Wer Kleidung mietet, tut der Welt ­keinen Gefallen

Wider die Nutzlosigkeit

Wozu braucht man 20 T-Shirts und acht Jeans, wenn man die Welt doch mit geliehenen Klamotten so viel besser machen kann?

Es hätte günstigere Zeitpunkte für die Propagierung von Mietmode gegeben als dieses Frühjahr oder, wenn man es recht bedenkt, vermutlich dieses Jahr insgesamt. Die Geschäfte sind geschlossen, keine Chance also auf massenhaftes schlechtes Gewissen bei Konsumenten und Konsumentinnen, die gerade vorgestern bei Dingens dieses wundervolle Kleid oder diese superschicke Jacke gesehen und ohne zu zögern zugeschlagen haben. Eins, zwei, meins halt, plus folgendem Unbehagen, weil das schöne Stück doch eigentlich ziemlich teuer war und man es eigentlich gar nicht braucht und die Bedingungen, unter denen es produziert wurde, ja wohl vermutlich, um es zurückhaltend auszudrücken, nicht optimal waren.

Nutzlosigkeit ist ein großes Übel, sowohl menschliche als auch klamottige, so wirkt es jedenfalls.

Vielleicht hätte die Idee, dass Menschen künftig nur noch ein paar Basiskleidungsstücke besitzen sollten, unter anderen Umständen tatsächlich für große Begeisterung gesorgt. Carsharing klappt ja schließlich auch, obwohl sich noch vor einem Jahrzehnt niemand hätte vorstellen können, kein eigenes, ständig verfügbares Auto vor der Tür oder wenigstens um die Ecke stehen zu haben. Gut, Carsharing klappt auch nicht immer, an verregne­ten Tagen kommen halt mehr Leute auf die Idee, lieber überdacht und ohne Fußweg zur U-Bahn und von A nach B zu gelangen. Pech gehabt. Und dass man mal bei rund zehn Grad minus auf dem Parkplatz eines Discounters steht, mit ausgesprochen vielen und sehr gut gefüllten Einkaufstüten, und der Anbieter beziehungsweise seine Technik einen Fehler gemacht und das eigentlich für den halben Nachmittag reservierte Auto weitervermietet hat, das kommt sicher auch nur ganz selten vor. Wie auch die Antwort eines Service­mitarbeiters, dass man halt zu Fuß gehen solle. Oder der Umstand, dass nach einer viertelstündigen ergebnislosen Diskussion mit eben diesem Servicemit­arbeiter plötzlich ein neues Mietmobil auftaucht, bloß weil man das Handy der männlichen Begleitung übergeben hat und die sehr viel lauter nach sofor­tiger Problemlösung verlangen konnte als man selbst. Nein, wirklich, alles ­super, echt, nur halt manchmal nicht.

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Und ja, klar, wir haben alle zu viele Klamotten, und sie liegen die meiste Zeit genauso herum, wie eigene Autos herumstehen, nämlich nutzlos, und das ist schlecht. Denn Nutzlosigkeit ist ein großes Übel, sowohl menschliche als auch klamottige, so wirkt es jedenfalls.

Deswegen wäre es eine Superidee, wenn wir alle nur noch zwei, drei T-Shirts und eine Jeans hätten. Okay, und Unterwäsche plus Strümpfe. Und den Rest mieten. Das sagen diejenigen, die entsprechende Start-ups gegründet haben – natürlich nicht mit dem Ziel, reich zu werden, nein, sondern um die Erde zu retten und die überall grassierende Nutzlosigkeit zu beenden.

Zu deren Ursachen auch ganz un­bedingt gehört, dass man einfach das anzieht, was man gerade möchte. Nix da, das gehört künftig alles geplant und beim Mietmodeunternehmen beantragt: Samstag, 19 Uhr, Lieferung ­eines schwarzen Cocktailkleids, Größe sowieso, bitte, danke. Blöd halt, dass es an Wochenenden eine hohe Nachfrage nach schwarzen Cocktailkleidern ­geben dürfte, aber je nun, dann kauft der ­Fashionvermieter halt ein paar mehr ein, sicher ist sicher, die, hoppla, dann allerdings den Rest der Woche nutzlos herumhängen werden, aber egal, Hauptsache, die Kunden haben ein gutes Gewissen. Wobei es da noch den Reinigungsprozess gibt, denn ­natürlich muss jedes vermietete Kleidungsstück nach der Rückgabe ge­reinigt werden, genau, gereinigt und nicht etwa bloß gewaschen, aber das wird irgendwie zwar chemisch, aber auch nachhaltig erledigt, verspricht der Fashionvermieter.

