Ein Besuch in der Europäischen Kulturhauptstadt Kaunas in Litauen

Kaunas 2022 und der Krieg in der Ukraine

Die litauische Stadt Kaunas ist dieses Jahr Europäische Kultur­haupt­stadt. Veranstaltungen und Festivals reflektieren die Geschichte der Stadt und die gegenwärtigen Ereignisse.

»Unterstützt ihr das?« Täglich passiert ein Zug zwischen Moskau und der rus­sischen Exklave Kaliningrad den Hauptbahnhof der litauischen Stadt Vilnius. Der Transitzug wird mit einer russischen Durchsage empfangen. Sie fordert die Passagiere auf, aus dem Fenster zu blicken. Eine Fotoausstellung zeigt am Rande der Gleise Bilder von den Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine. Zerbombte Häuser und verzweifelte Zivilisten sind zu sehen, die Ansage verurteilt die russische Kriegspropaganda.

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Die Solidarität des baltischen Landes mit der Ukraine hat historische Wurzeln, sagt Virginija Vitkienė, die Direktorin von »Kaunas 2022«. Die Stadt Kaunas, die 90 Kilometer entfernt von Vilnius am Zusammenfluss von Neris und Memel liegt, ist neben dem serbischen Novi Sad und dem luxembur­gischen Esch dieses Jahr Europäische Kulturhauptstadt. An den Flussufern liegt die historische Burganlage von Kaunas, auf dem Vorplatz werden litauische Produkte angeboten. Filzhüte und Wollhandschuhe erinnern daran, dass es nur im Juli und August wärmer als 25 Grad wird. Die Küche ist deftig, Düfte von Sauerkraut und Schweinshaxe liegen in der Luft, das einheimische Bier fließt in Strömen, überall sind Wimpel in ukrainischen Farben zu sehen.

Wegen des Kriegs kamen seit Februar mehr als 50 000 Flüchtlinge aus der Ukraine nach Litauen, über 7 000 ließen sich in Kaunas nieder.

Spuren von Kriegen, Vertreibungen und Besetzungen sind in Kaunas noch überall gegenwärtig. Die Kulturhauptstadt versucht, diese Geschichte mit den gegenwärtigen Ereignissen in Beziehung zu setzen. Vor dem Park der Freiheit steht eine alte, aus Ziegeln gebaute Moschee. Seit dem 14.Jahrhundert lebten viele muslimische Tataren als Soldaten des litauischen Großfürsten in Kaunas. Das Europa von einst wird hier sichtbar. Moschee, orthodoxe Kirche und deutsches Gymnasium liegen in derselben Nachbarschaft. Litauer wohnten hier neben Russen, Polen, Deutschen und Tataren. Juden machten im Jahr 1900 etwa ein Drittel der Bevöl­kerung aus.

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine ist für viele Litauer eine Wiederholung imperialistischer Politik, wie sie sie selbst in ihrer Geschichte erleben mussten. Als das Baltikum im 18. Jahrhundert vom zaristischen Russland erobert wurde, schlossen die neuen Machthaber die Tore der Universitäten, der Druck von litauischsprachigen Texten in lateinischer Schrift wurde verboten, Russisch zur Amtssprache gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Litauen unabhängig, es begann eine kurze Blütezeit, in der Kaunas die Hauptstadt der jungen Republik war und eine architektonische moder­nistische Phase erlebte. In Stadtführungen kann der Besucher von »Kaunas 2022« die architektonischen Bauphasen verschiedener Zeitalter entdecken: die Gotik des Spätmittelalters, als Kaunas Hansestadt war, den Barock und Art-nouveau-Stil des Kaiserreichs oder die Zeit der Modernisten der republikanischen Phase.

