Der Club »Objekt klein a« ist einmalig für Dresden

Nicht vom Be­gehren ablassen

Das »Objekt klein a« ist ein nach einem Begriff von Jacques Lacan benannter Club in Dresden, der wie so viele in der Pandemie ums Überleben kämpft. Dabei ist er einmalig in der Stadt, die bundesweit eher für Pegida bekannt ist.

Bei mir irrte Jacques Lacan. Das Objekt des Begehrens war bei mir schon ver­loren, bevor ich zum begehrenden Subjekt überhaupt erst hätte werden können. Durchaus aber war mir in Dresden schon immer ein Mangel recht bewusst. Meine späte Jugend fand zum Ende der neunziger Jahre vornehmlich im Berliner »E-Werk«, dem »Ostgut« und dem »Tresor« statt – Orte wie diese gab es im Dresden des 21. Jahrhunderts ­definitiv nicht.

Jeder mir bekannte Mensch, den ich auf der Straße seit der Eröffnung von »Objekt klein a« im Frühjahr 2017 traf, sagte mir ungefragt: »Da musst du unbedingt hin. Du stehst doch so auf Techno und Club und so.«

Und so ließ sich eine gewisse Vorfreude selbst bei Menschen mit schwächerer Serotoninausschüttung durchaus nicht verbergen, als diese Nachricht kursierte: Irgendwelche viel zu jungen Leute, die überhaupt noch nicht dazu in der Lage sein konnten, auch nur ansatzweise abzuschätzen, welch kolossal schweren Klotz sie sich mit einem viel zu großen, kollektiv betriebenen Club mit riesigem Außengelände und High-End-Anlage ans Bein binden, gingen daran, sich in ihr (Un-)Glück zu stürzen. Bei der Namensgebung bedienten sie sich des Begriffs »Objekt klein a« aus der Lacan’schen Psychoanalyse, denn: »Lacan zu verstehen, ist eine Lebensaufgabe«, sagt Buchti, einer der Gründer des Kollektivs, im Gespräch mit der Jungle World.

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Jeder mir bekannte Mensch, den ich seit der Cluböffnung im Frühjahr 2017 auf der Straße traf, sagte mir ungefragt: »Da musst du unbedingt hin. Du stehst doch so auf Techno und Club und so. Das ist genau das Richtige für dich.« Eine größere Antiwerbung konnte man in meinen Augen eigentlich gar nicht machen. Wenn das Ich, wie Lacan sagt, sich im Spiegelstadium entwickelt, dann kann die grundlegende Matrix der Subjektivität nach solcher »Hyperi­sierung« eines Clubs nur von Aversion geprägt sein.

So zogen die Monate ins Land, ohne dass mein Fuß den Boden der Tanz­fläche jemals berührte. Das änderte sich erst am Neujahrstag 2018. Mein Freund Fabula aus Leipzig sollte ab nachmittags bei der Party spielen, die schon seit dem Vorabend lief. Und wenn ich nun im Schlepptau eines DJ, auf der Gästeliste, versteht sich, über den Backstage-Bereich den Club mal vorsichtig begutachte, dann kann ich nicht so viel falsch machen, dachte ich.

Nachdem wir die knarzende Holztür des verräucherten und vollkommen überfüllten Holzhüttenverschlags, der der Backstage-Bereich sein sollte, hinter uns zugezogen hatten, stürmte auch schon mein Freund Toni aus der hintersten Ecke des engen Raumes auf mich zu. Dabei riss er – gefühlt – ein Dutzend Gläser mit einer seltsam sprudelnden rosaroten Flüssigkeit auf dem Tisch vor ihm um, ohne dass es irgendwen störte. Wahrscheinlich floss dieses Beauty-Getränk hier aus der Wasser­leitung. Toni torkelte freudestrahlend und jubelnd auf mich zu, um mir um den Hals zu fallen und sich erst einmal festzuhalten, um nicht umzukippen.

