#Coronaeltern als Beginn einer neuen Bewegung

Der Beginn einer neuen Frauenbewegung

Nach den Sommerferien sollen Schulen und Kitas wieder den Normal­betrieb aufnehmen. Ob das tatsächlich möglich sein wird, ist noch keineswegs sicher, und auch über die Folgen für Familien und Frauen wird noch gestritten.

Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung in Berlin und eine der bekanntesten Soziologinnen Deutschland, prophezeite Anfang Mai in der Talkshow von Anne Will, dass die Corona­krise die Emanzipation der Frauen um wenigstens drei Jahrzehnte zurück­werfen werde. Die Aufregung war groß. Aber inwieweit kann wirklich von ­einem solchen backlash gesprochen werden?

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Als Allmendinger bei Anne Will auftrat, waren die Kitas und Schulen seit sieben Wochen geschlossen. Zwar gab es eine langsame und partielle Öffnung der Schulen und Kitas, dies war aber erst recht mit hohem organisa­torischem Aufwand verbunden. Recht schnell wurde offensichtlich, dass die anfallende Mehrarbeit zu einem großen Teil von Frauen geleistet wurde, die vielfach im Beruf zurücksteckten. Eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung stellte fest, dass sich mehr Frauen (26 Prozent) als Männer (16 Prozent) von ihrer Erwerbsarbeit freistellen ließen oder unbezahlten Urlaub nahmen, um sich um die Kindern kümmern zu können. Selbst von den Paaren, die sich vor den Pandemiemaßnahmen gleichberechtigt um die Kinder gekümmert hatten, taten dies nun nur noch ein Drittel.

Die Krise hat gezeigt, dass viele Frauen durch die neue Selbst­ver­ständlichkeit, mit der sie inzwi­schen als Mütter arbeiten gehen, eine neue Form des Selbst­bewusstseins erworben haben.

Eine Studie der Universität Mannheim bestätigt diese Ergebnisse: In 50 Prozent aller Familien betreuten allein die Mütter ihre Kinder. Jeweils zu 25 Prozent waren Väter allein verantwortlich oder die Eltern kümmerten sich gemeinsam. Diese Verteilung variiert schichtspezifisch: Je höher das Einkommen, umso eher teilten sich die Paare die häusliche Arbeit und umso häufiger übernahmen die Väter die volle Verantwortung. Auch gibt es einen Zusammenhang zwischen gleichberechtigteren Arrangements und der Möglichkeit der Arbeit im Homeoffice, denn vor ­allem Menschen mit schlechtem Einkommen und niedrigem Bildungs­abschluss mussten in der Regel im Betrieb erscheinen.

Je länger die Schließungen von Kitas und Schulen dauerten, umso klarer wurde aber auch, dass Homeoffice nicht der Weisheit letzter Schluss ist, um Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung in der Coronakrise zu vereinbaren. Dass Eltern nun zusätzlich zur Erwerbsarbeit eine ganztägige Kinderbetreuung ­inklusive homeschooling auf die Beine stellen sollten, brachte viele an den Rand der Verzweiflung. Sobald ein Elternteil die Möglichkeit hatte, von zu Hause aus zu arbeiten, gab es keine staatliche Unterstützung, weder Anspruch auf Lohnfortzahlung noch auf eine Notbetreuung. So war es kein Wunder, dass sich zumindest im Internet immer mehr Wut artikulierte, als Mitte April deutlich wurde, dass Konzepte für Lockerungen in allen Bereichen vom Autohaus bis zum Restaurant ausgearbeitet wurden, die Eltern und Kinder sich aber noch gedulden mussten. Gerade für Eltern von Kitakindern gibt es bis zum Ende der Sommerferien nur wenig Entlastung: Kleine Kinder könnten keinen Abstand halten, hieß es nur lapidar.

»Was machen eigentlich Eltern, die nicht mehr können? Ich frage für, nun ja, fast alle, die ich so kenne«, twitterte die Chefredakteurin des feministischen Online-Magazins Edition F, Mareice Kaiser, bereits im April unter dem Hashtag #coronaeltern. Hier machten sich Eltern, vor allem Mütter, Luft über die Zumutungen, denen sie während der Coronakrise ausgesetzt waren beziehungsweise sind.

Dies führte jedoch nicht nur zu Solidarität, sondern auch zu viel Häme und Hass. Besonders wenn Mütter es wagten, einen finanziellen Ausgleich, etwa ein Coronaelterngeld, für die anfallende Mehrbelastung einzufordern, wurde es böse: Wer für die schönste Aufgabe der Welt noch Geld verlange, sei ein gefühlskaltes Monster und hätte am besten gar keine Kinder bekommen sollen, so hieß es auf Twitter. Auch der brandenburgische Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) war beim RBB-Talk ehrlich schockiert über die angebliche Herzlosigkeit von Katharina Mahrt. Die Feministin und Mutter engagiert sich in der Initiative »Kitakrise Berlin« und kritisierte, dass der Staat die Eltern im Stich gelassen habe, nachdem er sie zuvor mit Maßnahmen wie der Einführung des Elterngeldes (2007) und dem Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für jedes Kind ab einem Jahr (2013) zum Kinderkriegen animiert habe. Steinbach äußerte dagegen seine Freude darüber, dass »Eltern ihre Kinder auch mal wieder richtig kennengelernt« hätten.

