Buchbesprechung: »Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern«

Unterwegs auf dem Holzweg

Der Sammelband »Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern« mit Texten von Botho Strauß zeigt, wie aus dem elitären Schriftsteller ein neurechter Intellektueller wurde.

»Holzmacher und Waldhüter kennen die Wege. Sie wissen, was es heißt, auf einem Holzweg zu sein.« Martin Heideggers Diktum folgt Botho Strauß nur zu gern. Wie dieser inszeniert er sich als distanzierter Denker, der lieber auf dem Holzweg ist, als ausgetretene Pfade gehen zu müssen. Stets kokettiert er mit einem aristokratischen Konservatismus; eine Attitüde, die im deutschen Feuilleton gut ankam. Das blieb nicht folgenlos. Strauß hat Debatten ausgelöst, ja bestimmt, und wurde zum Wegbereiter der heutigen neurechten Intellektuellen. Wie zum Beweis dieser These sind nun verstreute Schriften Strauß’ in einem Sammelband erschienen.

Sein angeblich so tiefes Verständnis des Geschichtlichen klammert den Holocaust weitgehend aus; höchst vage grenzt Botho Strauß sich von Nazis und Neonazis ab, um zugleich zu relativieren.

»Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern« ist das in waldgrünes Leinen gebundene Buch überschrieben. Strauß inszeniert sich gerne als prophetischer Warner. Die Lektüre seiner Texte macht deutlich, wie sehr er sich über die Jahre das Warnend-Raunende und Wütend-Reaktionäre angeeignet und zu einer Masche gemacht hat.

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Dabei war Botho Strauß mal ein ernstzunehmender Autor. Der 1944 in Naumburg Geborene wuchs in Remscheid und Bad Ems auf. Nach dem Studium der Theaterwissenschaften und der Soziologie arbeitete er zuerst als Autor, dann als Dramaturg an der berühmten Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin. Seine Popularität verdankt Strauß nicht zuletzt seiner Tätigkeit an diesem Haus. Dort etablierte er sich sehr erfolgreich als Dramatiker, sei­ne Stücke wurden von Peter Stein inszeniert und galten als Ereignisse. Die Auseinandersetzung mit dem Regietheater der Achtundsechziger prägte sein dramatisches Werk. Stein ist ein lobender Text im Sammelband gewidmet.

In seinen literarischen Texten zeigt sich Botho Strauß als genauer Beobachter. In dem Prosaband »Paare, Passanten« (1981) beschrieb er das menschliche Miteinander in der Gegenwart. Natürlich schwang auch in diesen Arbeiten das Unbehagen an der Mediengesellschaft mit. Dennoch gelangen ihm überaus treffende Beobachtungen, die nicht den hehren Anspruch erhoben, die Welt zu erklären. Auch waren die kleinen Tableaus nicht so rigoros gehalten wie die späteren Werke. Oft hielten sie der Gesellschaft den Spiegel vor, um auf Missstände hinzuweisen, ohne die moderne Gesellschaft gänzlich zu verdammen.

Strauß’ Theaterarbeiten beschäftigen sich mit der konstatierten Entfremdung der Menschen von der Natur und in den sozialen Bindungen. Melancholische Figuren treten auf, Selbstbespiegelung tritt an die Stelle der Auseinandersetzung, Gesten der Erschöpfung ersetzen die Handlung. In den siebziger und achtziger Jahren wurden seine Stücke auf vielen deutschsprachigen Bühnen gespielt. Als er 1989 den Büchner-Preis erhielt, war sein Einfluss auf die Theaterszene jedoch bereits im Schwinden begriffen.

Umso deutlicher gab er sich in den zurückliegenden Jahrzehnten in seiner Prosaliteratur als rechter Intellektueller zu erkennen. Als einen solchen weisen ihn auch seine nun veröffentlichten Texte aus. In Kapiteln zu Literatur, Theater und bildender Kunst stellt Strauß Überlegungen über deren Stellenwert an und legt eigenwillige Interpretationen nahe. In diesen ästhetischen Arbeiten sind kleine Sprengsätze vergraben. »Kein noch so komplexes, hochentwickeltes, gleichgültiges, liberales und strapazierfähiges Gemeinsames vermag sich gegen den Blitz zu schützen, der es umordnet«, deklamiert der Autor. Mal geht es um Oswald Spenglers »Untergang des Abendlandes«, mal um die zusammengereimte Gedankenwelt Martin Heideggers. Mit Hilfe seiner Vordenker sucht Strauß nach Tiefgründigem unter der Oberfläche banaler Alltagswelt, Sinnsprüche inklusive: »Die Emanzipierten begnügen sich mit der Vielfalt. Der Weise sucht je nach dem Einen.« Öffentlichkeit und Medien könnten die Kunst nicht verstehen, sondern bloß auslegen. Strauß selbst berührt dieses Verdikt nicht: Er ist schließlich ein Wächter.