Coworking Space für ukrainische Flüchtlinge im Postamt

Besser mit Maske. Im Coworking Space für ukrainische Flüchtlinge im Postamt

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Kaunas 2022

Im Kulturhauptstadtprogramm wird immer wieder auf »die Zeit zwischen den Kriegen« hingewiesen. Die Zwischenkriegszeit begann für Litauen eigentlich erst mit dem Ende des polnisch-litauischen Kriegs am 7. Oktober 1920 und endete mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939. »Die Litauer entwickelten in diesen zwei Dekaden einen an Paris angelegten modischen Chic, eine eigene Parfümindustrie, aus den Radios schallte vor allem litauische, polnische, jiddische und deutsche Musik, eine Literatur- und Kunstszene entstand«, reflektiert Vir­ginija Vitkienė.

Die Kunsthistorikern hat das Konzept von »Kaunas 2022« mit entwickelt. Sie betont immer wieder, dass es ihr und ihrem Team darum gehe, Kaunas eine verlorengegangene Identität zurückzugeben. »Wir nutzen 2022, sowohl um die Schönheit der Stadt wieder­zuentdecken als auch um uns mit dem Leid, das uns zugefügt wurde, das wir aber auch andern zugefügt haben, zu beschäftigen.«

Vitkienė kam 1975 in Kaunas auf die Welt, sie hat ein junges Team um sich gesammelt, die meisten wurden in den Achtzigern oder Neunzigern geboren. Die junge Generation soll sensibilisiert werden. Die ursprüngliche Multikulturalität in Kaunas wurde durch Besatzungen, aber auch die Kollaboration litau­ischer Nationalisten zerstört. »Am besten verstehen Besucher die Stadt, wenn sie sie bewusst und aufmerksam durchwandern«, sagt Vitkienė.

Der Besucher von »Kaunas 2022« kann sich in Apartments in Stadtvillen einmieten, zum Beispiel in die Villa Grabyte im Villenviertel Panemune am Ufer der Meme. Diese Gebäude lassen den Dekor und die Kultur der Zwischenkriegszeit wiederaufleben. Damals gab es in der Nachbarschaft ein Kurhaus, der Strand wurde von Frauen in zweiteiligen Badeanzügen bevölkert. Auf der politischen Ebene stürzte ein Militärputsch am 17. Dezember 1926 die im Mai von Bauernunion und Sozialdemokraten gebildete Regierung unter dem Vorwand der »Bolschewisierung Litauens« und brachte die Nationalisten unter Antanas Smetona als Präsidenten an die Macht, womit die autoritäre Periode der litauischen Unabhängigkeit begann; Smetona regierte im Lauf der Jahre immer diktatorischer. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Baltikum zunächst 1940 von der Sowjetunion und ab 1941 drei Jahre lang vom nationalsozialistischen Deutschland ­besetzt. Die Geschichte ist in Kaunas überall noch auffindbar. Verwaiste ­Gebäude fungieren als Zeitzeugen. Das Verschwinden des multikulturellen Kaunas war vor allem eine Folge der beiden Weltkriege, die Pogrome, Vertreibungen und Migration auslösten.

Im Zuge des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion wurde Kaunas am 24. Juni 1941 von deutschen Truppen eingenommen. Viele Litauer und Litauerinnen begrüßten die deutschen Soldaten zunächst als Befreier von der sowjetischen Okkupation, die ab Mitte Juni 1940 mit aller Härte vorangetrieben worden war. Kurz zuvor hatte der sowjetische Geheimdienst in Litauen rund 15 000 Personen verhaftet und ­deportiert; Juden wurde vorgeworfen, hinter den ­Deportationen zu stecken. Enteignungen und die Entmachtung der litauischen Armee und Regierung hatten antisemitische Tendenzen weiter befeuert, obwohl die jüdische Bevölkerung genauso von den Maßnahmen betroffen war.

