Small Talk: eine Gedenkveranstaltung für Sarah ­Halimi

»Kein ausreichender Schutz«

Am 8. Mai haben jüdische und nichtjüdische Aktivistinnen und Aktivisten eine Gedenkkundgebung für Sarah Halimi vor der französischen Botschaft in Berlin veranstaltet. Der damals 27jährige Islamist Kobili T. hatte die pensionierte jüdische Ärztin, die seine Nachbarin war, am 4. April 2017 schwer misshandelt und unter »Allahu akbar«-Rufen vom Balkon ihrer im dritten Stock gelegenen Pariser Wohnung geworfen. Der französische Kassationsgerichtshof bestätigte Mitte April die Entscheidung der Justiz, T. nicht wegen vorsätzlicher Tötung anzuklagen, da er schuldunfähig sei. Er soll während Tat unter Drogeneinfluss gestanden haben, derzeit befindet er sich in psychiatrischem Gewahrsam. Das Urteil rief große Empörung hervor. Die Jungle Word hat mit Jonathan Guggenberger gesprochen, der die Gedenkveranstaltung mitorganisiert hat.

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Warum haben Sie zu einer Gedenkkundgebung für Sarah ­Halimi aufgerufen?
Wir sind erschüttert darüber, dass das Urteil des Kassationsgerichtshofs das antisemitische Tatmotiv ignoriert und den mutmaßlichen Mörder für seine barbarische Tat nicht bestraft. Dass diese antisemitische Straftat nicht geahndet wird, führt uns als in der Diaspora lebenden Jüdinnen und Juden sowie unseren Verbündeten vor Augen, dass es außerhalb Israels keinen ausreichenden Schutz für jüdisches ­Leben gibt.

Wer hat die Veranstaltung unterstützt?
Wir sind sehr dankbar, dass die Organisatorinnen und Organisatoren der Proteste in Paris auf uns zugekommen sind und uns mit Zuspruch und solidarischen Grußworten unterstützt haben. Außerdem haben sich Sigmount A. Königsberg von der Jüdischen Gemeinde Berlin, Elio Adler vom Verein »Werteinitiative – jüdisch-deutsche Positionen« und Pery Smadar vom »Freundeskreis Israel« für uns eingesetzt. Der Aufruf wurde von vielen politisch engagierten Menschen und Institutionen geteilt.

Gab es in anderen Ländern Gedenkveranstaltungen?
Es gab vor allem am 25. April internationale Proteste in Tel Aviv, Los Angeles, Miami, London und Marseille, aber auch kleinere Kund­gebungen wie in New York. Die größte Veranstaltung mit etwa 20 00 Teilnehmerinnen und Teilnehmern fand am selben Tag in Paris statt.

In der Jüdischen Allgemeinen hieß es, dass es sich bei Ihrer ­Veranstaltung um die erste und bisher einzige Gedenkveranstaltung in Deutschland handele. 
Ein paar Aktivistinnen und Aktivisten hatten auch vor dem französischen Generalkonsulat in Frankfurt am Main Blumen nieder­gelegt und Kerzen angezündet. Weitere Kundgebungen und Proteste blieben bisher in Deutschland leider aus.

Wie lässt sich erklären, dass es zwar in der letzten Zeit in verschiedenen Ländern Massenkundgebungen gegen Rassismus gab, ein mutmaßlich antisemitischer Mord, der juristisch nicht geahndet wurde, aber weitgehend ignoriert wird?
Weil Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, gegen das leider auch linke und antirassistische Personen nicht gefeit sind. Die gegenwärtige antirassistische Sensibilisierung verkennt oftmals den eigenen israelbezogenen Antisemitismus oder erklärt Antisemitismus zu einer Unterkategorie von Rassismus, statt ihn als eigenständige Ideologie anzuerkennen. Das haben nicht zuletzt die Rufe nach einer »Intifada« auf der »revolutionären« 1. ai-Demonstration in Berlin gezeigt. Wenn Täter- und Opferkategorien nicht in das herkömmliche Schema passen, wird geschwiegen.

Gab es in Deutschland ähnliche Gerichtsentscheidungen bezüglich antisemitischer Straftaten?
Im Oktober 2020 wurde ein Jude vor der Hamburger Synagoge mit einer Schaufel angegriffen und schwer verletzt. Auch hier wurde vor Gericht das antisemitische Motiv des als schuldunfähig eingestuften Täters bagatellisiert.