Klassenkampf

Essens­träume

Kolumne Von

Als ich erschrocken aufwachte, weil meine Sitznachbarin auf der Personalversammlung ihre Kaffeetasse umwarf, ging es gerade ums Schulessen. Besser wäre es gewesen, wenn die Dame ihre Tasse ein wenig früher umgeschmissen hätte, dann könnte ich hier mit größerer Sicherheit behaupten, dass das Podium zu diesem Zeitpunkt das kostenfreie Schulessen bis zur zehnten Klasse in Aussicht gestellt habe. Bedingt durch ihr schlechtes Timing bin ich mir nicht ganz sicher, ob das nicht nur ein schöner Traum war. Eingeschlafen war ich während einer längeren Diskussion über die Situation an den Grundschulen, die bis zur sechsten Klasse kostenlos Mittagessen für alle Kinder bereitzustellen haben, allerdings weder räumlich noch personell über ausreichende Kapazitäten verfügen, um dieser Aufgabe nachzukommen, was sie sehr verstimmt.

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Ich will gar nicht sagen, dass die Debatte uninteressant ist, es ist nur so, dass ich nicht an einer Grundschule arbeite, spät ins Bett gehe, viel Bier trinke und sehr oft sehr müde bin. Aber das Thema ist mir nicht fremd: An der Ganztagsschule, an der ich arbeite, gibt es inzwischen eine Mensa, in der 40 bis 50 Kinder auf einmal sitzen können und wo in der Mittagspause eine Stunde lang warmes Essen ausgeteilt wird. Unsere Mittelstufe wird von über 300 Kindern besucht. Über die Oberstufenschüler spricht in der Hinsicht keiner, aber die sind ja auch schon groß und sollen sowieso nicht so viel essen, ein voller Bauch lernt schließlich nicht gern. Da die ebenso freundliche wie motivierte Frau, die den Mensabetrieb übernommen hat, sich Mühe gibt, die Vorgaben des Senats einzuhalten, und deswegen manchmal Gemüse verarbeitet, lehnen viele Kinder ihr Essen glücklicherweise ab und kaufen sich lieber eine Schrippe, die sie dann mit dem in der Mensa kostenfrei angebotenen Ketchup füllen. Seit die Schulleitung verfügt hat, dass der Erwerb einer mit Ketchup gefüllten Schrippe nicht zum Sitzen in der Mensa berechtigt, reichen die Sitzplätze meistens und die Aufsichtpersonen weinen schon viel weniger.

Glücklich sind sie allerdings immer noch nicht, weil Kinder, deren Eltern Transferleistungen beziehen, das Essen zurzeit umsonst bekommen, während alle anderen vier Euro pro Mahlzeit bezahlen müssen und es offenbar wenig Spaß macht, zu kontrollieren, wer zu welcher Gruppe gehört, zugleich die sehr präsente Ketchupschrippenfraktion am Sitzen zu hindern und nebenbei durchzusetzen, dass das Gemüse nur in Richtung Mülleimer und nicht auf Mitschüler geworfen wird. Schon im Interesse der Lehrergesundheit wäre ich also ganz froh, wenn künftig einfach alle ein kostenfreies Mittagessen erhielten. Das andere Problem lässt sich ja vielleicht über Spenden lösen: Hat jemand ein paar Stühle übrig? Regenschirme? Heizpilze?