Friedrich Engels 200. Geburtstag

Die bessere Hälfte

Er spekulierte an der Börse, nannte sich selbst die »zweite Violine«, war mit einer Arbeiterin verheiratet und wurde von Marx liebevoll »General« genannt: zum 200. Geburtstag von Friedrich Engels.

In den akademischen Milieus der Großstädte, wo das soziale Ansehen steigt, wenn man im Bioladen einkauft, würde Friedrich Engels, dessen Geburtstag sich am 28. November zum 200. Mal jährte, nicht besonders gut wegkommen. Weder zügelte er seinen Konsum, noch wurde dieser oder sein Broterwerb von moralischen Motiven geleitet, denn Engels war, man kann es nicht anders ­sagen, ein Kapitalist. In einer Zeit, als es den Begriff des ethischen ­Investments noch nicht gab, verdiente er sein Geld mit der anrüchigsten ­legalen Bereicherungsform: als Spekulant an der Börse. Wenn in einer großen Krise wieder einmal alle Preise fielen und die Unternehmer in Scharen bankrott gingen, die Menschen also ihre Arbeit verloren und damit auch die Subsistenz, dann ­jubelte Engels. Denn darauf hatte er gewettet: »Die Kerle ärgern sich schwarz über meine plötzlich sonderbar gehobene Laune; dabei prophezeite ich natürlich immer schwarz; das ärgert die Esel doppelt.«

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Die Esel, das waren die gentlemen am Aktienmarkt von Manchester, wo kein Geschäft zu schmutzig war, man aber die Nase darüber rümpfte, dass dieser Engels, immerhin Sohn des Miteigentümers der Textilfirma Ermen & Engels, mit der Arbeiterin Mary Burns verheiratet war, denn eine solche Verbindung über Klassengrenzen hinweg galt damals als Mes­alliance – eine »Missheirat«. Wenigstens das hat sich geändert: Die Sitten wandeln sich.

Engels fand seine persönliche Aufgabe darin, die eigene Person zurück- und in den Dienst der anderen zu stellen, also Marx das Genie sein zu lassen, selbst nur das Marketing zu übernehmen und den Partner anzutreiben, das gemeinsame Werk zu vollenden.

Was bleibt, ist der Kapitalismus. Diesen bekämpfte Friedrich Engels mit allem, was ihm zur Verfügung stand, obwohl er von den Produktionsverhältnissen profitierte. Mit der Waffe in der Hand stritt er während der Revolution von 1848 und wurde deshalb von preußischen Behörden steckbrieflich gesucht (wie auch ein gewisser Richard Wagner). Auch mit seinen Mitstreitern geriet er in Konflikt, deren bürgerlichen Standpunkt er bereits von einem proletarischen aus zu kritisieren wusste. Es gibt die schöne Anekdote, er sei er von einer Barrikade in seiner Heimatstadt Barmen vertrieben worden, weil er derselben statt der schwarz-rot-goldenen eine rote Fahne aufgepflanzt habe. Selbst wenn das nicht stimmen sollte, ist es zu schön, um unwahr zu sein.

In Deutschland jedenfalls konnte Engels nicht bleiben. Über Umwege gelangte er nach Manchester, wo er Jahre zuvor, während seiner Aus­bildung im väterlichen Unternehmen begonnen hatte, die Verhältnisse grundlegend zu kritisieren. Unter anderem hier hatte er das Material für seine 1845 erschienene Schrift über »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« gesammelt.

2020, im Jahr der großen Jubiläen, beschwört die Erinnerung an einen großen Denker sofort Vergleiche herauf – und damit das Unglück. Wem gebührt mehr Ehre – Hegel, Hölderlin oder Beethoven? Engels bleibt da ­außen vor, weil sein Name von vornherein mit dem eines anderen verbunden ist, wodurch er aber nicht verkleinert wird, sondern an Würde ­gewinnt: Karl Marx. Es ist unmöglich, über das Leben von Friedrich Engels auch nur in der kürzesten Weise zu berichten, ohne auf seine Beziehung zu Marx einzugehen.

