Sollte der deutsche Bundestag einen Parlamentspoeten ernennen?

Parlament und Poesie

Der Bundestag solle einen Parlamentspoeten oder eine Parlamentspoetin ernennen, haben Simone Buchholz, Mithu Sanyal und Dmitrij Kapitelman in der »Süddeutschen Zeitung« vorgeschlagen. Ist das so sinnlos, wie es klingt?

Eine wirklich große Idee

Dem Vorschlag dreier Schriftstellerinnen, einen Parlamentspoeten zu ernennen, schlug viel Ablehnung entgegen. Dabei wurde er einfach nur missverstanden.

Von Markus Liske

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Erst 15 Jahre ist es her, dass sich Deutschland anlässlich seiner Gastgeberschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer 2006 zum »Land der Ideen« erklärte und sich von der Werbeagentur Scholz & Friends silberglänzende Monumentalskulpturen entwerfen ließ, um diesen Anspruch zu untermauern: einen Bücherstapel, ein Auto, eine Aspirintablette, Achtel- und Viertelnoten, Einsteins Formel für die Äquivalenz von Masse und Energie sowie Fußballschuhe. Beeindruckend war daran nicht nur die schiere Größe (allein die Schuhe waren 14 Meter lang und wogen 20 Tonnen), sondern auch die vollständig barrierefreie Bildsprache, mit der ein wichtiges Inklusionssignal an weniger ideenreiche Nationen gesandt wurde, also solche ohne Bücher, Autos, Tabletten und so weiter. Heutzutage hingegen haben es Innovationen hierzulande schwer, wie sich gerade wieder in der Debatte über das Amt eines Parlamentspoeten zeigte: Kaum hat mal einer (oder haben in diesem Fall drei) eine ungewöhnliche Idee, überbieten sich die Kommentatoren mit Hohn und Häme.

Es handelt sich nicht um ein demokratieselig-ökoliberales Kuschelmanifest, sondern um eine geradezu situationistisch subversive Kulturaktion.

Dabei hätte es sich gelohnt, kurz über die drei Initiatoren nachzudenken, bevor man die in der Süddeutschen Zeitung in die Welt gesetzte Anregung des Trios als das zerpflückt, was sie nur vordergründig zu sein scheint: ein demokratieselig-ökoliberales Kuschelmanifest für eine Snoozle-Schmusegesellschaft ohne »Risse«, dafür voller »Brücken« überall und so »divers«, als hätte man Christopher Street Day, al-Quds-Tag, Black-Lives-Matter-Demo und »Querdenker«-Fackelmarsch zu einem Spaziergang nationaler Liebe zwangsvereinigt. Bei näherer Betrachtung erweist sich dieses grotesk kitschige essayistische Wimmelbild, das die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal, die Krimiautorin Simone Buchholz und der sprachgewandte Literat Dmitrij Kapitelman da entworfen haben, nämlich schnell als Tarnung für eine mit kriminologischem Sachverstand durchgeplante, geradezu situationistisch subversive Kulturaktion.

Ein Bundestag, der zur Auswahl künftiger Parlamentspoeten »natürlich« eine Kommission ins Leben ruft, die »so divers wie nur irgend möglich« ist, damit »sie unser Land wirklich repräsentiert«? Ein Amt, das »die sinnliche Welt des Fühlens, Sehens, Schmeckens, Metaphernfindens, der Synästhesie in den Bundestag« bringt? Die drei Autoren müssen sich köstlich amüsiert haben, als sie derlei Unsinn ersannen. Aber der Köder soll ja dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Und um so eine kapitale Regenbogenforelle wie Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, die sich von dem Vorschlag sofort begeistert zeigte, an den Haken zu kriegen, muss man ihr schon einen schön schmierigen Brocken neoliberaler Awareness-Lyrik servieren.

Don’t judge a book by it’s cover! Das Amt ist nur der Weg, nicht das Ziel. Denn wen wird die selbstverständlich nach Parteienproporz zusammengestellte Kommission am Ende zweifellos berufen? Doch nicht die Kandidaten von AfD (Uwe Tellkamp), CDU/CSU (Wolf Biermann) oder Linkspartei (Diether Dehm). Sobald die SPD bemerkt, dass Günter Grass nicht mehr zur Verfügung steht, wird es vielmehr an FDP (Daniel Kehlmann) und Grünen (Hengameh Yaghoobifarah) sein, sich auf den einzig logischen Kompromiss zu einigen: Juli Zeh.

Welch ein Festtag für die deutschsprachige Literatur! Man denke nur an all die Bestseller über gute Nazis von nebenan und andere sympathische Querdenker, die uns erspart bleiben, wenn Frau Zeh mal für ein paar Jahre, »parlamentarische Diskurse, politische Debatten und Strömungen in Poesie oder Prosa gießen« muss! Vor allem aber werden die 570 000 Käufer des jüngsten Zeh-Romans dann zwangsläufig zu anderen Büchern greifen müssen, und so wird sich das neue Amt schon bald als literarische Breitenleseförderung durch die Hintertür entpuppen – welch eine geniale Idee! Man sollte Scholz & Friends beauftragen, aus den Konterfeis der drei Initiatoren einen silberglänzenden Mount Rushmore direkt vorm Reichstag zu errichten. Die amtliche Ode zur Einweihung (»The hill we see from all our windows«) darf natürlich Juli Zeh verfassen. So kriegt jeder das, was er braucht, und alle sind glücklich. Hammer.

