Zum Tod des griechischen kommunistischen Komponisten Mikis Theodorakis

Als Kommunist die Welt verlassen

Der griechische Komponist, Schriftsteller und ehemalige Partisan Mikis Theodorakis ist gestorben.

Michail »Mikis« Theodorakis’ Tod trifft viele Griechinnen und Griechen wie der Verlust eines Mitglieds der eigenen Familie. Der Komponist, ein Idol der Linken, verstarb am 2. September nach langer Krankheit im Alter von 96 Jahren in Athen und wurde am Donnerstag voriger Woche beigesetzt.Zuvor hatte er einen letzten, imposanten Schlussakkord gesetzt: In einem Schreiben an den Generalsekretär der Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE), Dimitris Koutsoumbas, bezeichnete er einige umstrittene Ereignisse in seinem Leben als Fehler. Es war eine späte Entschuldigung eines großen Komponisten, Politikers, Partisanen, Aktivisten und Schriftstellers. Der stalinistischen KKE, die ihm angesichts seines Gesamtwerks sämtliche Eskapaden verzieh, übertrug Theodorakis die Vollstreckung seines Letzten Willens. Dazu gehörte auch die von Teilen seiner Familie abgelehnte Beerdigung im Heimatdorf seines Vaters, Galatas bei Chania auf Kreta.

Dass er 2018 auf einer nationalistischen Demonstration unter anderem vor Nazis sprach, brachte Theodorakis berechtigte Kritik ein.

Die Treue zur KKE sah er offenbar nicht als Fehler. »Jetzt am Ende meines Lebens, zum Zeitpunkt der Abrechnungen, verschwinden die Details aus meinem Kopf und die ›großen Größen‹ bleiben. So sehe ich, dass ich meine kritischsten, stärksten und reifsten Jahre unter dem Banner der KKE verbracht habe. Deshalb möchte ich als Kommunist diese Welt verlassen«, ist der Kernsatz des Schreibens. Darin be­tonte er, dass nicht nur seine »Ideologie, sondern auch mein Kampf für die Einheit der Griechen respektiert werden sollte«.

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Letzterer hatte am 4. Februar 2018 für Streit gesorgt. An diesem Tag war Theo­dorakis bei einer Demonstration gegen die Einigung im Namensstreit mit dem seither Nordmazedonien genannten Nachbarland als Hauptredner aufgetreten, die von der – seit 2019 wieder regierenden – konservativen Partei Nea Dimokratia (ND) gemeinsam mit rechtsextremen Nationalisten organisiert worden war (Die neue Melodie des Mikis Theodorakis). Damals hatten ihm auch Anhänger der nazistischen Partei Chrysi Avgi zugejubelt, die 2020 gerichtlich als kriminelle Vereinigung eingestuft wurde. Zu Beginn des Namensstreits in den Neunzigern hatten auch nahezu alle Linken den damaligen offiziellen Landesnamen »Mazedonien« vehement abgelehnt, aber 2018 hatte die linke Regierung unter Alexis Tsipras in Verhandlungen mit dem Nachbarstaat den Namen »Nordmazedonien« akzeptiert. Dass Theodorakis 2018 vor Nazis sprach, brachte ihm, der seine Autobiographie in Anspielung auf seinen Vornamen Michail »Wege des Erzengels« nennen konnte, ohne öffentliche Empörung auszulösen, berechtigte Kritik ein.

In jungen Jahren hatte Theodorakis bewaffnet gegen Faschisten gekämpft, zunächst als Partisan gegen die deutsche Besatzung, später als kommunistischer Widerstandskämpfer im Griechischen Bürgerkrieg (1946–1949). Er geriet in Gefangenschaft und wurde gefoltert, verbannt und Scheinhinrichtungen unterworfen, doch er unterschrieb niemals das Papier, das ihm seine Peiniger für einen Straferlass vorlegten: die Erklärung seiner Abkehr vom Kommunismus.
Theodorakis war nicht frei von Widersprüchen. Als eine antiautoritäre Gruppe am Abend vor der nationalistischen Demonstration seinen Wohnsitz mit beleidigenden Sprüchen besprühte und dabei den Eingang des dazugehörigen Appartements seines Sohnes auswählte, wurde er offenbar sehr zornig und fabulierte von linken Terroristen und Minderheiten, die das Land regierten und zerstörten.

Theodorakis vertonte den Gedichtzyklus »Canto General« des chilenischen Dichters und Diktaturgegners Pablo Neruda, er zählte Fidel Castro, Che Guevara, Yassir Arafat, aber auch Moshe Dajan zu seinen persönlichen Freunden. Er war 1978 als Vermittler für das Abkommen von Camp David zwischen Israel und Ägypten tätig gewesen, das den Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern im folgenden Jahr vor­bereitete, und schuf mit der Vertonung der Mauthausen-Trilogie des KZ-Über­lebenden Iakovos Kambanellis ein antifaschistisches Meisterwerk; trotz einiger kritikabler Äußerungen war er kein Freund von Nazis. Vorwürfe, er sei antisemitisch, etwa weil er 2003 Juden als »Wurzel des Bösen« bezeichnet hatte, wies er mit Verweis auf sein antifaschistisches Engagement zurück, bezeichnete sich jedoch als Antizionisten. Bis zu seinen letzten wachen Momenten wetterte er aber auch gegen das Engagement künstlerischer und persönlicher Freunde für die antiisraelische BDS-Kampagne.

In Theodorakis’ Musik, Dichtung und Prosa ging es stets um die Verteidigung der Unterdrückten der Welt. Seine Musik trug zum Sturz des faschistischen Obristenregimes in Griechenland 1974 bei. Er vertonte ins Griechische übersetzte Texte von Federico García Lorca, Brendan Behan und Nâzım Hikmet und brachte sie in die griechische Volksmusik ein. So waren deren Verse in Griechenland lange Zeit fast jedem Schulkind bekannt, Maurer zitierten sie auf Baustellen. Eine Revolution ohne Bildung war für Theodorakis unvorstellbar; zugleich vertrat er die Ansicht, die einfache Bevölkerung sei der beste Dichter.

Mit seiner Musik sorgte Theodorakis auch für eine bessere Integration der im Osmanischen Reich zwischen 1914 und 1923 von der kleinasiatischen Halbinsel vertriebenen Griechinnen und Griechen. Sie waren oft arm und wurden marginalisiert, ihre Kultur war den meisten Festlandgriechen unbekannt. Theodorakis brachte die zuvor mit türkischen Namen bezeichneten Instrumente jener Vertriebenen wie die Bouzouki in die griechische Volks- und Kammermusik ein, aber auch in Oratorien und Symphonien. Das größte Geschenk Theodorakis’ an seine Bewunderer war zweifellos, jeder gesellschaftlichen Katastrophe mit Kunst, Musik und einem unbeugsamen Optimismus entgegenzutreten.