Debatte um die Gründerin der queerfeministischen Buchhandlung »She said« in Berlin

Dramolett im Buchladen

Für die identitätspolitische Aufladung der Debatte über den queerfeministischen Berliner Buchladen »She said« hat die Buchhändlerin Emilia von Senger selbst die Steilvorlage geliefert.

Als Moshtari Hilal und Sinthujan Varatharajah Mitte Februar ihr knapp zweistündiges Videogespräch bei Instagram begannen, waren die Wellen, die das Gespräch bis heute schlagen sollte, noch nicht abzusehen. Hilal, die als Künstlerin in Berlin und Hamburg lebt, und der sich als geschlechtlich nonbinär identifizierende Künstler und Geograph Varatharajah, dessen Arbeit »Wie man eine Arche bewegt« bei der 11. Berlin-Biennale zu sehen war, sprachen unter der Überschrift »Nazierbe« über die Aufarbeitung des Nationalsozialismus.

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Mit ihrer Begriffsschöpfung »Menschen mit Nazihintergrund« schlagen sie eine neue Perspektive vor: Nicht mehr nur migrantische Menschen sollten über ihre Herkunft Auskunft geben müssen, sondern die Nachfahren des Tätervolks sich ihrer Verantwortung bewusst werden und »Transparenz« über die eigene Familiengeschichte herstellen. Im Mittelpunkt ihrer – wie sie gleich zu Beginn sagen – auf Wikipedia-Einträgen und Google-Suche basierenden Recherche stehen zwei Frauen, die derzeit im Berliner Kulturleben eine mehr oder weniger prominente Rolle einnehmen – die eine mehr, die andere weniger. Beiden gemeinsam ist, dass ihre Großväter eine Rolle im Nationalsozialismus gespielt hatten. Vor diesem Hintergrund fragen Hilal und Varatharajah nach ihrer individuellen Verantwortung – die Fälle sind jedoch recht unterschiedlich gelagert.

Der vielfach auf bloßen Behauptungen und Halbwahrheiten beruhende moralische Vorwurf gegen eine Buchhändlerin, die von einigen Zeitungsberichten abgesehen keine Person des öffentlichen Lebens ist, erstaunt – allerdings nur zunächst.

Da ist zum einen Julia Stoschek. Die Kunstsammlerin hat eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen zeitbasierter Kunst aufgebaut. Die Julia Stoschek Collection unterhält neben dem Privatmuseum in Düsseldorf eine Dependance in Berlin. Ihre Sammlertätigkeit finanziert Stoschek aus den Mitteln des Unternehmens ihrer Familie. Der Automobilzulieferer Brose, mit über sechs Milliarden Euro Jahresumsatz einer der großen Zulieferbetriebe in Deutschland, wird seit Jahren für seinen fragwürdigen Umgang mit der NS-Vergangenheit kritisiert. Der Firmengründer Max Brose, Julia Stoscheks Großvater, war seit 1933 ­Mitglied der NSDAP, beschäftigte Zwangsarbeiter und profitierte von der kriegsorientierten Wirtschaftspolitik des Nationalsozialismus. Wie so viele wurde er nach dem Krieg im Eilverfahren ­rehabilitiert und konnte seine unternehmerische Tätigkeit nahtlos fortsetzen.

Hilal und Varatharajah fragen vor allem nach der Verantwortung von Julia Stoschek, zum einen in Hinblick auf die mit ihr assoziierte Sammlung und die Kooperation mit Künstlerinnen und Künstlern, zum anderen aber auch ganz unmittelbar als Gesellschafterin des Unternehmens. Zumal ihr Vater, Michael Stoschek, noch 2015 – gegen Einwände etwa des Zentralrats der Juden und den anfänglichen Widerstand des Coburger Stadtrats – Max Brose durch die Widmung einer Straße am Firmensitz ehren ließ. Nicht nur setzte er die Stadt Coburg unter Druck, indem er Vereinen und sozialen Einrichtungen Spenden entzog, sondern er verteidigte seinen Großvater auch mit den Worten: »Ich hätte ­genauso gehandelt.« 

