Silones Warnung
Ignazio Silone, bürgerlich Secondino Tranquilli, wird häufig von Rechtspopulisten zitiert, um den üblen Charakter des Antifaschismus zu entlarven. »Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ›Ich bin der Faschismus.‹ Nein, er wird sagen: ›Ich bin der Antifaschismus.‹« Der linke Intellektuelle Silone wird so zum Kronzeugen für die These, dass hinter dem Antifaschismus nichts anderes stecke als der Faschismus selbst und die Vorsilbe »Anti« nur der Verkleidung diene.
Nahtlos fügt sich das Zitat in eine politische Denkweise, die den Nationalsozialismus verharmlost und im Kampf gegen den Rechtsextremismus die größte Gefahr sieht. Aber ist das Zitat authentisch? Und wenn ja, welchen sich als Antifaschismus ausgebenden Faschismus könnte Silone gemeint haben? So ist zunächst einmal die Frage nach der Quelle des Zitats zu klären. Diese ist nicht Silone selbst, sondern der Schweizer Essayist, Literaturkritiker und Journalist François Bondy, mit dem Silone eine langjährige Freundschaft verband.
Der Kampf insbesondere gegen den italienischen Faschismus prägte Ignazio Silones Biographie.
In dem 1988 veröffentlichten Bändchen »Pfade der Neugier: Porträts« schreibt Bondy über eine Begegnung mit Silone: »Ich traf Silone in Genf am Tag, an dem er aus dem Exil nach Italien zurückkehrte, und plötzlich sagte er: ›Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Nein, er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus.‹ Viele Jahre später, als Antifaschismus in der Tat instrumentalisiert wurde und zu einem Slogan herunterkam, verstand ich, dass dieses kaustische Aperçu prophetisch war.«
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