wurde Die Tödliche Doris in den letzten drei Jahrzehnten immer mal wieder, obwohl sich die Gruppe 1980 bereits mit einem Haltbarkeitsdatum gegründet hatte und sieben Jahre später wie verabredet auflöste. Da war die Band längst berühmt und wurde international von Ausstellung zu Ausstellung herumgereicht, um schließlich auf der Documenta 8 in Kassel zu landen. Seit ihrer Auflösung bezogen sich dann immer mal wieder einzelne ­Ex-Gruppenmitglieder auf sie, vor allem Wolfgang Müller betreibt seit Jahren die Aufarbeitung der Bandgeschichten und ihrer gemeinsamen Produktionen. Seit Nikolaus Utermöhlen 1996 verstarb, ist Müller das letzte verbliebene Gründungsmitglied.

Auch die aktuelle Platte beruht auf einem Konzept von Wolfgang Müller. Im Studio von Musiker und Performance-Künstler Frieder Butzmann (ebenfalls eine Figur aus dem alten Westberliner Zusammenhang der »Genialen Dilletanten«) haben die Aufnahmen stattgefunden. Das ­Setting aus dem Studio ist zur Zeit in der Ausstellung »Hyper!« in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen ist: ein Holztisch, an den man sich setzen und die einzelnen Aufnahmen über Kopfhörer anhören kann. Die Überführung ins LP-Box-Format klappt erstaunlich problemlos. Es ist eine typische Kunstware mit allem Schnickschnack daraus geworden: die ersten 99 Exemplare sind auf weißes Vinyl gepresst, die finale Auflage ist auf 500 Exemplare limitiert, die Zeichnungen kommen in gestempelter und nummerierter Sammelmappe aus Buchbinderkarton und so weiter. Das fühlt sich alles so routiniert und hochwertig an, dass man selbst beim Hören zwischendurch vergisst, was für ein Quatsch das eigentlich ist.

Natürlich ist das alles ein Witz. Aber nebenbei ist es eben auch die Fortschreibung der Bandgeschichte. Wo auf der alten »Das typische Ding« noch der Abschied vom line­aren Erzählen herbeigeschrien wurde (»Stümmel mir/die Sprache/Alle werden glücklich/Wenn die Laute gestümmelt werden«, heißt es etwa auf dem letzten Track der Kassette), ist die Doris jetzt wieder entspannter, flapsiger und lustiger.

Formal erinnert dieses Projekt auch an »Die unsichtbare 5. LP« der Tödlichen Doris, die nur zu hören war, wenn man die zwei Vorgängeralben gleichzeitig auf zwei Plattenspielern laufen ließ. Aus der vermeintlich kommerzialisierten »Unser Debut« und der völlig verquarzten »Sechs« wurde erst in den Köpfen der Hörerschaft ein Gesamtwerk – tatsächlich eines der besten der Band. Das war rund ein Jahrzehnt, bevor die Flaming Lips mit ihrer viergleisigen »Zaireeka« und einem ähnlichen Konzept Furore machten – und dabei noch unendlich komplexer, weil die Spielerei ohne eine neue Platte auskam und damit die Plattenfirmen hinterging und zugleich als ein Statement zu dumpfer Kommerzmusik und selbstgenügsamen Avantgarde-Schrott verstanden werden darf. Wenn Die Tödliche Doris also einen Scherz macht, kann der durchaus ernst gemeint sein.

Die Tödliche Doris: Das typische Ding – Reenactment (I) (Major Label)