Anders gelagert ist der Fall Emilia von Sengers: Die Gründerin der queerfeministischen Buchhandlung »She said«, die Ende 2020 in Berlin eröffnete, war zuvor als Buchhändlerin und Lehrerin tätig. Die Eröffnung von »She said« löste, ungewöhnlich für einen Buchladen, ein überregionales Medienecho aus. Interviews und Artikel – unter anderem in der Vogue, der Taz und der Zeit – stellten die Gründung der Buchhandlung als autobiographische wie politische Notwendigkeit dar: »Ich selbst habe lange hauptsächlich Bücher von alten weißen Männern gelesen. Erst mit Mitte Zwanzig habe ich diese Schieflage bemerkt und mir selbst eine Quote auferlegt.« Folglich sollen bei »She said« ausschließlich Bücher von weiblichen und queeren Autoren präsentiert werden. Sengers Selbstvermarktung – deren Konzept vom Erweckungserlebnis während einer Krankheit über die Kuratierung der eigenen Leseerfahrung bis zum aufwendig gestalteten Laden mit eigenem Barista-Team reicht – wird bei Instagram auf die Spitze ­getrieben. So zeigt »She said« nicht zuletzt, dass Queerfeminismus längst ein Marketingkonzept geworden ist.

Doch was hat das mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus zu tun? Anders als bei Julia Stoschek, die auf das Milliardenvermögen einer global agierenden Unternehmensgruppe zurückgreifen kann, handelt es sich bei »She said« um ein Kleinunternehmen (obgleich sicherlich nicht mehr in den Dimensionen ­einer Kiezbuchhandlung). Auch die Verstrickung ihrer Vorfahren in den Nationalsozialismus hat einen anderen Maßstab: Ihr Urgroßvater Fridolin von Senger und Etter­lin war General der Wehrmacht und am Krieg ­gegen Polen beteiligt; der Großvater Ferdinand von Senger und Etterlin war ebenfalls Wehrmachtsoffizier, kämpfte in Stalingrad und stieg in der Nachkriegszeit bis zum Nato-Oberbefehlshaber in Mitteleuropa auf.

An den Personen Stoschek und Senger entfalten Hilal und Varatharajah ihre Kritik an der »deutschen Elite«. Sie sprechen Fragen an, die zweifelsohne wichtig sind: die lediglich rudimentäre Entnazifizierung nach dem Krieg, die systematische Verschleppung von Reparationszahlungen, die zaghafte Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Die Kritik an Stoschek, die zuletzt Jan Böhmermann geäußert hat, tragen sie (nicht als Erste) als Konflikt in die Kunstszene – also dorthin, wo man immer wieder mit Stoschek in Berührung kommt.

So notwendig diese Auseinandersetzung ist, so fragwürdig erscheint die »Beweisführung« im Fall Emilia von Sengers. Im Stil eines outcalling reihen Hilal und Varatharajah Indizien auf unsicherer Faktenbasis an­einander: Ein Interviewschnipsel, in dem von Senger eine Erbschaft als (Teil-)Finanzierung ihres Unternehmens anführt, und Wikipedia-Artikel über die Wehrmachtsgeschichte des Groß- und Urgroßvaters reichen den beiden aus, um von »Täterkontinuität« – ein Begriff, der in dem Video immer wieder auch auf Nachfahren ausgeweitet wird – und »NS-Kontinuität« zu sprechen.

Schon zu Beginn möchte Varatharajah den »diskursiven Zwang der Unschuldsvermutung« umkehren, Schuld und Verantwortung geraten in der Folge immer wieder durcheinander. So wird von Senger vorgeworfen, ihr »eigentliches Privileg, das sie in ein Kontinuum mit dem NS-Regime stellt« (Hilal), nicht transparent zu machen. Immer wieder ist beschwörend von einer »Kontinuität des Kapitals« und »deutsch-mafiösen Abgründen« die Rede, da man »sehr klar davon ausgehen kann, dass sie profitiert hat« – und zwar vom NS-Regime. Über ein Buch, das von Sengers Großmutter in den siebziger Jahren verfasst hatte, wird spekuliert, dass diese darin die Geschichte »wahrscheinlich revisionistisch so biegt und wendet, wie es ihr gerade passt«. Um ein »Nazierbe« konstruieren zu können, wird die Wehrmachtszugehörigkeit der Vorfahren bei der einen dem Vermögensaufbau aus Zwangsarbeit und dem Profitieren von »Arisierungen« bei der anderen implizit gleichgesetzt.