Die beiden lernten sich 1844 in Paris kennen, stellten ihre »vollständige Übereinstimmung in allen ­theoretischen Fragen fest« und waren fortan ein Pärchen, und wenn der Regisseur Raoul Peck diese Begegnung in seinem hier und da gescholtenen Film »Der junge Karl Marx« von 2017 auch als Coming-of-Age-Geschichte erzählt, ist damit etwas Wesentliches getroffen: Die beiden waren verliebt ineinander. Vielleicht nicht körperlich, aber geistig waren sie so eng verbunden, wie es nur irgend möglich ist, und deshalb verschmelzen sie auch in der Rezeption zu einer einzigen (bärtigen) Person, deren Werk nicht getrennt, sondern zusammen in einer Ausgabe publiziert wurde, auch wenn die dicken Bände natürlich eher mit Marx verbunden ­werden.

Dabei ist Engels vielleicht die bessere Hälfte der beiden gewesen. Er ernährte Marx samt Familie und unterstützte ihn auch sonst, wo er nur konnte, besorgte ihm zum Beispiel eine Stelle als Korrespondent für die New York Daily Tribune – und als Marx, wieder einmal in einer Schaffenskrise, mit seinen Artikeln in Verzug geriet, verfasste Engels die abzuliefernden Texte kurzerhand selbst unter falschem Namen, während er nebenbei freilich immer noch das Familienimperium managte. Auch wenn sich Engels bewusst in die Rolle der »zweiten Violine« begab – so nannte er sich selbst –, überflügelte er die erste an Produktivität und vielleicht sogar im schriftlichen ­Ausdruck. Es gibt zumindest Interpreten, die ihn für sprachbegabter halten. Nicht zuletzt geht das gemeinsam verfasste »Manifest der kommunistischen Partei« von 1848 auf Engels’ ein Jahr zuvor niedergeschriebenen Text über die »Grundsätze des Kommunismus« zurück.

Wer ist wichtiger: der König oder der Königsmacher? Engels fand ­seine persönliche Aufgabe darin, die eigene Person zurück- und in den Dienst der anderen zu stellen, also Marx das Genie sein zu lassen, selbst nur das Marketing zu übernehmen und den Partner anzu­treiben, das gemeinsame Werk zu vollenden. Er war der Prophet des Propheten, und darin besteht seine eigentliche Größe: der Erfinder des »Marxismus« zu sein, den dessen Namensgeber bekanntlich abgelehnt hat.

Die Nachwelt hat ihn dafür oft ­gescholten. Strömungen wie die Neue-Marx-Lektüre meinten erkannt zu haben, dass Engels mit seinen einflussreichen Schriften die Ab­stumpfung der materialistischen Gesellschaftskritik einleitete, auf ihn gehe der vereinfachende – »verkürzte« – »Arbeiterbewegungsmarxismus« zurück.

Vielleicht liegt diese Einschätzung seiner Person aber auch an ihrem Naturell. Marx, eher ein verbissener und introvertierter Grübler, war den theoriefixierten Deutschen immer sympathischer als der lebenslustige und pragmatische Engels, der seinem Weggefährten auch schon einmal zurief, nicht so streng mit sich zu sein: »Sei endlich einmal etwas weniger gewissenhaft Deinen eignen Sachen gegenüber; das »Kapital« ist immer noch viel zu gut für das Lausepublikum. Dass das Ding geschrieben wird und erscheint, ist die Hauptsache; die Schwächen, die Dir auf­fallen, finden die Esel doch nicht heraus.«

Verteidiger von Engels wiesen den Vorwurf der Popularisierung zumeist zurück. Dabei wäre es auch möglich, ihn anzunehmen und die gegenteilige Auffassung zu vertreten, dass nämlich eine Theorie, die zur Vereinfachung nicht fähig oder bereit ist, den erklärten Zweck des Unterfangens, die Welt zu verändern, außer Acht lässt.

