Die Initiative »Unser Fußball« fordert mehr Demokratie und weniger Diskriminierung im Profifußball

Ein Sport für alle

Die Kampagne »Unser Fußball« fordert mehr Inklusion und Demokratie sowie entschiedenes Handeln gegen Diskriminierung.

Die Maschine läuft wieder. Am Wochenende brachten die Erste und Zweite Fußballbundesliga die Saison planmäßig zu Ende, die befürchteten erneuten Unterbrechungen wegen positiver Coronatests blieben aus. Der FC Bayern München wurde wie gewohnt deutscher Meister und kann am kommenden Samstag im DFB-Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen den nächsten Titel holen. Auch die Dritte Liga wird die Saison am Wochenende wohl ohne besondere Vorkommnisse beenden können.

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Dem deutschen Beispiel folgend haben weitere europäische Profiligen den Spielbetrieb wieder aufgenommen. Seit Mitte Juni haben beispielsweise die höchsten Ligen in Spanien, England und Italien die Saison fortgesetzt.

»Weitermachen wie vor der Krise darf keine Option sein. Wir wollen nicht zurück zu einem kaputten System.« Die Kampagne »Unser Fußball«

Die Wiederaufnahme des Spielbetriebs der Bundesliga am 16. Mai war noch von einigen Vorfällen überschattet worden, die zeigten, dass auch im Profifußball noch längst nicht jeder die pandemiebedingten Beschränkungen verstanden hatte: Salomon Kalou, ein Spieler von Hertha BSC, hatte knapp zwei Wochen zuvor live aus der Kabine seiner Mannschaft gestreamt, wobei unter anderem unzweideutig zu erkennen war, dass die geltenden Abstands- und Hygieneregeln bei den Berlinern wenig Beachtung gefunden hatten. Wegen vereinsschädigenden Verhaltens suspendierten die Verantwortlichen Kalou daraufhin.

Heiko Herrlich, der Trainer des FC Augsburg, durfte seine Tätigkeit beim ersten Spiel nach der Wiederaufnahme des Spielbetriebs nicht ausüben. Er hatte zuvor freimütig auf einer Pressekonferenz von einem Einkauf im Supermarkt erzählt – obwohl sich das gesamte Team in präventiver Quarantäne im Hotel befand. Der Zweitligist Dynamo Dresden konnte nach mehreren positiven Covid-19-Tests im Kader sein erstes Spiel erst am 31. Mai bestreiten. Die Mannschaft musste deshalb in nur 29 Tagen neun Spiele bestreiten und stieg schließlich in die Dritte Liga ab. Der Verein sprach von Wettbewerbsverzerrung und erwägt, eine Klage einzureichen. Für Aufsehen sorgte ein Interview mit dem Dresdner Spieler Chris Löwe. Unter Tränen schimpfte er nach einem Spiel: »Wir reißen uns den Arsch auf, alle drei Tage immer wieder, und die Leute sitzen in ihren 5 000 Euro teuren Bürostühlen und entscheiden etwas über unsere Köpfe hinweg. Und wir sind am Ende die Idioten, die das Ganze ausbaden.«

Die deutlichste Kritik am Gebaren der Funktionäre des deutschen Profifußballs formulieren aber immer noch und wieder einmal die Anhänger. Schon als die ersten Debatten über die Wiederaufnahme des Spielbetriebs mit Geisterspielen begonnen hatten, sprachen sich unter anderem der Zusammenschluss »Fanszenen Deutschland« und die Fan-Organisation »Unsere Kurve« klar für einen Saisonabbruch aus (Gegen Fans, Vernunft und Verantwortung - Fußballfans lehnen »Geisterspiele« in der Bundesliga ab).

Eine Woche vor dem Ende der Bundesligasaison präsentierte sich eine neue Kampagne der Öffentlichkeit. »Unser Fußball – basisnah, nach­haltig, zeitgemäß« ist ein Zusammenschluss von etwa 1 000 Fanclubs und vielen Einzelpersonen, der sich für grundlegende Veränderungen im Profifußball ausspricht. Beteiligt sind viele wichtige Ultragruppen, renommierte Fan-Verbände wie »Unsere Kurve«, »Pro Fans« und das »Bündnis aktiver Fußballfans« (BAFF), viele kleinere Fangruppen, das Netzwerk »F_in – Frauen im Fußball« und die »Queer Football Fanclubs«. Inzwischen haben sich Tausende Unterzeichner auf Basis des Gründungsdokumentes angeschlossen.

