Lilian Thurams Buch »Das weiße Denken« ist nun auch auf Deutsch erschienen

Black, blanc, beur, sie waren nie alle gleich

Das Buch »Das weiße Denken« des ehemaligen französischen Fußballnationalspielers Lilian Thuram ist eine rassismuskritische Anklage, die sich direkt an die weiße französische Mehrheitsgesellschaft richtet. Nun ist es auch auf Deutsch erschienen.

Um es gleich vorab zu sagen: Dieses Buch handelt nicht von Fußball. ­Jedenfalls nicht im engeren Sinne. Selbstverständlich gibt es darin ­Passagen, in denen Lilian Thuram aus seiner Zeit als Fußballprofi erzählt. Immerhin war er 14 Jahre lang Mitglied der französischen Nationalmannschaft und auch 1998 dabei, als diese die Fußballweltmeisterschaft der Männer gewann.

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Er erzählt zum Beispiel von seiner Zeit in Italien, als ein Trainer die schwarzen Spieler kritisiert habe, weil sie immer zusammensäßen. Im selben Moment hätten auch die weißen Spieler zusammengesessen, aber die seien nicht kritisiert worden. Als Thuram den Trainer darauf aufmerksam gemacht habe, habe dieser nichts mehr zu sagen gewusst. Thuram erzählt auch von den schwarzen Teamkollegen, die einander unter der Dusche damit zu übertrumpfen versucht hätten, wessen Haut heller sei. Thuram hätten sie dafür verspottet, dass er eine schwarze Freundin hatte. Der implizite Vorwurf: Wenn man es geschafft habe und die große Kohle mache, dann müsse man sich doch eine weiße Frau leisten – und nicht eine mit der Hautfarbe jener, die nichts wert sind. Die Beherrschten hatten die Ideologie der Herrschenden übernommen.

Die Hoffnung, der Kapitalismus werde verschwinden, sobald das »weiße Denken« untergeht, könnte sich als trügerisch erweisen.

Es sind prägnante Anekdoten aus der verschlossenen Welt des Profifußballs, die augenscheinlich so rassistisch funktioniert wie der Rest der Welt. In Thurams Buch »Das weiße Denken« dienen sie aber vor allem als gelegentliche Illustration seiner Argumente. »Das weiße Denken« ist eine rassismuskritische Anklage, die sich direkt an die weiße französische Mehrheitsgesellschaft richtet. Mit wissenschaftlichem Anspruch wertet Thuram Quellen, historische Debatten und Gesetzestexte aus. Das Ergebnis, allgemeinverständlich formuliert, versteht sich selbst aber eher als eine Bildungsschrift, die wie jede gute Anklage für die Gemeinten unbequem und schmerzhaft zu lesen ist. Thuram schreibt: »Es ist schwierig, einem Weißen die Wahrheit zu sagen. Man muss ihn mit Samthandschuhen anfassen, um nicht als radikal oder aggressiv wahrgenommen zu werden.« Er verweist darauf, dass selbst Nelson Mandela oder Martin Luther King Jr. vor ihrer öffentlichen Heiligsprechung als antiweiße Rassisten galten. Der Autor räumt offen ein, er fürchte sich vor dem Zorn der Weißen über dieses Buch. Die Samthandschuhe hat er dennoch ausgezogen.