Noch vor dem Eintreffen der deutschen Wehrmacht war es in Kaunas zu ersten Ausschreitungen seitens nationalistischer litauischer »Partisaneneinheiten« gegen die jüdische Bevölkerung gekommen, die die österreichische Historikerin Elisabeth Boeckl-Klamper in ihrem Aufsatz »Pogrome in Kowno (Kaunas/Kauen), Juni 1941« analysiert. Ihr zufolge nutzten die deutschen Besatzer antisemitische und an­tisowjetische Ressentiments eines Teils der einheimischen Bevölkerung, um weitere sogenannte Selbstreinigungsaktionen litauischer »Partisanenverbände« zu inszenieren; Massenerschießungen und Pogrome waren die Folge. Eine wichtige Rolle spielte »der – historisch unhaltbare – Vorwurf«, so Boeckl-Klamper, »die litauischen Juden wären Kollaborateure und Nutznießer der ­sowjetischen Okkupanten gewesen«.

»Unser Fokus für Kaunas 2022 war und ist Erinnerungskultur«, sagt Virginija Vitkienė. »Die aktuelle Situation hat auch mit dieser Geschichte zu tun. Die russische Führung begründet ­ihren Krieg mit der angeblichen Bekämpfung faschistischer Tendenzen. Aber das ist ein reiner Vorwand.« Umso wichtiger ist »Kaunas 2022« die Thematisierung der Geschichte. Besucher können sich von Einheimischen durch das jüdische Viertel von Kaunas führen lassen. Viele Häuser dort stehen leer und unter Denkmalschutz.

Die Erinnerungskultur ist Gegenstand der Kunst im öffentlichen Raum, die »Kaunas 2022« mit einer Wand­malerei-Ausstellung in der ganzen Stadt pflegt. Eine Wandmalerei des litauischen Künstlers Linas Kaziulionis zeigt ein Portrait von Leah Goldberg, die in Kaunas aufwuchs, dann in Berlin und Bonn semitische Philologie studierte, 1935 nach Tel Aviv auswanderte und eine der berühmtesten Dichterinnen Israels wurde. Eine Ausstellung im Hauptpostamt widmet sich vor allem der Auswirkungen der Sowjetdiktatur auf die Kunst- und Kulturszene. »Die litauische Bevölkerung hat die Angst vor Moskau stark internalisiert. Die 50- und 60jährigen erinnern sich noch an die sowjetische Zeit, noch ältere an Deportationen«, so Virginija Vitkienė.

Anders als in der Hauptstadt Vilnius leben heutzutage in Kaunas kaum ­Russen oder Polen unter den knapp 315 000 Bewohnern. Wegen des Kriegs kamen seit Februar mehr als 50 000 Flüchtlinge aus der Ukraine nach Litauen, über 7 000 ließen sich in Kaunas nieder. Sie wurden dort mit viel Solidarität empfangen. Demonstrationen, Konzerte und andere Veranstaltungen fanden statt. Die Solidarität mit der Ukraine ist ein Teil des Programms von »Kaunas 2022« geworden. Der litauische Künstler Tadas Vincaitis fertigte ein Wandbild in der Innenstadt, ein Siegeszeichen in ukrainischen Nationalfarben, überall sind ukrainische Fahnen und Farben im Stadtbild zu sehen.

Die Kunstszene versucht, aus dem Schatten der Hauptstadt Vilnius herauszutreten. »In diesem Jahr strömen immer mehr Besucher aus Vilnius nach Kaunas«, sagt Neringa Kulik stolz. Die Kulturmanagerin ist in der Stadt geboren und aufgewachsen und die Organisatorin der örtlichen Kunstbiennale. Kaunas war die erste Hauptstadt der Republik Litauen und ist die Stadt mit den meisten Studenten und Studentinnen. Zu Sowjetzeiten sei die Stadt für ­ihren zivilen Ungehorsam und ihre Treue zu bürgerlichen Werten bekannt gewesen, betont Kulik.

Postamt Kaunas

Diente einmal als Gestapohauptquartier, dann als Sitz des KGB: das historische Hauptpostamt von Kaunas

Bild:
Sabine Küper-Büsch

Das Hauptpostamt ist einer der Hauptveranstaltungsorte von »Kaunas 2022«. Es war einmal das Hauptquartier der Gestapo, danach der Sitz des KGB. Das 1930 nach Plänen des Architekten Feliksas Vizbaras erbaute modernistische Gebäude wurde 2020 von der litauischen Regierung zum Kulturdenkmal erklärt. »Wir hatten uns jahrelang dafür eingesetzt«, sagt Kulik. Auch die Kunstbiennale nutze das Gebäude schon als Ausstellungsort.