Der vielfach auf bloßen Behauptungen und Halbwahrheiten beruhende moralische Vorwurf gegen eine Buchhändlerin, die von einigen Zeitungsberichten abgesehen keine Person des öffentlichen Lebens ist, erstaunt – allerdings nur zunächst. Die Legitimation dafür wird ganz offen aus dem moralischen Selbstanspruch des Buchladens abgeleitet, der – feministisch und intersektional – als political allyship angesehen wird und zu dem eine »unaufgearbeitete Familiengeschichte« eben nicht passe (»Da hört Feminismus auf«). Der offensichtliche Widerspruch, dass Hilal und Varatharajah ihre investigative Rechercheergebnisse leicht auffindbaren Wikipedia-Seiten verdanken (wie viel mehr Transparenz wäre denkbar?), wird von Senger allerdings nicht als entlastend angerechnet.

Von Sengers hypermoralischer Anspruch, mit dem sie noch die eigene Unternehmensgründung als politischen Aktivismus ausgibt, dessen ökonomische Implikationen (auch ohne Erbe) aber nicht sichtbar werden dürfen, lieferte hier selbst die Steilvorlage und provozierte nachgerade die Behandlung, die ihr im Gespräch widerfuhr. Weil von Senger selbst für ihren Buchladen das »utopische Ziel« des safe space proklamierte, wird sie letztlich nur beim Wort genommen, wenn Varatharajah fragt, wie sich eine polnische oder eine jüdische Person dort fühlen würde.

Wie effektiv das outcalling durch die Bezeichnung des Erbes als ­»Nazierbe« funktioniert, zeigen Kommentare unter dem Video, die sich ohne jede Distanz für die geleistete Aufklärung bedanken und versichern, den »Naziladen« zukünftig zu meiden. Diese Kommentare ­mögen eine Minderheit repräsentieren; auf den Vorwurf, Fehlinformationen zu verbreiten, was im Fall von Senger, so könnte man sagen, einem Rufmord gefährlich nahekommt, reagieren Hilal und Varatharajah aber mit Unverständnis. Kritik weisen sie mit postmoderner Begriffsverwirrung zurück: Der Begriff »Nazierbe« sei selbstverständlich umfassend im Sinne eines kulturellen, sozialen und ökonomischen Komplexes zu verstehen.

So zweifelhaft die Methoden auch sein mögen, das kulturlinke outcalling verläuft nach dem immergleichen Muster und kann seine Wirksamkeit letztlich nur innerhalb linker Kontexte und im Internet entfalten. Wie in einem Dramolett reagierte von Senger bei Instagram mit einem Schuldeingeständnis: »Einen queerfeministischen Buchladen zu eröffnen und gleichzeitig nicht über seine Nazi-Familiengeschichte zu sprechen, geht nicht.« Beiläufig, als hätte es mit dem Sachverhalt gar nichts zu tun, erklärte sie darin auch, dass die erwähnte Erbschaft von der Seite ihrer Mutter stamme – um die Stimmigkeit der Vorwürfe geht es aber natürlich gar nicht.

Für ihr »mutiges« Statement lobten sie schließlich auch Hilal und Varatharajah, die sowieso gar nichts anderes im Sinn hatten, als die permanent beschworene »Transparenz« zu exekutieren. Eine Forderung, mit der sich schließlich auch von Senger anfreunden kann. Im Magazin Beige begründete sie die höheren Preise im Café des Buchladens so: »Bei uns kostet die Zimtschnecke vielleicht zehn Cent mehr als beim Bäcker ­gegenüber, dafür zahlen wir den Leuten faire Löhne. Ich finde es gut, wenn wir das transparent machen können.«