Kommentar zu einen offenen Brief zur Causa Achille Mbembe

Wenn der Klüngel nicht klüngeln darf

Die Unterstützer Achille Mbembes beklagen, dass in Deutschland angeblich kritische Stimmen, besonders von nichtweißen Menschen, zum Schweigen gebracht wür­­den. Ein offener Brief zeigt aber, dass die Positionen Mbembes zu Israel im kulturellen Bereich große Zustimmung erfahren.
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Im Diskursdreieck aus Geisteswissenschaften, Kulturbetrieb und Aktivismus, in dem das Argument als suspekt gilt, weil man Wissenschaft primär für wohliges Beisammensein hält, Kritik hingegen für einen »Angriff« und jede Debatte für eine »Kam­pagne«, hält man fest zusammen, wenn das eigene business as usual gestört wird. Weil Diskussion und Dissens andernorts noch ihre Funktion erfüllen, registrieren derzeit manche in der Diskussion über den postkolonialen Theoretiker Achille Mbembe (siehe Mantel-Seite 7), dass die in ihrem Milieu kultivierte Meinungsmonotonie andernorts auf Widerspruch stößt.

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Auch die Unterschriftenliste als moralischer Drohbrief kam jetzt in dieser Debatte zum Einsatz. Rund 380 Empörte aus 30 Ländern, darunter Mbembe selbst, haben vergangene Woche unter dem Titel »Gegen ideologische oder politische Einmischung und Lackmustests in Deutschland« angekündigt, nicht mehr »als Jurymitglieder oder in Berufungskommissionen mitzuwirken, wenn es überzeugende Anzeichen dafür gibt, dass die getroffenen Entscheidungen ideologischen oder politischen Einmischungen oder Lackmustests unterliegen könnten«. Die Begründung: Die Politik erkläre »BDS zu einer Form des Antisemitismus« und marginalisiere die Bewegung. Dabei gibt die schiere Zahl der Unterzeichnenden mit ihren jeweiligen institutionellen Anbindungen unfreiwillig preis, dass das, was da angeblich »zum Schweigen« gebracht werden soll, keineswegs randständig ist. Im Gegenteil: Hier spricht der Konsens höherer Bildungseinrichtungen und Publizistik. »Die Entscheidung einer Preisjury rückgängig zu machen oder eine Einladung zum Vortrag aus ideologischen Gründen zurückzuziehen, ist eine nicht hinnehmbare Einmischung, die wir nicht billigen können, auch nicht durch unser Mitwirken in Jurys und Kommissionen, die solchen Einmischungen ausgesetzt sind.« Das schreiben Personen, deren Erzeugnisse keinen Disput kennen, die niemals auf die Idee kämen, eine Denkerin zu einer Konferenz einzuladen, die anderer Meinung ist als sie selbst, oder das Werk eines Künstlers auszuzeichnen, dessen Biographie ihnen nicht passt.

Der »Brief an die Deutschen«, den Mbembe gleichzeitig in der Taz veröffentlichte, appelliert derweil gekonnt an die hiesige Bußfertigkeit – als hätte nicht eine Heerschar herkunftsdeutscher Akademiker, Kulturbetriebsangehöriger und Aktivistinnen ihm jahrelang applaudiert und Preise überreicht, selbstverständlich in vollem Wissen darum, was andere nun kritisieren: seine Obsession mit Israel.

»Darf ich zum Abschluss daran erinnern, dass ich kein Deutscher bin?« fragt der sich verfolgt Wähnende beleidigt. »Ich habe nicht vor, in Deutschland zu leben oder zu arbeiten.« Das muss er auch nicht, denn an jenen, die so denken wie er, mangelt es hierzulande bekanntlich nicht. Es ist gewiss kein Zufall, dass Mbembe gerade in Deutschland mit Superlativen belegt wird wie etwa dem, einer »der brillantesten Denker der Gegenwart und einer der prominentesten Intellektuellen des afrikanischen Kontinents« zu sein, wie Jörg Häntzschel in der SZ schrieb. Das genannte Milieu mag das so sehen, objektiv ist es mit ­Sicherheit unzutreffend.

Dass die Pikierten sich nun wenigstens teilweise aus ihren Tätigkeiten zurückziehen wollen, ist jedenfalls ein Gewinn. Gremien, die Gefahr laufen, durch Klüngelbildung falsche Entscheidungen zu treffen, kann Dynamik nicht schaden. Und dass die Unterzeichnenden bestenfalls für Konventionelles gut sind, bezeugt ihr Kollektivkommuniqué nur ein weiteres Mal.