Rassismus, Antisemitismus und der Anschlag von Halle

»Eine Überraschung war es nicht«

Der deutsche Antisemitismus wurde nach dem Zweiten Weltkrieg geleugnet und verdrängt - doch weg war er nie, sagt die Philosophin Hannah Peaceman. Ein Gespräch über die Fragilität des jüdischen Lebens in Deutschland.
Interview Von

Wie war Ihre erste Reaktion auf den Anschlag von Halle?
Ich kam nachmittags aus der Synagoge in Frankfurt am Main und erfuhr nach und nach von dem Anschlag. Ich war mit einigen Leuten unterwegs und bald war klar, dass in der Synagoge von Halle Freundinnen aus Berlin gewesen waren, die dort Yom Kippur feiern wollten. Bis wir von ihnen gehört haben, war es früher Abend, es vergingen mehrere Stunden. Das war ziemlich aufwühlend, auch wegen der Nachrichten von den Todesopfern. Es war durchaus ein Schock, aber eine Überraschung war es für uns nicht. Und wenn ich sage »für uns nicht«, dann auch für alle, mit denen ich in meinem Umfeld gesprochen habe.

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Warum war es keine Überraschung?
Jüdisches Leben ist in Deutschland immer fragil. Ich weiß das, seit ich denken kann. Mein Vater wäre nie mit Kippa vom Auto zur Synagoge gegangen oder zu einer jüdischen Einrichtung. Er hat sie immer erst drinnen aufgesetzt. Das war schon vor 25 Jahren und nicht erst seit letzter Woche oder seit zehn Jahren so. Da war immer das Gefühl, dass man verletzlich ist. Das hat man auch, wenn man in die großen Synagogen geht, die eigentlich alle ­bewacht sind. Es stand in Frankfurt auch an Yom Kippur ein Polizist mit einer scharfen Waffe in der Nähe des Eingangs. Diese sehr merkwürdige Normalität ist eben auch Teil jüdischen Lebens in Deutschland.

Wie empfanden Sie die gesellschaftlichen Reaktionen auf den Angriff?
Sehr unterschiedlich. Bundespräsident Steinmeier hat gesagt, eine solche Tat sei in Deutschland nicht vorstellbar. Das ist eine Farce, das ist ein Schlag ins Gesicht aller Opfer und Betroffenen, insbesondere auch derjenigen aller neonazistischen Morde und des Terrors des NSU. Das muss man so deutlich sagen. Auch die Rede von einem Einzeltäter, die ja ungefähr nach zwei Stunden bereits die Runde machte, war unsäglich. Dass der Attentäter allein ­geschossen hat, mag sein. Aber allein war er nicht, es gibt ein internationales neonazistisches Umfeld und seine neonazistische Ideologie entspringt ­einem gesellschaftlichen Diskurs.

Zeigt sich bei solchen Ereignissen nicht nur, wo der Feind steht, sondern auch, wer die Freunde sind?
Ich habe viel Solidarität erlebt und das war auch im Laufe des Abends das, was mir am allerwichtigsten war. Damit meine ich nicht, dass Angela Merkel vor die Synagoge in der Oranienburger Straße getreten ist, sondern die spontanen Solidaritätskundgebungen, ­beispielsweise in Jena, Erfurt und in vielen anderen Städten. Das war sehr wichtig und ich habe auch im persönlichen Umfeld jede Menge Nachrichten von Leuten erhalten, die einfach wissen wollten, ob alles in Ordnung ist.