Kwame Anthony Appiah nennt Identitäten bloße Fiktionen von Zugehörigkeit

Wer wir sein könnten

Der Philosoph Kwame Anthony Appiah fügt dem Genre der autobiographisch geprägten Gegenwartsanalyse eine Abhandlung über Identitäten hinzu. Er sagt auf lesenswerte und sympathische Weise nichts Neues.

Das florierende und von immer ­feineren Verästelungen geprägte Geschäft mit Gruppenidentitäten gehört zu den erstaunlichsten Phänomenen einer Zeit, in der kulturelle Grenzen immer mehr verwischen, Geschlechterrollen bröckeln und thüringische Dachdeckermeister mehr Geld verdienen als in der Großstadt lebende Ethnologinnen mit Doktortitel und Twitter-Account. Ein Individuum zu sein, bleibt für viele eine Zumutung.

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Die verheißungsvolle Nestwärme von Volk, Community, Stamm, Gender und Glaube liefert das Gegenangebot und zugleich das vermeintliche Korrektiv zu einem kalten Jargon, der Selbstverwirklichung fördert und mit autoritärer Sanftheit fordert. Bürgerrechtler, Parteien, politische Bewegungen, Me­dien und Unternehmen stehen vor einem Widerspruch: Einerseits muss das Individuum unabhängig von Religion, Hautfarbe, Herkunft und Genitalien gewürdigt und beurteilt werden. Die Differenzen sollen hinter der Gleichheit vor dem Gesetz verschwinden, so gebieten es Grundrechte und hanseatischer Anstand. Andererseits ist das Diversity-Paradigma wirkmächtig: Gerade weil ethnische Minderheiten, Frauen und Nicht­heterosexuelle historisch von dieser Gleichbehandlung ausgeschlossen wurden, sollen sie in ihrem Anderssein anerkannt und soll ihnen durch Instrumente wie Quoten zur Gleichstellung verholfen werden.

Die Quellen dieser positiv besetzten Identitäten liegen jedoch im Mythos und in der Konstruktion, wie der an der New York University lehrende Philosoph Kwame Anthony Appiah in seinem kulturgeschichtlichen Parforce-Ritt »Identitäten. Die Fiktionen der Zugehörigkeit« darlegt. Religion, Land, Hautfarbe, Klasse und Kultur bleiben Appiah zufolge die zugkräftigen Markierungen von Kollektivzugehörigkeiten. Und doch haben sie keine Grundlage.

Die Ausführungen über die theoretischen Fallstricke und Uneindeutigkeiten dieser Kategorien verbindet Appiah mit autobiographischen Einschüben, die spätestens seit Didier Eribons Essay »Rückkehr nach Reims« ein beliebtes Stilmittel in der geistes- und sozialwissenschaftlichen Literatur geworden sind. So erfährt man, dass die »Mischehe« seiner Eltern in den fünfziger Jahren für viele ein Problem gewesen sei, weniger jedoch, weil sein Vater ein schwarzer Ghanaer und seine Mutter eine weiße Engländerin war: Vielmehr habe die Vermählung eines Methodisten mit einer Anglikanerin in den Familien für Verstimmung gesorgt. Taxifahrer seien oft überrascht, dass Appiah als Dunkelhäutiger mit dem Akzent des englischen Bildungsbürgertums spreche.

Die Anekdoten dienen jedoch nie der bloßen Nabelschau, sondern illustrieren Appiahs Kernanliegen: das Kosmopolitentum gegen jeglichen Essentialismus in Stellung zu bringen. »In aller Regel gibt es kein inneres Wesen, das zu erklären vermöchte, warum Menschen mit einer bestimmten sozialen Identität so sind, wie sie sind.« Dass jede Identität auf Lügen und Lebenslügen basiert, mag für viele keine neue Erkenntnis sein. Doch die Beispiele, die Appiah wählt, um diese Basisbanalität zu erklären, sind lesenswert, weil sie auf vergessene Personen und historische Konstellationen hinweisen, die weder früher noch heutzutage in eine Identitätskategorie hineinpassen.

Wer erinnert sich etwa noch an den frühaufklärerischen Philosophen Anton Wilhelm Amo? Als Kind aus Westafrika zunächst nach Amsterdam verschleppt, diente er am Hof von Braunschweig-Wolfenbüttel dem Herzog August Wilhelm als »Kammermohr«. Amo avancierte zum ersten bekannten Afrikaner, der an einer europäischen Universität studierte. 1729 verfasste er an der Universität Halle seine (inzwischen verschollene) Disputation »Über die Rechtsstellung des Mohren in Europa«, später promovierte er im benachbarten Wittenberg über das Leib-Seele-Problem.