 

Deutsche Parlamente poetisieren nicht

Staatliche Literaturförderung ist an sich nichts Schlechtes. Aber gerade in Deutschland sollten Literatur und politische Macht Distanz zueinander halten.

Von Jörg Sundermeier

Hungrig müsse der Fußballer sein, das wissen alte Herren am Stammtisch seit Jahrzehnten. Sie glauben, dass gute Bezahlung den Rasenballspieler verderbe. Ausschließlich Zwang, Züchtigung und eine Herkunft aus der Unterschicht führten zum nötigen Biss und versprächen Tore für den Verein. Das ist selbstverständlich Quatsch.

Einige Journalisten und Journalistinnen behaupten alljährlich, dass institutionelle Förderung, also all die Preise und Stipendien, die an Autoren und Autorinnen vergeben werden, deren künstlerisches Können und Wollen untergrabe, und dass eben auch Autoren und Autorinnen hungrig sein sollten, auf das »wahre Leben« gar. Das ist ebenso Quatsch.

Kanada hat eine andere bürgerliche Tradition als Deutschland, also auch ein anderes bürgerliches Kunstverständnis.

Das »wahre Leben« wird ja immer gern herangezogen – und in guter alter Modernefeindschaft den städtischen Stubenhockern abgesprochen. Denn das »wahre Leben« wird, selbst von manchen Künstlern und Künstlerinnen, mit Schweiß und Blut oder zumindest dem des netten, mithin »gebrochenen« Nazis vom Lande verwechselt. Wer denkt, lebt für diese Leute eher nicht.

Dieses »wahre Leben« aus Blut, Schweiß und Dreck lässt sich gut vermarkten. Daher muss die Autobahnpolizei in den meisten Fernsehkrimis, die für Privatsender produziert werden, pro Folge mehr Autos schrotten, als die arme reale deutsche Autobahnpolizei überhaupt besitzt. Dass auch Til Schweigers »Nick Tschiller« für den öffentlich-rechtlichen »Tatort« ständig Schusswechsel erlebt, liegt an Schweigers verquerem Bild von der »rauen Straße«, das mit der von Bedenken restlos freien Quotengeilheit des NDR perfekt korreliert.

Bei Literatur sieht es nicht anders aus. Wer sein Auskommen allein mit künstlerischer Tätigkeit finanzieren will, schreibt besser keine Gedichte und komplexe Essays. Thomas von Aquins Diktum »Schön ist, was gefällt« hat sich seit den achtziger Jahren dank des von bürgerlichen Wertvorstellungen endgültig abgekoppelten Erfolgsfa­natikertums in einen Slogan verwandelt, mit dem die Opfer der Konsumideologie einander die immergleichen Kunstwerke verkaufen.

Daher ist, wenn Kunst sich ausschließlich durch Verkauf finanzieren muss, die Gefahr groß, dass sich ihre Produzenten und Produzentinnen Moden und Gewohnheiten unterwerfen. Deshalb sollte Kunst gefördert werden, um Kunst bleiben zu können. Förderung ist auch vonnöten, damit möglichst viele Menschen ihren Kunstwillen ausleben können – und jene, die weder erben noch reich sind, an ihren Werken nicht ermüdet von der Erwerbsarbeit nach Feierabend arbeiten müssen.

Und es liegt nahe, eine Parlamentspoetin zu fordern, so wie Kanada schon eine hat. Dies taten unlängst Mithu Sanyal, Dmitrij Kapitelman und Simone Buchholz in der Süddeutschen Zeitung. Viel billige Häme wurde über sie ausgeschüttet, auch viel Bedenkenswertes gesagt, etwa zur Staatsferne der Kunst, doch ein Aspekt wurde weitgehend vergessen.

Kanada hat eine andere bürgerliche Tradition als Deutschland, also auch ein anderes bürgerliches Kunstverständnis. Auch in Deutschland ist es üblich, dass der Staat Gelder für Kunst vergibt. Dies tut er mit den oben erwähnten Stipendien und Preisen, in der Pandemie gab es auch – zu gering ausgefallene – Künstlerhilfen, und sogar der Bundestag sammelt Kunst. Bilder, wohlgemerkt. Denn diese führen seltener als Worte zu Verstimmungen. Wer sich erinnern kann, wie die Installation »Der Bevölkerung« von Hans Haake im »dem deutschen Volke« gewidmeten Reichstagsgebäude vom Bundestag 1999/2000 diskutiert wurde, weiß, was gemeint ist.

Sanyal, Kapitelman und Buchholz wünschen sich eine freie Poetin, die dem Parlament poetisch auf die Sprünge hilft. Doch das Parlament weiß eben, dass, wer zahlt, auch die Inhalte bestimmen kann. Und wer wählt die freie Jury aus, die die freie Künstlerin auswählt? Das Bundestagspräsidium? Stets wird bei solchen Dingen auf Gefälligkeit für alle Parteien geachtet. Also sollte das Geld für eine solche Auszeichnung lieber in den Aufbau einer Bundeszentrale für literarische Bildung fließen. Damit wäre eine breitere Streuung des Geldes wahrscheinlicher. Und Juli Zeh oder Daniel Kehlmann müssen ja nicht auch noch das Parlament mit ihrer Kunst bespielen.