Tatsächlich steigt die Geburtenrate an, seit der Staat durch die erwähnten Maßnahmen die Vereinbarkeit von ­Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung erleichtert hat, und auch die Frauenerwerbsquote hat sich seit Mitte der nuller Jahre deutlich erhöht. Aber zu gleichberechtigteren Verhältnissen zwischen Männern und Frauen ist es trotz allem nicht gekommen: Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) von 2018 zeigen, dass nur bei 13 Prozent aller Paare beide Elternteile in Vollzeit arbeiten. In der Hälfte aller Haushalte ist die Frau die Zuverdienerin, die oftmals in prekären Teilzeitstellen feststeckt. Bei einem Viertel aller Paare ist nur der Mann erwerbstätig. Dementsprechend kümmern sich Frauen signifikant häufiger um Kinder und Haushalt: Frauen waren damit im Durchschnitt laut DIW vor Ausbruch der Pandemie in Deutschland 7,4 Stunden am Tag beschäftigt, Männer nur drei Stunden. Frauen werden also häufig, sobald sie Mütter sind, finanziell von ihren Männern abhängig. Eine Scheidung oder Trennung bedeutet für diese Frauen ein großes Armutsrisiko. Gleichzeitig sind meistens sie es, die die Kinderbetreuung mit ihrer Berufstätigkeit vereinbaren müssen. Sie sind oft am Limit, und psychische Erkrankungen, die aus der Überforderung resultieren, sind keine Seltenheit. Die Coronakrise hat diese fragilen Kon­struktionen zum Einsturz gebracht.

Nun überraschte das DIW in seiner Studie zur Coronakrise Anfang Juni damit, dass die während der Kontakt­beschränkungen anfallende Mehrarbeit im Haushalt von Männer und Frauen in quantitativ gleich hohen Teilen übernommen werde. Männer ­hätten sogar 120 Prozent mehr im Haushalt gearbeitet als zuvor, Frauen da­gegen nur etwas über 30 Prozent. Nur handelt es sich bei diesen vielzitierten Werten eben nicht um absolute, sondern um relative Zahlen. Anschaulich gesprochen: Wenn man nur eine ­Stunde im Haushalt arbeitet, lässt sich dieser Wert auch leicht verdoppeln. Tatsächlich war die Beteiligung der Männer von 6,4 Stunden täglich immer noch moderat, während die Frauen im Durchschnitt 10,7 Stunden mit Haushalt und Kindern beschäftigt waren. Bei dieser Stundenzahl weiß man tatsächlich nicht, wann sie es schaffen sollten, ihrer Lohnarbeit nachzugehen, ohne komplett durchzudrehen.

Jedoch hat die Krise auch gezeigt, dass viele Frauen eine neue Form des Selbstbewusstseins erworben haben. Es gilt inzwischen weithin als selbstverständlich, dass Mütter arbeiten gehen, Kinderbetreuung und die Lohnersatzleistung Elterngeld in Anspruch nehmen. Sie nehmen es nicht mehr einfach hin, dass sie die Arbeit zu Hause unbezahlt erledigen sollen und ihre Kinder zu Hause vereinsamen.

Hygiene­konzepten in Schulen und Kitas sollte ebenso viel Aufmerksamkeit gewidmet werden wie der Bundesliga und Fitnesscentern. Es macht fassungslos, dass die Schulen bei der Digitalisierung so weit zurücklagen, dass die Last des homeschooling mehr oder weniger den Müttern zufiel. Es bräuchte ein Coronaelterngeld, da Eltern in dieser Si­tuation nur sehr eingeschränkt arbeiten gehen können. Nahezu unausweichlich wurden Mütter mit der feministischen Erkenntnis konfrontiert, dass im Kapitalismus die Reproduktionsarbeit in letzter Instanz Privatsache ist und die Arbeitskraft, die sie aufwenden, um zukünftige Arbeitskräfte herzu­stellen, nicht als solche anerkannt wird, sondern als Liebesgabe gilt, die klaglos und mit Freude geschenkt werden soll. Vielen wurde dadurch bewusst, dass sie, wenn es hart auf hart kommt, keine Unterstützung zu er­warten haben und wochenlang völlig alleingelassen werden. Dies könnte ein Antrieb für eine breitere neue Frauenbewegung sein.

Die Emanzipation der Frauen ist nicht um Jahrzehnte zurückgeworfen worden, denn sie war auch schon davor mehr Schein als Sein. Ob die Frauen jetzt wieder verstärkt aus den prekären Jobs gedrängt werden und die in den vergangenen Jahren angestiegene Frauenerwerbsquote dauerhaft sinkt, ist noch nicht absehbar. Dies hängt sicherlich nicht zuletzt vom Verlauf der ökonomischen Krise ab. Sollten Frauen aus der Erwerbstätigkeit verdrängt werden, dann nur um den Preis der Verelendung großer Teile der Bevölkerung sowie eines Rückgangs der Geburtenrate.