Ein Auszug aus ihrem Buch »Futopia. Ideen für eine bessere Fußballwelt«

Gesucht: Konzepte für den anderen, besseren Fußball

Ein Auszug aus dem Buch »Futopia. Ideen für eine bessere Fußballwelt«.

»Die Welt der Utopien ist gestorben«, hat César Luis Menotti, 1978 Trainer des argentinischen Männernationalteams, das die WM gewann, einmal gesagt. »Wir leben in einer Nützlichkeitsgesellschaft, und da ist der Fußball zur Welt der großen Geschäfte verdammt. In der Dritten Welt nimmt man den Menschen das Brot, in den Industrienationen stiehlt man ihnen die Träume.« Ständig wird über einen besseren Fußball debattiert, und doch fehlt es diesen Debatten an Horizont, an Tiefgang. An Utopien. Es gibt kaum echte Konzepte für einen anderen, einen wirtschaftlich, ethisch, systemisch besseren Fußball. Es gibt keine konkreten Utopien, wie überhaupt die Gesellschaft aussehen müsste, die ihn beherbergt. Es zählt nur das, was greifbar ist. Wenn man engagierte Menschen fragt, wie der Fußball ihrer Träume eigentlich aussehen sollte, sind sie oft ratlos. Ganz konkret? Das sei schwer.

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Solidarisch soll dieser andere Fußball sein, nachhaltig, chancengerecht, basisnah. Das ist aber in diesem Wirtschaftssystem nicht umsetzbar, jedenfalls nicht im Profibetrieb. Wie also ein wirtschaftliches System aussehen müsste, das einen anderen Fußball produziert, an welchen Hebeln man praktisch ansetzen müsste, und was am Ende stehen soll – darüber gibt es keine Diskussion, sogar privat kaum. Stattdessen hoffen viele darauf, ein paar TV-Gelder an der Spitze der Männer umzuverteilen. Und übersehen, dass ohne die großen Veränderungen auch die kleinen oft nicht möglich sind. Ohne Utopie hat der Zweifel keine Heimat. Ohne alternative Ideen, ohne ein Wohin, wiederholt man unweigerlich die Fehler des Alten.

Was wäre, wenn jemand vorschlagen würde, das aktuelle System einzuführen? Lasst uns einen Fußball einführen, bei dem der Meister schon am ersten Spieltag feststeht und einige wenige Clubs uneinholbar enteilt sind.

Es wird Zeit, konkrete Fragen zu stellen. Populäre Forderungen wie Gehaltsobergrenzen, Umverteilung oder Quoten sind in vielen Ligen schon lange umgesetzt. Aber in der Debatte werden kaum je wissenschaftliche Ergebnisse berücksichtigt: Was bringen diese Systeme eigentlich? Wirken sie überhaupt, und wenn ja, in welchem Kontext und auf was? Was sagen Studien? Zugleich gibt es weltweit und quer durch die Sportarten Systeme, die besser wirken, aber kaum bekannt sind. Und der Fußball könnte viel davon lernen, wenn er nicht so arrogant wäre, sich selbst für das Nonplusultra zu halten.

Das Player Points System im australischen Rugby der Frauen begrenzt nicht Gehälter, sondern die Qualität des Kaders – niemand darf sich ein Star-Team zusammenstellen. Im Männerfußball von Malawi teilen Heim- und Auswärtsteam die Ticketeinnahmen gleich. Bei Vorgabeturnieren im Tischtennis können alle gemeinsam spielen, denn die Schwächeren erhalten einen Vorsprung. Im schwedischen Golf werden Mächtige über Sexismus gebildet und beim demokratischen Football3, der zuerst in Kolumbien gespielt wurde, machen die Spielerinnen und Spieler ihre Fußballregeln selbst. Dieses Buch stellt weltweite Ideen vor und entwickelt eigene. Und analysiert sie mit ihren Stärken und Schwächen. Man kann innerhalb des kapitalistischen Systems vieles besser machen. Irgendwann aber stoßen diese Zähmungen an Grenzen. Für einen wahrhaft besseren Fußball braucht es ein wahrhaft besseres System. Dieses Buch macht sich daran, auch das zu entwerfen.