Nun hat man, wenn man schon ein bisschen länger lebt und zum Beispiel früher Kundin des Berliner Videodroms, also einer Videothek, war, durchaus Vorbehalte, wenn es um die Zuverlässigkeit anderer Mieter geht. Erwartungsvoll in diese Videothek zu spazieren, um sich die nächste Folge der ge­rade geguckten neuen Lieblingsserie zu holen, endete nämlich nicht selten ­damit, dass der Deppenvormieter eben diese Folge leider, leider nicht zurückg­ebracht hatte, wie übrigens am nächsten Tag auch nicht, sorry, war was dazwischengekommen.

Aber dies sind ja die neuen Zeiten, in denen Nutzlosigkeit nicht länger toleriert wird. Da werden Nichtrechtzeitigzurückgeber halt streng bestraft oder gleich erschossen, wird man dann sehen. Und die Kleidervermieter kaufen für solche Fälle halt ein paar Stücke mehr ein, wird dann ja auch günstiger. Gut, das bringt denen, die die Mode zusammennähen müssen, nicht wirklich was, aber sie werden immerhin besser bezahlt als die, die für andere Anbieter schuften müssen, also nicht richtig gut, sondern nur ein wenig besser, aber das ist ja immerhin schön.

Nun aber gibt es Corona, und der Gedanke, dass man irgendwas anzieht, was vorher jemand anderes angehabt hat und das dazu vermutlich von jeder Menge Leute zwecks Reinigung und Verpackung und Verschickung angepatscht wurde, ist nicht wirklich er­hebend. Zumal man ja gerade auch gar keine Gelegenheit hat, so ein schickes schwarzes Cocktailkleid anzuziehen, obwohl die Expertin bei CNN, die jeden Morgen gute Tipps für das Leben in der Isolation gibt, findet, dass man sich auch zu Hause immer schick anziehen sollte, damit man nicht verlottert. Verlotterung ist nämlich fast so schlimm wie Nutzlosigkeit.

Und so wird die Erde bald dadurch gerettet, dass Kleider verliehen werden. Sie hängen dann in wohltemperierten Lagerhäusern, in denen Menschen arbeiten, die nicht wirklich gut bezahlt werden, aber immerhin haben sie ­Arbeit und sitzen nicht nutzlos herum. Diese Menschen packen die Kleider dann, wenn sie angefordert werden, in irgendetwas optisch Ansprechendes und dann werden sie in großen LKW durch die Stadt gefahren. Am Zielort angekommen, werden sie vom Auslieferer in den dritten Stock geschleppt, ja, tut ihm auch leid, dass das schwarze Cocktailkleid nicht um Punkt sieben gebracht werden konnte, war überall Stau, die vielen LKW halt. Und anschließend wird es getragen und wieder verpackt und in einen LKW gesteckt und chemisch gereinigt und in die Lagerhalle zurücktransportiert und so geht die Weltrettung.

 

Teilen wider Willen

Im Januar diesen Jahres haben die Carsharing-Unternehmen ­Drivenow und Car2Go fusioniert und ihre App zusammen­gelegt. Um sich für die Nutzung der Autos anzumelden, muss man Führerschein und ­Fotos online bereitstellen. Der aus der Fusion entstandene Marktführer Sharenow lässt sensible Daten seiner Kunden dann in Indien verarbeiten. Es gebe keinerlei Datenschutzlücken, teilte das Unternehmen dem Deutschlandfunk mit. Der digitale Datenaustausch mit der App finde nur dann statt, wenn der Kunde den AGB zugestimmt habe. Einen alternativen Validierungsweg gebe es jedoch nicht mehr. Die EU-weit gültige Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) sieht strenge Auflagen für die Speicherung und Bearbeitung per­sonenbezogener ­Daten vor. In Indien gelten diese nicht und der dortige Umgang mit Daten kann auch kaum überprüft werden. JuHo