Cocolumne

Fleischlos

Wir sollen weniger Fleisch essen, um das Klima zu retten. Erzählen Sie das mal einer Spinne!
Kolumne Von

Nun sollen wir also weniger Fleisch essen. Oder zumindest mehr dafür bezahlen. Nicht wie früher wegen der Tiere, ­sondern jetzt, weil es besser fürs Klima ist, so heißt es. Je teurer etwas wird, desto klimafreundlicher. Ist doch ganz klar. Aber sagen Sie das mal einem Hund! Ob Kaninchenohren komplett mit Fell, Entenhälse, Hühnermägen, Schweineklauen – was es kostet, ist Coco völlig egal, sie liebt es.

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Falls Sie keinen Hund haben, sagen Sie es einer Spinne. Bis zu 800 Millionen Tonnen Fleisch, definiert als proteinhaltige tierische Biomasse, fressen die Spinnen dieser Welt jedes Jahr. Das wäre doppelt so viel, wie die gesamte Menschheit an Fleisch verdrückt. Dabei fressen Spinnen vor allem Insekten. Das ist zwar nicht gut für die Insekten, aber klimaneutral. Wenn Menschen Insekten, Fische, Wildschweine oder Hasen essen, ist das auch klimaneutral. Doch viele wissen gar nicht, dass es andere Tiere als Rind, Schwein und Brathähnchen gibt. Anders Coco: Rehbeine, Hirschhäute, Lammblutwürfel – lecker. Coco fällt nicht auf fake news herein.

Ist nicht die Infragestellung von als wissenschaftlich anerkannt geltenden Fakten ein Ausdruck autoritären Denkens und also im Grunde so etwas wie Faschismus? Dies ist jedenfalls in Sachen Klimawandel die dominierende Ansicht. Denn eigentlich, wenn man nicht gerade Faschist ist – oder ein Hund –, vertrauen ja alle der Wissenschaft. Doch das ist ein Irrglaube – geradezu bizarr in einer Welt, in der »alternative Fakten« regelmäßig eine Beilage in der Taz haben (Anthroposophie), von den Krankenkassen bezahlt werden (Homöopathie), in Zeitschriften und Fernsehsendern zu Hause sind (Astrologie), einen festen Platz im Lehrplan haben (Christentum), in Bioläden zum Verkauf stehen (Demeter), auf Lebensmitteln als gesund empfohlen (»gentechnikfrei«), von Hotels und Airlines angeboten werden (Ayurveda), Bestseller sind (Erich von Däniken), im eigenen Bücherregal stehen (Historischer Materialismus), in der Volkshochschule gelehrt werden (Feng Shui) und Wertekanon und Grundlage fast sämtlicher Gesellschaften bilden (alle Religionen).

All das basiert auf Theorien, die wissenschaftlich nicht zu beweisen sind oder die widerlegt werden oder die von einer großen Mehrheit der Wissenschaftler bestritten werden; und doch darf es durch unseren Alltag wabern, ohne groß Erregung zu erzeugen. Wissenschaftlicher Konsens? Wen kümmert’s, solange es nicht ums Klima geht. Aber nicht mit Coco! Sie ist der Meinung: Mehr Fleisch essen ist besser. Für sie. Ob sie einen oder zwei Lungenwürfel vom Hirsch frisst, ist dem Klima schnuppe. Oder tut es ihm sogar gut, weil Hirsche gerne Bäume anknabbern? Mehr Fleisch essen für den Klimaschutz? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Coco schmeckt’s.

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