In der deutschen Pandemiepolitik zeigen sich erste Lernfortschritte

Wer arbeitet, soll nicht essen

Was kümmert mich der Dax Von

Die bürger­liche Politik gilt als schwer­fällig und langsam, insbesondere wenn es darum geht, Irrtümer zu korrigieren. Manchmal kann es aber auch sehr schnell gehen. »Scheeres hält an Öffnungsplänen für die Schulen fest«, meldete der Newsletter des Tagesspiegel am Freitag voriger Woche um 16.15 Uhr über die Pläne der Berliner Bildungssenatorin. Um 17.09 Uhr aber hieß es: »Doch kein Schulstart in Berlin am kommenden Montag«, damit habe der Senat »auf die heftige Kritik« reagiert. Das ist ein Sieg der Vernunft und überdies ein Beweis dafür, dass Proteste sich lohnen, manchmal jedenfalls. Dass man sich in der Schule nicht anstecken könne, behaupten die deutschen Bildungsministerien nun nicht mehr. Man hätte es bereits im Sommer besser wissen können, aber nach einem monatelangen Trommelfeuer der Fakten schrieb sogar Spiegel Online Ende Dezember über »das Märchen vom Pandemieparadies«, dem zufolge Schulen »angeblich keine Treiber der Pandemie« sind.

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Für eine erfolgreiche Pandemiebekämpfung müsste allerdings noch der zweite Bereich millionenfacher täg­licher Nahkontakte mehr Beachtung finden: die Lohnarbeit. »Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber werden dringend gebeten, großzügige Home­office-Möglichkeiten zu schaffen«, dekretierten Bundesregierung und ­Landesregierungen am 5. Januar. Doch sind ungeachtet allen Flehens derzeit schätzungsweise nur halb so viele Beschäftigte im Homeoffice wie im Frühjahr. Statt daran etwas zu ändern, schließt man nun die Betriebskantinen. Wer arbeitet, muss ja nicht auch noch essen, und falls doch, soll er oder sie sich mit »mitnahmefähigen Speisen und Getränken« begnügen. Nachdem bereits so gut wie alle geselligen privaten Freizeitaktivitäten zugunsten der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Produktion untersagt wurden, wird das nun auf die Betriebskantinen ausgedehnt. Doch es regt sich Unmut, und anders als im Fall der Schulöffnung reagieren die etablierten Medien geradezu rasant.

»Macht endlich auch die Büros zu!« ließ der Tagesspiegel am 5. Januar noch eine Gastautorin, die Berliner Grünen-Politikerin Laura Sophie Dornheim, schreiben. Doch dann ging es Schlag auf Schlag, sogar gestandene Redakteurinnen und Redakteure leisteten sich Zweifel an der Unantastbarkeit der sogenannten unternehmerischen Freiheit; am 9. Januar forderte Maja Brankovic in der FAZ: »Bleibt endlich im Homeoffice!« Ob dies Konsequenzen haben wird, ist zwar noch unklar, dennoch ist es in diesen düsteren Zeiten eine ermutigende Nachricht, dass unter dem Druck der Realität sogar unternehmerisches Handeln kritisiert werden kann.