Rutu Modans satirischer Comic »Tunnel«

Love und Peace im Tunnel

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Das westliche Publikum erwarte von israelischen Comics, dass sie die Konflikte im Nahen Osten erklärten und aufzeigten, wer gut und wer böse ist, sagte Rutu Modan vor einiger Zeit in einem Interview. Diese Erwartung will die 1966 in Tel Aviv geborene Zeichnerin auch mit ihrer dritten Graphic Novel »Tunnel« nicht erfüllen. Ihr Comic ist eine rasante Satire, in der alle Protagonisten voller Widersprüche sind.

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Die israelische Archäologin Nili begibt sich auf die Suche nach der Bundeslade, in der angeblich die Tafeln der Zehn Gebote aufbewahrt sind. Leider liegt sie auf der anderen Seite der Grenzmauer begraben, weswegen Nili mit Hilfe orthodoxer Siedler und des Antiquitätensammlers Abuloff einen illegalen Tunnel in Richtung Westjordanland graben muss. Unterdessen bauen zwei Palästinenser in entgegengesetzter Richtung ihren unterirdischen Gang. Als sich die beiden Teams unter Tage begegnen, müssen sie sich irgendwie arrangieren. Es gelingt, die Palästinenser Mahdi und Zuzu für die archäologische Mission zu gewinnen. Einzig die IDF, die kurzfristig von Nili als Wachmannschaft für den Tunneleingang angeworben werden kann, darf von dieser Kooperation nichts erfahren, ebenso wie niemand etwas von der grenzüberschreitenden homosexuellen Liebe zwischen Nilis Bruder und Mahdi mitbekommen darf, die sich aus dem Zusammentreffen entspinnt.

Die Erwartungen aller Protagonisten an das Projekt sind unterschiedlich, mit offenen Karten aber spielt niemand. Trotzdem ist der gemein­same Tunnel auch ein utopischer Raum, in dem möglich wird, was oberirdisch ausgeschlossen wäre. Doch auch unterirdisch haben die Hoffnungen keine Zukunft, durch eine Unachtsamkeit fliegt alles in die Luft. Denn beim Tunnel befindet sich auch ein großer Bunker voller Dynamit. Utopische Träume und westliche Erwartungen werden am Ende enttäuscht.

Rutu Modan: Tunnel. Aus dem Hebräischen von ­Markus Lemke. Carlsen-Verlag, Hamburg 2020, 280 Seiten, 28 Euro