»Das weiße Denken« betrachtet nicht die Gruppe der Unterdrückten, die sogenannten Schwarzen, sondern die Unterdrücker und Unterdrückerinnen. Thuram, der mittlerweile Ehrendoktorwürden der Universitäten Stirling und Stockholm hält und sich seit Jahrzehnten in der rassismuskritischen Arbeit engagiert, weiß, wovon er spricht. Immer wieder berichtet er von den Widerständen von weißen Veranstalterinnen und Veranstaltern, wenn er in Ausstellungen nicht nur die Vergangenheit, sondern die Gegenwart des Rassismus präsentieren möchte. Tenor: Heutzutage sei doch alles viel besser. Die sogenannten Weißen sind es nicht gewohnt, auf ihre Hautfarbe reduziert zu werden – auch der vermeintlich politisch korrekte Begriff people of color legt nahe, die nicht unter ihn Fallenden seien gewissermaßen neutral. Sie fühlen sich nicht weiß, weil die Gesellschaft sie nicht täglich daran erinnert. Oder wie ein weißer Freund Thurams entlarvend am Telefon auf die Frage »Wenn ich schwarz bin, was bist du dann?« antwortete: »Naja … ich bin normal.« Rassismus, so Thuram, könne erst überwunden werden, wenn ihn auch die Weißen verstehen. Und sich weigern, Weiße zu sein.

In der antirassistischen Debatte ist vieles von dem, was Thuram schreibt, nicht neu. Die Erfindung des Weißseins im Zuge des Kolonialismus, die fortdauernde Auslöschung nichtweißer Geschichte, das Weißsein als politisches Konstrukt (je nach Gesellschaft gelten unterschiedliche Hauttöne als weiß) oder die Sexualisierung und sexuelle Ausbeutung der schwarzen Frau sowie die Infantilisierung des schwarzen Manns und zugleich die Furcht vor selbigem, all das kommt bekannt vor.

Die große Chance von »Das weiße Denken« aber liegt darin, dass der französische Rekordnationalspieler Thuram das Buch geschrieben hat. Er erreicht Milieus, von denen andere schwarze Autorinnen und Autoren nur träumen können. Neben dem unweigerlichen Shitstorm, so seine ­berechtigte Hoffnung, sollen die weißen Leserinnen und Leser zum Nachdenken gebracht werden. Thuram schont dabei auch die politische Linke nicht. »Wie oft habe ich mir anhören müssen, Rassismus sei zweitrangig, allein die soziale Frage zähle? Dieses Argument wird in der Regel von weißen Personen vorgebracht.« Und sei, so stellt Thuram zu Recht fest, oft ein bequemer Vorwand, das Ausmaß von systemischem Rassismus zu verleugnen. Teile der Linken dürften sich ertappt fühlen.

Das Buch geht mithin meilenweit über die üblichen Bekenntnisse zum Antirassismus im Fußball hinaus. Hilfreich ist der kluge Ton des einstigen Innenverteidigers, der als Autor so kompromisslos und elegant auftritt wie als Spieler. So wenig er seinen weißen Leserinnen und Lesern Honig ums Maul schmiert, so sehr liegt es ihm fern, sie niederzumachen oder sich in Revoluzzer-Pathos zu ergehen. Thuram klagt Unwissen und Ignoranz nüchtern an, in der Sache hart, aber im Ton versöhnlich. Er verlangt keine Reue, sondern Verständnis. »Mein Traum ist, dass wir alle an einem Punkt ankommen, an dem wir uns wehren, und uns unsere Gedanken nie mehr von unserer Race diktieren lassen.«

»Das weiße Denken« mag nicht die Neuerfindung des Antirassismus und Postkolonialismus sein, das Buch hat aber durchaus intellektuelle Verdienste. Zum einen die detaillierte historische Recherche. Anhand der jahrtausendelangen Massenversklavung Weißer innerhalb und außerhalb Europas und der Bedeutung von schwarzen Mächten wie Ägypten ­erinnert Thuram detailreich daran, dass Hautfarbe lange überhaupt keine politische Kategorie gewesen ist. Im späteren Verlauf des Buchs, wo vor allem französische Kolonialverbrechen in aller Drastik geschildert werden, leistet er auch einen wichtigen Beitrag zur Debatte über den Rassismus von Denkern der Aufklärung wie Immanuel Kant oder Montesquieu. Es hätten damals eben alle so rassistisch gedacht, heißt es gern, sie seien doch bloß Vertreter ihrer Zeit. Thuram aber leiht den vielen vergessenen, isolierten oder zensierten Denkern früherer Jahrhunderte eine Stimme, die Rassismus und Kolonialismus scharf kritisierten: Domingo de Soto, Martín de Ledesma Valderrama, Fernão de Oliveira, Bartolomé de Albornoz und viele weitere nennt er und gibt Auszüge aus kritischen Schriften. Man konnte all das wissen.