Es ist angesichts der ökonomischen und ökologischen Katastrophe überfällig, dass wir anfangen, Utopien konkret zu diskutieren, so konkret wie die nächste Steuerreform. Gewalt kann bei der Durchsetzung durchaus Teil dieser Lösung sein. Keine Bauernrevolte, kein Sklavenaufstand, kaum eine demokratische Revolution verlief gewaltlos. In der bürgerlichen Mitte ist das bloß immer nur in sicherer Rückschau akzeptabel, wie bei der Französischen Revolution im Schulbuch. Man kann schon sehr nachdrücklich deutlich machen, dass man eine Situation nicht länger hinnimmt. Für eine erfolgreiche Transformation aber fehlt eines: die ganz konkrete Idee für ein anderes System, das am Ende stehen könnte. Ein System mit einem ganz plakativen Namen und mit der Aussicht, dass es eine lohnende Alternative gibt.

Die antirassistischen oder ökologischen Bewegungen haben das vorgemacht; sie bieten klare Visionen, erreichbare Zwischenschritte. Natürlich sind sie in dieser Welt auch leichter umzusetzen. Sie gehen oft mit dem Fluss des Geldes, nicht dagegen. Aber sie rütteln durchaus an Machtverhältnissen, rufen große Widerstände hervor – und sind auf dem Weg, ihre Ideen zu bürgerlichem Allgemeingut werden zu lassen. Mit einer hartnäckigen Kombination aus Artikeln und Aktivismus, Demons­trationen, Debatten und Hashtags. Wer wirtschaftlich etwas verändern will, muss an die Ideologie heran, ans Gefühl, an die Köpfe mehr als auf die Straße. Warum gibt es einen Shitstorm für jemanden, der das N-Wort benutzt, aber nicht für jemanden, der einem Menschen die Lebensgrundlage raubt? Ökonomische Gewalt ändert sich erst, wenn sie echte Empörung, echte Verachtung auslöst.

Das ist möglich. Der Fußball wird keine Orchidee im tosenden Meer sein, er kann nicht viel besser sein als seine Umgebung. Um wirklich etwas zu erreichen, braucht er endlich einen Schulterschluss mit anderen Bewegungen. Wer einen Fußball möchte, der nicht von Geld und Investoren regiert wird, kann nicht in einer Welt leben, die von Geld und Investoren regiert wird. Warum vernetzen wir uns nicht jenseits der Fußball-Blase? Das ist nötig, um wirklich etwas zu verändern.

Es braucht viel mehr Mut zu kreativen, subversiven Ideen. Es braucht das Bewusstsein für Fehler und Gefahren, aber auch die Selbstverständlichkeit, sich hinzustellen und zu sagen: Ja, so kann es gehen. Denn Fehler und Gefahren gibt es überall. Und die meisten Fehler werden schon begangen. Was wäre, wenn jemand vorschlagen würde, das aktuelle System einzuführen? Lasst uns einen Fußball einführen, bei dem der Meister schon am ersten Spieltag feststeht und einige wenige Clubs uneinholbar enteilt sind. Lasst uns einen Fußball einführen, bei dem Männer tausendfach so viel verdienen wie Frauen und Spieler in Europa tausendfach so viel wie alle anderen. Lasst uns einen Fußball einführen, der Millionen in Privatbesitz verteilt, während andere nichts haben, der undemokratisch ist und seine Fans verachtet, Menschen schon im Kindesalter versklavt, von wenigen Superreichen diktiert wird, von konservativen alten Männern beherrscht wird und immer nur gleich gespielt werden darf. Lasst uns einen Fußball schaffen, der den Planeten, die Ressourcen und damit sich selbst zerstört und sich doch für unersetzlich hält, der gegeneinander spielt statt miteinander und nur ein Ziel kennt, die Anhäufung von Gütern. Wer würde diese Idee gut finden? Wer würde für die Einführung votieren?

Ein Vertreter eines fangeführten Clubs hat mir einmal gesagt: »Ich habe das starke Gefühl, dass wir recht haben und sie etwas Falsches tun.« Wir müssen aufhören, sehenden Auges das Falsche zu tun. Und das ist möglich. Und wenn Menschen nach der Lektüre dieses Buchs gefragt werden, wie der Fußball ihrer Träume aussieht, sollen sie ihn vor dem inneren Auge sehen und sagen: genau so. Oder ganz anders. Differenziertheit und Widerstand kommen nicht so oft zusammen, aber probieren wir das doch einfach mal. Denn alles wird anders, sowieso. Die Frage ist nur, auf welche Weise anders. Und die Möglichkeiten sind unendlich.

Alina Schwermer: Futopia. Ideen für eine bessere Fußballwelt. Verlag Die Werkstatt, Reinbek 2022, 448 Seiten, 26 Euro