Homestory #27

Ihre kleine Lieblingszeitung macht in Großbritannien Schlagzeilen.

Breaking news, natürlich in Großbuchstaben, verkündete vorige Woche der Engländer Dominic Mohan, der Gründer der Medienberatungsfirma Dominic Mohan Media, auf Twitter. Deutsche Medien seien dazu übergegangen, das Wort »Clusterfuck« zu verwenden, um das »Chaos der (britischen, Anm. d. Red.) Konservativen zum Brexit« zu beschreiben. »Das dürfen sie nicht, das ist kulturelle Aneignung«, so die erste Reaktion unter dem Tweet.

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Der Redaktion dieser Zeitung ist allerdings kein Fall bekannt, in dem auch nur ein einziges deutschsprachiges Medium besagtes Wort in dem Zusammenhang verwendet hat – außer der Jungle World. Doerte Letzmanns Artikel in der Ausgabe 15/2019, auf den sich der Tweet bezog, trug die Überschrift »Der große Clusterfuck der Tories« – und erschien bereits am 11. April. Hätte sich Mohan die Mühe einer kurzen Google-Recherche gemacht, hätte ihm außerdem auffallen müssen, dass er nicht der Erste war, der die Nachricht an die Öffentlichkeit brachte. Das englischsprachige Nachrichtenportal Joe.co.uk kommentierte kurz nach dem Erscheinen von Letzmanns Artikel bereits begeistert, wie wenig Deutschkenntnisse man brauche, um sofort zu verstehen, was gemeint sei. Und zwei Wochen vor Mohans Tweet stand in der linken digitalen Zeitung The London Economic, dass besagter Artikel der Wochenzeitung (und nicht, wie es bei Joe.co.uk heißt, des Online-Portals) Jungle World auf Twitter die Runde mache.
Das Wort clusterfuck, das wir uns frecherweise angeeignet haben sollen, ist in Wirklichkeit längst Teil des universalen Wortkultur­erbes. Den Briten hat es ohnehin nie gehört. Es soll während des Vietnam-Kriegs entstanden sein, wohl aus zwei weiteren Neologismen aus einem vorangegangenen Krieg, den cluster bombs (zu Deutsch »Streubomben«) und SNAFU – einer Abkürzung für »situation normal, all fucked up«.

Sogenannte Streumunition wurde schon im Zweiten Weltkrieg eingesetzt. Währen des Vietnam-Kriegs wurden diese Waffen wegen der hohen Zahl ziviler Opfer insbesondere in Kombination mit dem Einsatz des Brandkampfstoffs Napalm kritisiert. Auch das ­sogenannte SNAFU-Prinzip kannte die US-amerikanische Soldatensprache bereits im Zweiten Weltkrieg. Demnach enthalten innerhalb von Hierarchien Vorgesetzte und Untergebene einander wichtige Informationen gezielt vor, wodurch früher oder später totales Chaos entsteht. Der Vietnam-Krieg erschien in den sechziger und frühen siebziger Jahren nicht nur vielen Kriegsgegnern, sondern vor allem auch vielen teilnehmenden US-Soldaten als ein einziges riesengroßes SNAFU, eben als Cluster-SNAFU. Ähnlich lässt sich heutzutage im Vereinigten Königreich das Verhältnis zwischen gewählten Repräsentanten, ihren Wählerinnen und Wählern und der Europäischen Union beschreiben. Nur ist dieses Verhältnis bekanntlich nicht hierarchisch, sondern kompliziert.

Apropos kompliziert: Anglizismen sind im Readaktionskollektiv stilistisch umstritten, erst recht ganze Überschriften in englischer Sprache. Wenn Sie also einen clusterfuck in einer Überschrift vorfinden, kann er dort nur aufgrund scharfsinniger Kalkulation stehen – oder weil jemand geschlafen hat. Herauszufinden, welches von beiden in diesem Falle vorlag, überlassen wir Ihrer Phantasie.