Ein Gespräch mit Stefania Animento, Migrations- und Arbeitsmarktforscherin, über die Situation migrantischer Arbeitskräfte aus Südeuropa in Deutschland

»Es braucht eine Internationalisierung der Gewerkschaften«

Die Migrations- und Arbeitsmarktforscherin Stefania Animento spricht mit der Jungle World über Arbeitsmigration aus Südeuropa, Arbeitsbedingungen der migrantischen Arbeitskräfte und mögliche Formen der Organisierung.
Interview Von

Stefania Animento promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin über innereuropäische Migration und die Arbeitsmarktsituation junger Einwanderinnen und Einwanderer, vor allem aus Italien. Sie lebt seit 2007 in Deutschland und engagierte sich bei verschiedenen aktivistischen Gruppen, die sich für die Selbstorganisation von Migranten am Arbeitsplatz und anderswo einsetzen.

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Nicht zuletzt wegen der Folgen der EU-Finanzkrise wandern viele Menschen aus den südeuropäischen Ländern aus, auch aus Italien. 2018 haben etwa 150 000 Menschen das Land verlassen, fast die Hälfte davon war jünger als 34 Jahre. ­Warum ziehen gerade so viele junge Leute weg?

Dass Italien ein Auswanderungsland ist, ist erst mal nichts Neues, aber die Motivation hat sich etwas verändert. Die Menschen haben immer noch das Ziel, Arbeit zu finden. Doch anders als zum Beispiel bei den sogenannten Gastarbeitern in der alten Bundesrepublik geht es stärker darum, eine längerfristige Perspektive zu haben und einer Situation zu entkommen, die viele als aussichtslos empfinden. Es sind mehr gut ausgebildete Menschen darunter, die vor allem versuchen, eine Arbeit im Dienstleistungssektor zu finden.

Von der Pandemie sind Sektoren wie der Tourismus und die Gastronomie betroffen, vor allem im Süden Italiens, wo es ohnehin wenige Einkommensmöglichkeiten gibt.

In einigen Ländern ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren zurückgegangen. In Italien lag die Quote im Mai 2020 bei 23,5 Prozent, 2016 waren es noch etwa 36 Prozent. Hat sich die Situa­tion für junge Menschen damit verbessert?

Unter der Regierung von Matteo Renzi wurde 2015 der »Jobs Act« verabschiedet (benannt nach dem Akronym für ein US-amerikanisches Bundesgesetz, dem »Jumpstart Our Business Startups Act« von 2012, Anm. d. Red.), der den Kündigungsschutz lockerte. Das hat zwar dazu geführt, dass die Beschäftigungsquote gestiegen ist und es mehr Arbeit gibt als direkt nach der Finanzkrise, aber das heißt nicht, dass das gute Stellen sind. Stattdessen sind vor allem prekäre Arbeitsplätze entstanden.

Die EU-Kommission hat 2013 die sogenannte Jugendgarantie ausgerufen, die zum Ziel hatte, dass Menschen unter 25 innerhalb von vier Monaten nach ihrem Abschluss oder ihrer Ausbildung ein »hochwertiges« Beschäftigungs- oder Weiterbildungsangebot bekommen. Als Teil der Beschlüsse der EU, mit denen diese Anfang Juli auf die Pandemie reagierte, sollen zur weiteren »Förderung der Jugendbeschäftigung« 22 Milliarden Euro bereitgestellt werden. Die Altersgrenze soll zudem auf 29 Jahre erhöht werden. Ist das ein gutes Zeichen?

Man hat gesehen, dass die bisherigen Maßnahmen auf Dauer nicht viel gebracht haben. Es gibt einige Firmen, die Gelder bekommen haben, um junge Menschen einzustellen, deren Verträge dann aber nicht verlängert worden sind. Das ist eine punktuelle Hilfe, die strukturelle Dynamiken nicht verändert. Viele junge Leute machen keinen Abschluss oder brechen ihr Studium ab, weil sie kein Geld haben. Eine allgemeine Unterstützung wie das Bafög in Deutschland gibt es in Italien nicht. Und manche Bedingungen sind einfach beschissen – es gibt Menschen, die in Vollzeit arbeiten und dafür 400 Euro im ­Monat bekommen. Was man in Deutschland als Praktikum bezeichnet, erleben viele junge Menschen als Arbeitsplatz.

