Philipp L., Autor von »Ich bin doch nicht lahm«, warnt vor dem Coming-out

Lauwarme Langweiler müsst ihr sein

Besuch bei Philipp L., Autor von »Ich bin doch nicht lahm«.
Die preisgekrönte Reportage Von

»Ich hab das Kapitelende kommen sehen, rechts angetäuscht, dann über die linke Seite rein, und im Endeffekt war da schon der Absatz im Kasten.« Der ehemalige Nationalspieler Philipp L. ascht seine Zigarette elegant am Milchkännchen ab, lässt den Mund kurz offenstehen, dann antwortet er weiter: »Ich sag’ mal, wenn du dich im Profibereich bewegst, ist so ein Buch in einer Halbzeit zu schaffen. Vorausgesetzt, du hast zehn Ghostwriter, auf die du dich verlassen kannst.«

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Um den ehemaligen Liebling der Nation war es zuletzt still geblieben. Nun rückt L. mit einem Buch heraus, dass das Zeug hat, das Bild von einem komplett durchschnittlichen Karrieristen mit öden Ansichten nachhaltig zu festigen. In »Ich bin doch nicht lahm« kommt L. erstmals selbst zu Wort, beziehungsweise die 22 PR-Manager, Sponsorship Assistants und Customer Journey Analysts, die vertragsgemäß jedes Wort in L.s Mund zweimal umdrehen.

»Fußball ist ein Mannschaftssport«, heißt es da, »der mit dem Fuß gespielt wird. Ein Spiel hat 90 Minuten, außer es gibt Verlängerung. Es geht auch viel um Fairplay und dass die Gewinne streng nach Aktionärsrecht aufgeteilt werden. Im Streitfall kann ein Mediator angerufen werden, ansonsten wird abgepfiffen.« Worte, die derzeit in der Debatte über den Profifußball fehlen wie ein Kühlschrank im Marianengraben. »Ich bin doch nicht lahm« ist das richtige Buch für eine Zeit, die von Gereiztheit und Dünnhäutigkeit gekennzeichnet ist. »Es ist die dicke Schicht Milchhaut auf dem Kakao einer zunehmend aufgeheizten Gesellschaft«, schreibt Omar Mangold in der Zeit.

Auch sogenannte heiße Eisen kommen darin vor, zum Beispiel Homosexualität. L. stellt klar: Für ihn ist das nichts. Aber er will auch nicht so rüberkommen wie die 800 Profifußballer, die gerade in einer großen Aktion auf Homophobie aufmerksam gemacht haben (ohne L.). In seinem Buch formuliert er das so: »Ich habe mir sehr viele Gedanken dazu gemacht. Ich kann niemandem raten, sich zu outen. Nicht wegen dem Hass. Sondern wegen so lauwarmen Langeweilern wie mir, die durch ihre Unentschlossenheit, Mutlosigkeit und Gleichgültigkeit dafür sorgen, dass alles so furchtbar bleibt, wie es ist.« Wenn L. nach diesem Buch nicht Bundespräsident wird, ist diesem Land nicht mehr zu helfen.

 

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.