In der gemeinsamen Erklärung fordern die Fans unter anderem eine ausgeglichenere Verteilung der Milliarden aus den Fernseheinnahmen zwischen den Vereinen und die Begrenzung des Einflusses externer Investoren. Wirtschaftliche Nachhaltigkeit solle ebenso wie eine demokratische Organisation der Vereine zu einer Bedingung für die Lizenzerteilung werden. »Unser Fußball« setzt sich dafür ein, die Beteiligung von Fans im Publikumssport verbindlich zu machen. Zudem trage dieser eine »große gesellschaftliche Verantwortung«, die ein konsequentes Engagement gegen Diskriminierung und für ökologische Nachhaltigkeit unabdingbar mache. Im Text heißt es: »Weitermachen wie vor der Krise darf keine Option sein. Wir wollen nicht zurück zu einem kaputten System.«

Manuel Gaber, Sprecher von ­»Unser Fußball« und Fan des SC Freiburg, sagte der Jungle World: »Das Ziel der Kampagne ist es, die Fans mit einer Stimme sprechen zu lassen, gerade jetzt in einer Zeit, in der man sich nicht im Stadion artikulieren kann. Wir üben seit Jahren Kritik, aber in der Coronakrise haben Vereine und Verbände endlich Handlungsbereitschaft signalisiert.« Tatsächlich forderten insbesondere zu Beginn der Zwangspause im deutschen Fußball auch Vereinsoffizielle mehr Weitsicht. Fritz Keller etwa, der Präsident des Deutschen Fußballbunds (DFB), sprach davon, die 2024 in Deutschland stattfindende Europameisterschaft zum »Leuchtturm für Nachhaltigkeit« zu machen, und präsentierte einen Fünfpunkteplan für Veränderungen. Er kündigte an, über Gehaltsobergrenzen für Profispieler nachzudenken und einen Dialog mit allen Interessengruppen zu führen.

Mit »Unser Fußball« hat er dafür einen weiteren wichtigen Ansprechpartner. Einzelne Fan-Vertreter führen bereits Gespräche mit den Verbänden. Auch die Deutsche Fußballliga (DFL), der Zusammenschluss der 36 Vereine der Ersten und Zweiten Bundesliga, will im Rahmen der Taskforce »Zukunft Profifußball« über anstehende Veränderungen debattieren. Ob dabei die Fans einbezogen werden, ist bisher unklar. Gaber sagt: »Wir finden es wichtig, die Fans zu beteiligen. Von Seiten der Verbände braucht es einen Grundsatzbeschluss, auf dessen Basis dann konkrete Reformen erarbeitet werden müssen.« Dass eine Vielzahl der Anhänger die Forderungen der Kampagne »Unser Fußball« unterstützt, scheint jedenfalls gewiss: Kurz nach der Veröffentlichung der Gründungserklärung brach wegen des großen Interesses kurzzeitig der Server der Kampagne zusammen.

Positiv fällt auf, dass sich »Unser Fußball« deutlich gegen Diskriminierung ausspricht. »Vor der Unterzeichnung unserer Erklärung werden die Gruppen und Personen ausdrücklich darauf hingewiesen, dass wir für demokratische Werte stehen. Wir möchten nicht mit rechten Gruppen gemeinsame Sache machen«, betonte Gaber. Zu spüren ­bekamen das bereits die rechten Ultras des »Collettivo Bianco Rosso« aus Cottbus. Sie hatten das Gründungsdokument von »Unser Fußball« zunächst auch unterzeichnet, die Initiatoren strichen sie aber wieder von der Liste.

Ähnliche Anforderungen stellt die Kampagne auch an ihren Adressaten, den Profifußball. Dieser müsse endlich seine gesellschaftliche Bedeutung nutzen, so Gaber: »Punktuell passiert schon viel in einigen Vereinen, etwa bei Aktionen gegen Homophobie und Sexismus. Aber wir stellen oft fest, dass keine systematische Verantwortung übernommen wird.« Antidiskriminierungsmaßnahmen, ökologische Nachhaltigkeit sowie inklusive Stadien, die allen Menschen den Besuch der Spiele ermöglichen, seien deshalb integrale Anliegen von »Unser Fußball«.