Die Covid-19-Pandemie hat Italien besonders schwer getroffen. Welche Auswirkungen hat das auf die Jugendarbeitslosigkeit?

Von der Pandemie sind besonders Sektoren wie der Tourismus und die Gas­tronomie betroffen, vor allem im Süden Italiens, wo es ohnehin wenige Einkommensmöglichkeiten gibt. Das ist ziemlich tragisch, weil das sonst immer das Erste ist, was man machen kann. Die Arbeit in Restaurants oder Bars erfordert keine besonderen Fä­higkeiten und ist leicht zu finden. Dass diese ganzen Jobs durch die Coro­na­k­rise wegfallen, wird schwerwiegende Auswirkungen für junge Menschen haben, und ich erwarte, dass dadurch noch mehr von ihnen ins Ausland gehen werden. Obwohl diese Arbeitsplätze natürlich gerade überall in Gefahr sind, das ist also ein bisschen unklar.

Wie schätzen Sie die Situation für junge arbeitssuchende Migrantinnen und Migranten in Deutschland ein?

Es gibt mehr Beschäftigungsmöglichkeiten als in den südeuropäischen Ländern. Aber wie viele davon nichtprekäre Stellen sind, ist eine andere Frage. Grob gesagt: Diejenigen mit Informatik-Abschluss werden gutbezahlte Arbeitsstellen finden. Personen, die beispielsweise ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert haben, also Qualifikationen haben, die außerhalb der Universitätswelt weniger direkt verwertbar sind, finden eher prekäre und schlechter bezahlte Arbeit in Start-ups oder in der Gastronomie, während sie weiter nach einer passenderen Stelle suchen. Und diejenigen ohne Abschluss nehmen alles, was sie finden können, als Auslieferer zum Beispiel oder als Arbeiter im ­Warenlager. Die Situation ist also ein bisschen besser, aber ein El Dorado ist es nicht. Wichtig ist trotzdem, dass die Menschen das Gefühl haben, einen Schritt weitergekommen zu sein und etwas in ihrem Leben geschafft zu haben.

Was müsste getan werden, um die Arbeitsbedingungen von Migrantinnen und Migranten in Deutschland zu verbessern?

Eine wichtige Rolle spielen die Gewerkschaften. Die großen Gewerkschaften haben die eher von prekärer Arbeit geprägten Branchen nicht wirklich im Blick. Zum Beispiel ist es im Gastronomiesektor extrem schwer, Menschen für Gewerkschaften zu gewinnen, weil viele von ihnen vielleicht drei Monate in einem Restaurant beschäftigt sind, dann gekündigt werden und woanders wieder anfangen. Das ist nicht die klassische Arbeitsidentifikation, und die Struktur der Gewerkschaften hat sich dem noch nicht so ganz angepasst.

Stellen Migrantinnen und Migranten überhaupt eine Zielgruppe der Gewerkschaften dar?

Ich weiß von den Aktivistengruppen »Migrant Strikers« und den »Critical Workers«, dass es immer sehr schwer war, Migrantinnen und Migranten für diese Themen zu gewinnen. Außerdem ist die innereuropäische Migration immer noch vergleichsweise niedrig, und ich glaube, dass die Gewerkschaften bei dieser Gruppe nicht so ein großes Potential sehen, obwohl natürlich ein Potential da ist. Ich glaube, dass es auch sehr wichtig ist zu betonen, dass diese jungen Menschen nicht nur im Ankunftsland sehr wenig von den Gewerkschaften berücksichtigt werden, sondern auch im Herkunftsland. Weil sie mobil sind und bereit, ihren Wohnort zu wechseln, sind sie als Zielgruppe weniger attraktiv für Gewerkschaften, die eher national basiert sind. Es bräuchte also eine stärkere Europäisierung und Internationalisierung der Gewerkschaften.