Die globale Erwärmung führt in Peru zur Gletscherschmelze

Kostbare Gletscher

Reportage Von

Vom Flachdach des Apartmenthauses im Zentrum von Huaraz ist der Blick über die von Bergen eingefasste Stadt spektakulär. »Dort drüben kann man die eisbedeckten Gipfel der Cordillera Blanca sehen«, sagt José Valdivia Roca. »Auf der anderen Seite sieht man einige der Gipfel der Cordillera Negra, die kein Eis mehr bedeckt. Das ist das, was uns droht«, so der peruanische Agraringenieur. Er wohnt ein Stockwerk unter dem Flachdach und hat das malerische Ambiente des Huascarán, des mit 6 757 Metern höchsten Gipfels Perus, und der weißen Bergkette daneben täglich vor Augen, zumindest bei klarer Sicht.

Von diesem Panorama lebt sein Freund Saúl Luciano Lliuya, der neben ihm auf dem Dach steht. Zwischen Mai und August führt der drahtige Mann Wanderwütige in die Bergwelt des Nationalparks Huascarán sowie zu den dazwischen liegenden Lagunen. Bei den Kollegen ist die Laguna 69 populär, Lliuya zieht es eher zur Laguna Llaca oder zur Palcacocha. Letztere liegt in Reichweite von Huaraz und ist die größte der zahlreichen Lagunen, die vom Schmelz­wasser der Gletscher gespeist werden. An ihren Fortbestand denkt Lliuya, wenn er mit seinem Freund Valdivia Roca über Umweltschutzvorhaben in und um Huaraz diskutiert. Das machen die beiden häufiger, denn Valdivia Roca leitet die kleine Umweltschutz-NGO Wayintsik, was auf Quechua »unser Haus« bedeutet. Sie diskutieren etwa über die Gletscherschmelze und die Kontaminierung des Trinkwassers durch Oxidationsprozesse. »Wir tragen zwar kaum etwas zu den weltweiten CO2-Emissionen bei, aber Huaraz ist die Region Perus, die am meisten an den Folgen der Erderwärmung zu leiden hat«, sagt Valdivia Roca.

Dazu gehört die Kontaminierung von Gletscher- und Regenwasser, das über die einst in Eis verpackten nackten Felsen läuft und dabei sauer wird. Metalle lösen sich im Wasser und sorgen ­dafür, dass Flüsse, aus denen früher bedenkenlos das Wasser für die Versorgung von Huaraz entnommen wurde, mittlerweile nicht mehr zur Verfügung stehen. »Das ist ein Risiko, das uns nach dem Río Auqui auch beim Río Paria drohen könnte. Zudem nimmt dessen Wassermenge ab, auch das ist ein alarmierendes Signal«, so der Agraringenieur.

Weniger Wasser unten, mehr Wasser oben
Von sinkender Wasserqualität be­ziehungsweise Wassermangel sind einzelne Dörfer schon betroffen, darun­ter das Dorf Centro Poblado de Llupa, in dem auch Lliuya lebt. Außerhalb der Wandersaison bestellt er dort sein Feld mit Mais, Kartoffeln, Bohnen und weiteren Früchten. »Die Niederschläge nehmen ab. Heute kam kein Tropfen aus dem Hahn, als meine Frau waschen wollte«, sagt der 39jährige mit sorgenvoller Miene. Für die Kleinbauern der Region sind das ernste Probleme. Doch kaum jemand in Huaraz denkt über die Zusammenhänge und über Zukunftsstrategien für die Stadt mit ihren 140 000 Einwohnern nach. Die Gletscherschmelze birgt Gefahren und stellt die Hauptstadt Huaraz und die gesamte Region Ancash vor immense Herausforderungen.

In den Bergen auf 4 000 bis 5 000 Metern über dem Meeresspiegel hat die Zahl der Lagunen, in denen sich das Schmelzwasser aus den Gletschern sammelt, in den vergangenen 30 Jahren stark zugenommen. »Mittlerweile zählen wir über 3 000 Lagunen, 22 davon stellen ein Risiko für die lokale Bevölkerung dar, drei davon für Huaraz«, sagt Daniel Reeves. Das Wasser könnte nämlich in Flutwellen ins Tal stürzen. Der Ingenieur, der die Installation eines Frühwarnsystems in der Lagune Palcacocha überwacht, wohnt in der Nachbarschaft von Valdivia Roca und ist heute bei ihm zu Besuch. »Das Frühwarnsystem soll im Mai fertig sein. Beim Damm, der ebenfalls seit Jahren geplant ist, könnte es noch länger dauern«, sagt er am Küchentisch.

Die Regionalregierung müsste das Geld bewilligen, doch mehrere Korruptionsfälle haben dafür gesorgt, dass die Gremien nicht entscheidungsfähig sind. Obendrein ist die Stelle der oder des Umweltverantwortlichen der Region seit Monaten nicht besetzt. »Da hängt nur ein Schild ›geschlossen‹ an der Tür«, sagt Reeves genervt.