Zu guter Letzt ist auch die antiimperialistische Analyse der Gegenwart hilfreich. Wiederum am französischen Beispiel stellt Thuram detailliert die Gesetze dar, die dafür sorgen, dass die formal unabhängigen Staaten weiter abhängig bleiben. Das unabhängige Haiti beispielsweise musste von 1825 bis 1950 an seine frühere Kolonialmacht Frankreich horrende Entschädigungen zahlen, nachdem die Sklavenhalter ihre Sklaven verloren hatten; Zahlungen, durch die der Staat dauerhaft verarmte. Der Code Pétrolier behält französischen Firmen das Recht vor, in Algerien nach Öl zu suchen. Die Kopplung der Währung in vielen ehemaligen Kolonien an diejenige Frankreichs, die unter anderem dazu führt, dass der feste Wechselkurs sich wie eine Subvention auf Importe und eine gleichzeitige Steuer auf Exporte aus wirkt, denn die Währung vieler west- und zentralafrikanischer ehemaliger Kolonien ist so deutlich überbewertet. Thematisiert werden auch die Ausbeutung der Minen in Niger oder die Liquidierung dem Westen nicht genehmer Staatsführer wie Sékou Touré in Guinea, Thomas Sankara in Burkina Faso oder Sylvanus Olympio in Togo.

Bei der kapitalismuskritischen Analyse begibt sich Thuram allerdings ein wenig aufs Glatteis. Er postuliert auch den Kapitalismus als Teil des »weißen Denkens« und beschwört mehrfach die angebliche Naturverbundenheit indigener Völker. Nun kommt es gewiss darauf an, wie man Kapitalismus definiert: als Konsumideologie, als Erfindung des Wirtschaftswachstums, als Herrschaft durch Ausbeutung, als Akkumulation von Kapital? Es müssen nicht erst das alte chinesische Kaiserreich, die persischen Großreiche und die muslimischen Kalifate als Beispiele herhalten, um zu wissen, dass auch vor dem oftmals rassistisch begründeten Imperialismus nicht nur durch Waffen, sondern auch durch Wirtschaft geherrscht wurde. Die Hoffnung, der Kapitalismus werde verschwinden, sobald das »weiße Denken« untergeht, könnte sich als trügerisch erweisen.

Die Qualitäten dieses Buchs schmälert das nicht. Auch nicht für jene später Geborenen, die Lilian Thuram nur noch als Vater des ebenfalls antirassistisch engagierten Gladbacher Profis Marcus Thuram kennen. Überzeugend ist »Das weiße Denken« nicht zuletzt in seiner persönlichen Eindringlichkeit. Thuram erzählt, wie es sich anfühlt, als schwarzer Jugendlicher aus der Banlieue jede Polizeikontrolle zu fürchten oder in der Öffentlichkeit voller Furcht vor der Wut des Unterdrückten angestarrt zu werden, wenn man als Schwarzer eine Kapuze trägt.

Viele Jahre später kommen damit einige der Gefühle ans Licht, die 1998 im Black-blanc-beur-Jubel über den Weltmeistertitel des französischen Männernationalteams nicht gezeigt werden durften. 2011, fast 15 Jahre nach jenem Triumph, kam es in Frankreich zu einem Skandal, weil der französische Verband eine inoffizielle Quote zur Begrenzung der Zahl von Schwarzen und Nordafrikanern im Nationalteam verabredet hatte. Ernsthaft belangt wurde dafür niemand, schreibt Thuram. Black, blanc, beur? Sie waren nie alle gleich.

Lilian Thuram: Das weiße Denken. Aus dem Französischen von Cornelia Wend. Edition Nautilus, Hamburg 2022, 304 Seiten, 22 Euro