Bisweilen sehnt Strauß ein reinigendes Feuer herbei, belässt es aber bei vagen Andeutungen. Als Intellektueller will er aufrechter Rechter, kein Barbar sein – ohne anzuerkennen, dass das eine schwerlich ohne das andere zu haben ist. Gleichheit und Gerechtigkeit sind ihm ein Gräuel, weil er die »widerwärtige Vergesellschaftung des Leidens und des Glückens« und die »Demokratisierung sämtlicher Lebensbereiche« verdammt. Auch das Volk wolle das gar nicht, ist er sich sicher. Er, der das Differenzieren und Unterscheiden ständig einfordert, kennt es selbst nicht. In totaler Ablehnung formuliert er Einsprüche gegen den angeblich links gewendeten »Mainstream«. Besonders drastisch sind die Sprachbilder in den Texten des letzten Kapitels, die das Zeitgeschehen kommentieren. »Sprengsel« lautet die Kapitelüberschrift. »Schnörkel« hätte auch gepasst, so verdreht kommen die Gedanken daher.

Nicht zu übersehen sind die Bezüge zur sogenannten Konservativen Revolution und zur Neuen Rechten eines Alain de Benoist, der als Vordenker der Identitären Bewegung gilt. Wenn Strauß vom verlorenen Ursprung schreibt, zu dem man nicht zurück könne, daraus aber zugleich die Notwendigkeit einer Umwälzung deduziert, geht es ihm um jene Melange aus Tradition und Revolution, die neurechtes Denken prägt. Wenn er die »kalkulierenden Krämer« von den Kulturmenschen unterscheidet, bemüht er die Rhetorik eines Werner Sombart.

Migranten und Islam setzt Strauß in eins, erinnert beiläufig an die Reconquista: Der Kampf gegen das maurische Emirat auf der iberischen Halbinsel ging mit Zwangschristianisierung von Juden und Pogromen einher und endete schließlich in der Vertreibung von über 100 000 Juden. Spricht Strauß vom grassierenden »verklemmten deutschen Selbsthass«, klingt die These vom Schuldkult an. Sein angeblich so tiefes Verständnis des Geschichtlichen klammert den Holocaust weitgehend aus; höchst vage grenzt er sich von Nazis und Neonazis ab, um zugleich zu relativieren: »Es ist verwerflich ohne jede Einschränkung, sich an Fremden zu vergreifen – es ist verwerflich, Horden von Unbehausbaren, Unbewirteten ahnungslos hereinzulassen.«

In einer am 2. Oktober 2015 veröffentlichen Glosse für den Spiegel hieß es: »Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen.« Bezeichnenderweise fehlt dieser Text im vorliegenden Band. Aufgenommen wurde dagegen der Text »Anschwellender Bocksgesang«, den Strauß 1993 ebenfalls im Spiegel angestimmt hatte. Seine Warnung vor der »Überfremdung« erschien zu jener Zeit, als rassistische Pogrome und Anschläge wie in Rostock-Lichtenhagen und Mölln verübt und die Asylgesetzgebung verschärft wurde. Zwar wurde der Text vielfach kritisiert, aber auch in den höchsten Tönen gelobt. Strauß gefiel sich in der Rolle des Außenseiters im Feuilleton. Das Elitäre, Aristokratische und Illiberale prägt seine Argumentation. Figuren wie der Pegida-Gründer wie Lutz Bachmann haben seine Texte vermutlich nie gelesen, auch wenn sie auf demselben Holzweg marschieren, auf dem Botho Strauß seit Jahrzehnten wandelt.

 

Botho Strauß: Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern. Rowohlt, Hamburg 2020, 320 Seiten, 26 Euro