Auch landesweit ist die Politik derzeit kaum entscheidungsfähig. Missmanagement und Korruption haben dazu geführt, dass der peruanische Präsident Martín Vizcarra das Parlament am 30. September auflöste; Anlass war ein Streit über die Besetzung von Richterposten. Für den 26. Januar sind Neuwahlen angesetzt.

Die Regierungskrise sorgt in Ancash dafür, dass nötige Investitionen nicht getätigt werden, an denen sich auch die Landesregierung beteiligen sollte, etwa für den Bau von Klär- und Wasseraufbereitungsanlagen. »Wir brauchen für die mittelfristige Wasserversorgung von Huaraz mehr Stau­becken, mehr Wasserreservoirs in der Nähe der Gletscher, müssen einen Wasserkreislauf aufbauen. Doch all das kommt nicht vom Fleck«, kritisiert Reeves.

Dabei hatten Lliuya und Valdivia Roca gehofft, genau diese Entwicklung mit der Klage gegen den Stromkonzern RWE anzustoßen. »Im Sommer 2014 haben wir uns zum ersten Mal getroffen und diskutiert, was wir tun können, um auf die Gletscherschmelze und das Risiko einer Flutwelle durch den Bruch des Dammes der Lagune Palcacocha aufmerksam zu machen. Im Dezember sind wir schließlich nach Lima gefahren«, erinnert sich Valdivia Roca und reibt sich den rötlich-blonden Bart.

In Lima fand 2014 die UN-Klimakonferenz (COP 20) statt. Valdivia Roca hatte zuvor Kontakt zur deutschen Umweltorganisation Germanwatch geknüpft. Ihre Mitglieder hörten sich die Befürchtungen der beiden Peruaner an und bald nahm die Idee, eine Klage gegen einen großen CO2-Emittenten anzustrengen, Konturen an. Ein knappes Jahr später, Ende November 2015, hatte die Hamburger Juristin für Klimaschutzrecht, Roda Verheyen, die Klageschrift fertiggestellt (Jungle World 49/2015). Darin bezieht sie sich auf den Paragraphen 1 004 aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch, der besagt, dass ein Anspruch auf Reparatur oder Unterlassung besteht, wenn persönliches Eigentum durch einen Dritten gefährdet wird, in diesem Fall durch RWE. Ein Haus der Familie Lliuya liegt in Huaraz in der roten Risikozone und könnte weggespült werden, sollte der Damm der Lagune Palcacocha brechen. Den Klägern zufolge soll sich der Konzern an den Kosten für den Bau eines neuen Dammes um die Lagune Palcacocha beteiligen, in Höhe des Anteils von RWE an den weltweiten CO2-Emissionen.

Angst vor der Schlammlawine
Flutwellen gab es in der Gegend schon häufiger. 1941 starben etwa 5 000 Menschen, als sich eine Schlammlawine über Huaraz ergoss. Das haben die Älteren wie Saúls Vater, Julio Luciano Lliu­ya, nicht vergessen. Der ehemalige Bergführer hat seinen Sohn für die Bergwelt und den Naturschutz sensibilisiert, 2002 trat Saúl in seine Fußstapfen. Seine Ausbildung als Bergführer absolvierte Saúl an der Lagune Llaca.

Diese Lagune und die Gipfel des Oxapalca und Ranrapalca sind am Tag nach dem Besuch bei Valdivia Roca Ziel einer Trekkingtour. Noch im Dunkeln geht es morgens unten in Huaraz los, eine halbe Stunde später, der Himmel reißt gerade auf, passiert die Gruppe die Bergstation an der Lagune, wo sich die ersten gleißenden Sonnenstrahlen wenig später über den eisbedeckten Gipfel des Ranrapalca schieben. Sie tauchen die Felsspalten in helles Licht und wandern zum benach­barten Gipfel des Oxapalca. »Wir ­haben Glück, die Sonne bricht die Nebeldecke auf. Gleich haben wir einen wunderbaren Blick über die Lagune Llaca«, kündigt Bergführer Lliuya an. Wenig später spiegeln sich die von Gletschern bedeckten Gipfel auf der Wasseroberfläche der Lagune. Plötzlich durchbricht ein leises Grollen die Stille, ein Knall folgt und unterhalb des Gipfels wirbelt Schnee auf. »Der Berg spricht zu uns«, sagt Lliuya mit einem Lächeln und setzt sich auf einen Stein neben dem Damm. Die aus Beton und dicken Steinen gebaute Mauer fasst die Lagune ein, ein gemauerter Kanal sorgt dafür, dass das Schmelzwasser nach unten ins Tal abfließen kann. »Jeder Knall oben am Berg steht für Risse im Eis, ist ein Beleg für die Gletscherschmelze, die sich im Rückgang der Gletscherzunge niederschlägt. Das kann man sehen«, sagt Lliuya.