Engels, der seinen Kampf gegen den Pietismus seiner Eltern als die schwierigste Aufgabe seines Lebens bezeichnet hat, war selbstverständlich so wenig ein Anhänger des Personenkults oder eines sonstigen ­Fetischismus wie Marx. Dieser aber war, so könnte die Dialektik weitergehen, durch Anspruch auf das große Ganze von sich aus bereits so totalitär, wie es nur die Philosophie sein kann, und insofern der Sowjet­ideologie eigentlich verwandter als Engels. Muss man diesen Zug zum Absoluten verwerfen? Vielleicht erkennt die Geschichte noch einmal, dass weder Komplexität noch Vereinfachung Zwecke an sich selbst sind, so wenig wie Mitteilbarkeit oder Totalitätsanspruch jede Reflexion ausschließen.

Dass manche Anschauungen triftiger sind als andere, erarbeitete sich Engels, zeitlebens ein abiturloser Autodidakt, selbst. Er lernte zahlreiche Fremdsprachen und erschloss sich, nicht ohne zu dilettieren,­weite Teile der Geisteswelt, wozu auch die Kriegswissenschaft zählte, die ihm während seiner revolutionären Lehrzeit 1849 in Süddeutschland so vollständig in Fleisch und Blut überging, dass er den Verlauf des deutsch-französischen Kriegs 1870/1871 bis auf den Ausgang einzelner Schlachten voraussah. Marx nannte ihn in Briefen gerne »den General«. Ein solcher war er auch in intellektueller Hinsicht: Nach dem Tod seines Freundes machte er sich generalstabsmäßig daran, die hinterlassenen Fragmente und Exzerpte zu dem zusammenzusetzen, was man heutzutage als den zweiten und dritten Band des »Kapitals« kennt. Auch das wird manchmal vergessen: Friedrich Engels ist ebenfalls Autor dieses Werks.

So richtig wirkmächtig wurde die marxistische Idee erst, nachdem auch Engels 1895, zwölf Jahre nach Marx, gestorben war. Sebastian Haffner verglich ihn deshalb mit Luther: Wie dieser sei er ein Visionär gewesen, dessen eigentliche Zeit erst noch kommen sollte, ein verfrühter Hellseher, der die kommende Veränderung der Welt erkannt, aber falsch datiert hatte. So etwa den Untergang des österreichischen Imperiums an der Balkan-Frage, den Engels der Sache nach präzise voraussah, wenn er sich auch um einige Jahrzehnte verschätzte.

Erst kurz vor seinem Tod erhielt Engels einen Vorschein darauf, wie sich die Übereinstimmung von ­Lebenszeit und Weltzeit anfühlt, als ihm eine bereits erstarkte Arbeiterbewegung auf Massenveranstaltungen die verdiente Ehre erwies. Allerdings war da die Sache mit der Revolution auch schon fast wieder gelaufen und die Sozialdemokratie auf dem Weg, zur Herrschaftsrequisite zu werden – auch das hatte der Staatskritiker Engels sich abzeichnen sehen. Bis heute hält sich trotzdem das Gerücht, er habe in späten Jahren vom Umsturz der Verhältnisse Abstand genommen. Dabei hat er lediglich vor den subversiven Möglichkeiten der Demokratie nicht die Augen verschlossen: »Das allgemeine Stimmrecht ist der Gradmesser der Reife der Arbeiterklasse. Mehr kann und wird es nie sein im heutigen Staat; aber das genügt auch. An dem Tage, wo das Thermometer des allgemeinen Stimmrechts den Siedepunkt bei den Arbeitern anzeigt, wissen sie sowohl wie die Kapitalisten, woran sie sind.« Ist das Reformismus? Das Thermometer macht jedenfalls nicht das Wetter.