Nach Lacan konstituiert sich die menschliche Psyche in der unauflösbaren Trias aus Imaginärem, Symbo­lischem und Realem. Mit Tonis Berührung, die in ihrer Theatralik in diesem Raum mit seinen Rotwildgeweihen an der Wand durch und durch symbolischen Charakter trug und doch etwas Reales war, ging etwas auf mich über. War es das Imaginäre? Oder war er einfach nur dicht? Toni und seine Herzlichkeit standen exemplarisch für das, was ich in den nächsten Minuten er­leben durfte. Ich habe selten so einen kurzen Zeitraum benötigt, um mich Menschen in einem Subuniversum zu nähern, die durchschnittlich mindestens 14 Stunden Party-Vorsprung auf mich hatten. Es dauerte nicht besonders lange, bis wir noch nicht einmal durch den Geruch voneinander zu ­unterscheiden waren.

Einige Stunden später erinnerte ich mich daran, dass sich Ende der neun­ziger Jahre in irgendwelchen Clubs auch immer alle so angegrinst hatten. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass die ganze elektronische Musikszene aus Hippies bestand, oder ob die Pillen einfach besser waren. Im »Objekt klein a« stellte ich mir die Frage, ob es vielleicht doch das Licht sein könnte oder ob es einfach diese Leute braucht, die mit ihrer kompletten Ausstrahlung den Eindruck erwecken, als ob ihnen niemals irgendetwas Schlimmes zustoßen könnte. Diese Sorte Menschen war in den Neunzigern in Scharen unterwegs und ihre Kinder trafen sich anscheinend hier wieder.

Buchti erklärte mir später, dass die prinzipielle Unerreichbarkeit des »Objekt klein a« bei Lacan das sei, was ihn am meisten fasziniere. Beim Feiern, so Buchti, sei man auf der Suche nach etwas, das in dem Moment, in dem man es erreicht, auch schon wieder in sich zusammenfalle. Dresden habe von dem neuen Club profitiert, da ist sich Buchti sicher. Die Clubkultur werde in der Stadt nun viel mehr anerkannt.

Auch der Dresdner Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) war schon auf dem weitläufigen Gelände und hat sich das Soundsystem vom Typ Lambda Labs QX erklären und vorführen lassen. Die Mitglieder des Kollektivs hatten sich indes in verschiedene Richtungen weiterentwickelt, bevor der lockdown es vollständig ausbremste. Der Sommer unter Pandemiebedingungen ließ sich noch halbwegs überstehen. Jedes Wochenende grüßte die Außenanlage des Clubs als schönster Kulturgarten Dresdens seine Gäste. In Sachsen waren laut Coronaverordnung »Tanzlustbarkeiten« bis September untersagt – aber Musikhören ging klar. Inzwischen gibt es an den Wochenenden Turnmatten im Garten des Clubs. Auf denen dürfen einige wenige mit Abstand zueinander tanzen. Mittwochs gibt es Freiluftkino, manchmal Ausstellungen.

»Über den Winter mag hier momentan einfach keiner nachdenken«, sagt Buchti. Wenn im Herbst die Zuschüsse aus dem Unterstützungsfonds auslaufen und es im Freien zu kalt wird, ist es vorbei mit der Entspanntheit, die im Kulturgarten derzeit noch herrscht. Lacan schrieb: »Für das Subjekt ist es bequemer, blind für die eigene Identität zu bleiben, als die katastrophale Wahrheit über sich selbst zu durchdringen.« Will ausgerechnet Dresden solche ­Bequemlichkeit überwinden? Wenn ja, dann geht es um mehr als den puren Rausch, zum Beispiel darum, was das Betreiben eines Clubs im Kollektiv ­eigentlich für die crowd bedeutet. Und die Problematik der Beteiligung der Besucher an der Verantwortung für einen solchen Szenebetrieb. Lacan würde dazu vermutlich sagen: »Das einzige, dessen man schuldig werden kann, ist abzulassen von seinem Begehren.« In diesem Sinne besteht durchaus die Chance, dass das »Objekt klein a« die Pandemie überlebt.