Jedes Jahr im Frühjahr absolviere er mit den anderen Bergführern einen Auffrischungskurs. »Der Rückgang der Gletscherzunge von Ranrapalca und Oxapalca ist dann immer ein Thema, aber auch das Verschwinden der Frösche, die vor ein paar Jahren hier abends noch laute Konzerte veranstalteten.«

Die Bergführer sind es vor allem, die den Rückgang der Gletscher in der Cordillera Blanca registrieren und darauf aufmerksam machen. »Die Leute aus Huaraz verirren sich hier nicht hoch«, sagt Lliuya und nippt am heißen Tee, den er mitgebracht hat. Für ihn bedroht die Gletscherschmelze das gesamte Tal um Huaraz, den Callejón de Huaylas. »Derzeit ist das größte Risiko ein Dammbruch und eine Schlammlawine wie 1941«, warnt der Bergführer mit ruhiger Stimme. »Dagegen müssen wir uns wappnen, aber auch lernen, besser mit dem Wasser umzugehen«, sagt er.

Verursacher zur Verantwortung ziehen
Valdivia Roca kennt sich in dem Bereich aus und berät Kleinbauern, wie sie ­effizienter produzieren und schonender mit Ressourcen wie Wasser und Ackerfläche umgehen können. Auch in Centro Poblado de Llupa, dem Dorf der Familie Lliuya, hat er sich schon mit den Dorfsprechern zusammengesetzt. »Was José rät, hat Hand und Fuß – von der Umstellung der Anbaupflanzen, dem Schutz der Quellen weiter oben durch die Begrenzung der Viehhaltung bis zum Anlegen von Klärbeeten und Waldstreifen. Nur gibt es dafür selten Gelder der Regionalregierung«, sagt Lliuya, »die sind einfach noch nicht aufgewacht.« Dabei lebt Huaraz von der Natur. Tourismus und Landwirtschaft sind neben etwas Bergbau die wichtigsten Einnahmequellen, der Schutz des Nationalparks Huarascán müsste bei der Regionalregierung Priorität haben.

Der bisher letzte Umweltverantwortliche, ein Gletscherexperte, trat vor drei Monaten zurück, seither ist der Posten unbesetzt. Auch die Resonanz auf die Klage Lliuyas war in der Region verhalten. »Klar, einige Medien haben darüber berichtet, aber im Ausland war die Resonanz deutlich höher als in Peru«, sagt Lliuya. Peinlich sei es gewesen, als ein Fernsehteam aus den USA mit ihm die Laguna Palcacocha besucht habe und die Regionalpolitiker auf die eine oder andere Frage nicht hätten antworten können. »Sie hatten schlicht keine Ahnung, sind aber verantwortlich für unsere Zukunft«, ärgert sich Lliuya.

Er hofft, dass sich das bei der nächsten Visite von Presseteams ändert. Die könnte im nächsten Jahr anstehen, sollten die Gutachter des Oberlandes­gerichts Hamm wirklich kommen, um die Beweisaufnahme an Ort und Stelle vorzunehmen. Das würde den Bergführer freuen, denn dann wären die Klage und damit das Thema der Gletscherschmelze auch in Huaraz mal wieder in aller Munde. »Ohne mehr Aufmerksamkeit, mehr Sensibilität für die Umwelt kommen wir hier nicht weiter«, ist sich Lliuya sicher. Der Prozess in Deutschland ist für den Vater einer neunjährigen Tochter nur Mittel zum Zweck. »Wichtiger als das Geld, das wir eventuell von RWE erhalten, ist es mir, darauf aufmerksam zu machen, was hier passiert. Diese vereiste Berglandschaft wird es in ein paar Jahrzehnten nicht mehr geben, wenn die
CO2-Emissionen nicht schnell ­zurückgehen«, wirbt er für den Erhalt der Cordillera Blanca.

Er will nicht akzeptieren, dass die Menschen in Huaraz ihre Lebensperspektive verlieren, weil am anderen Ende der Welt Kohlendioxid in Massen emittiert wird. Dafür kann er sich auch vorstellen, eine weitere Klage anzustrengen, falls das etwas bringen sollte. Doch das ist Zukunftsmusik. Erst einmal hofft er, dass 2020 der Prozess gegen RWE mit einem Urteil zu seinen Gunsten endet. Seinen 78jährigen Vater würde es freuen, denn der habe ihn von Beginn an ermutigt und auch zur Klimakonferenz in Paris 2015 begleitet. »Eine schöne Erinnerung.Aber jetzt sollten wir zurück«, sagt er, packt die Teekanne ein, streckt sich und steigt den Damm hinauf, der die Laguna Llaca im Zaum hält – noch..

Die Recherche für diesen Beitrag wurde von Brot für die Welt unterstützt.

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