Die emanzipatorischen Wissenschaftsparadigmen, die Amos Denken als Philosoph und Jurist strukturierten, wurden von den ersten Rassetheoretikern in dieser Periode benutzt, um die Unter­legenheit von Afrikanern und Nichteuropäern zu begründen und die Sklaverei zu rechtfertigen. Während postkoloniale Autoren die Ära der Aufklärung heutzutage wegen ihrer historisch bedingten rassistischen Strömungen grundsätzlich in Frage stellen und zugleich einen auf Hautfarbe basierenden Identitätsdiskurs affirmieren, erkennt Appiah selbst in der frühen Phase der Aufklärung das Potential, jegliche Rassentypo­logien hinter sich zu lassen. Er zeigt eine tiefe Sympathie für jene, die sich »einer aufgezwungenen Wahl zwischen Globalismus und Patriotismus« entziehen und Kultur als Projekt begreifen statt als statische Größe, mit der man sich voll identifizieren müsse: »Die Einheiten, die wir schaffen, schneiden besser ab, wenn wir der verschlungenen Realität unserer Unterschiede ins Auge sehen.«

Die Absage an den identitätspoli­tischen Essentialismus, die das Buch durchzieht, endet an einigen Stellen jedoch in einem Rückfall in relativistische Denkmuster. Nirgends wird dies deutlicher als bei Appiahs Überlegungen zur Religion. Diese sei viel mehr als nur der Glaube und die Schriftgläubigkeit; die Orthopraxie, also das richtige Handeln im Alltag, habe für die religiöse Identitätsbildung in Kollektiven eine höhere Bedeutung. So erkläre sich auch die an die Zeitepoche gekoppelte Praxis der Religion: Die Urformen des Judentums oder Christentums seien für die heutigen Anhänger dieser Gemeinschaften kaum wiederzuerkennen.

Das Neue Testament etwa hätte mit dem von den Kirchenvätern verworfenen Thomas-Evangelium anders aussehen und die christliche Theologie eine gnostischere Entwicklung nehmen können.
Appiah macht sich dabei einen rhetorischen Kniff zunutze: Jene, die bestimmte Glaubensrichtungen ­anhand ihrer Gründungstexte kritisierten und ablehnten, stünden in ihrem Schriftdeterminismus auf derselben Stufe wie Fundamentalisten und letztlich Essentialisten.

Der Philosoph macht einige gedankliche Verrenkungen, um auf diese Weise den Islam gegen seine schärfsten Kritiker zu verteidigen und ihm zur Ehrenrettung zu verhelfen. Dass sich gleiche staatsbürgerliche Rechte für Männer und Frauen nicht mit der Sharia, sondern nur in Abgrenzung zu ihr entfalten können (wie es etwa die säkularen Erb- und Familienrechtsreformen in Tunesien jüngst gezeigt haben), ignoriert Appiah. Vielmehr insinuiert er auf beinahe zynische Art, die misogynen Passagen des Koran und der Hadithen seien nicht überzubewerten.

Habe nicht etwa die Islamische Republik Pakistan mit ihrer ehemaligen Premierministerin Benazir Bhutto bewiesen, dass es selbst dort Frauen bis nach ganz oben schafften? Und zeige nicht Aisha, die anfangs neunjährige Lieblingsgattin unter den 13 Ehefrauen des Propheten Mohammed, eine potentiell starke Stellung der Frau im Islam, weil sie nach dem Tod des Gesandten Allahs zur Feldherrin über ein muslimisches Heer aufstieg?

Der Autor lässt all das offen, denn als Außenstehender stehe ihm in solchen Fragen kein Urteil zu. Die im internationalen Vergleich misera­ble Menschen- und Frauenrechtslage in diversen Ländern, in denen die Sharia in die Jurisprudenz eingebunden ist, gerät zur Randnotiz, weil im Alten Testament auch schlimme Sachen über die Behandlung der Weiber stünden. Appiahs in weiten Teilen anregendes Plädoyer für das Uneindeutige, für die Absage an Konzepte wie »kulturelle Aneignung« und für das Kosmopolitentum offenbart seine Risse, wenn er den Universalismus selbst unfreiwillig für fluide erklärt und die Kritik der Religion entwaffnet.

Kwame Anthony Appiah: Identitäten.
Die Fiktionen der Zugehörigkeit. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Hanser-Verlag, Berlin 2019, 336 Seiten, 24 Euro