Gerade zeigt »Kaunas 2022« mit der Ausstellung »1972« einen bedeutsamen Teil litauischer Zeit- und Kunstgeschichte: Formen friedlichen Widerstands gegen die Sowjetunion und ihren Einfluss auf die Bildende Kunst, das Theater, die Film- und Musikkultur sind der Gegenstand. Im ersten Raum erinnern Fotos und Objekte an Romas Kalanta, einen 19jährigen Schüler aus Kaunas, der die Beatles liebte und Gitarre spielte. Der junge Mann übergoss sich am 14. Mai 1972 mit Benzin und zündete sich vor dem Theater unweit des Postamts an. Zuvor hatte er eine Nachricht auf einen Zettel geschrieben: »Nur das Regime trägt Verantwortung für meinen Tod.«

Die polnische Kuratorin Paulina Maloy vom Wrocławski Instytut Kultury hat eine der Schwitzhütten ausprobiert. »Erinnert sehr an die finnischen Saunen«, sagt sie.

Neringa Kulik ist 36, sie hat diese Zeit nicht miterlebt. »Für unsere Generation und die Jüngeren sind diese Aufarbeitungen wichtig, um das gerade Geschehene zu verstehen.« Die Ausstellung dokumentiert die Demons­trationen nach der Selbstverbrennung des Schülers. Sie wurden von den ­Sowjets niedergeschlagen. Die Kunst der siebziger Jahre nach der Niederschlagung von Protesten in verschiedenen Sowjetrepubliken berührt auch heute noch. Ein Gemälde zeigt das Innere eines Fahrzeugs, das an einem Schild mit der Aufschrift »Dresden« und »Meissen« vorbeifährt. Drei junge Menschen sitzen darin, das Mädchen im Vordergrund hat einen Minirock an. Es ist das Jahr 1976, Kostas Dereškevičius nannte sein Bild »Mikroautobuzu Drezdena«, Minibus nach Dresden. Der 1937 geborene Maler versuchte damals, Alltagsszenen einzufangen, die Ausbrüche aus dem Sowjetalltag Litauens zeigen. »Das Bunte, was Vilnius und Kaunas heute auszeichnet, die Aufgeschlossenheit der Leute – das ist neu«, sagt Kulik. Sie blickt mit Sorge auf die russische Expansionspolitik, aber auch voller Kampfgeist. Jetzt gelte es, solidarisch zu sein.

Die Initiative »Die Ukraine im Herzen Litauens« wurde gegründet, um Flüchtlinge in das Kulturhauptstadtprogramm mit einzubinden. Ein Treffpunkt für Ukrainer in Kaunas ist das Hauptpostamt. Im dritten Stock wurde unter dem Label »CulturEUkraine« ein offener kreativer Raum für ukrainische Familien, Kinder und Künstler geschaffen, die in Kaunas vorübergehend zu Hause sind. Sie können dort in Coworking Spaces arbeiten, an kunsttherapeutischen Sitzungen teilnehmen und auch ausstellen.

Neringa Kulik bei einem Workshop von Magic Carpets

Pink ist Trumpf. Neringa Kulik bei einem Workshop von Magic Carpets

Bild:
Sabine Küper-Büsch

Aurelija Prašmuntaitė ist eine der Organisatorinnen von »Kaunas 2022« und für Kinder- und Jugendaktivitäten verantwortlich. Die großen Fenster des Raums, in dem sie gerade eine Teambesprechung macht, blicken auf den Platz am Ende der Laisvės-Allee, auf dem Romas Kalanta seinem Leben ein Ende setzte. Prašmuntaitė arbeitet an einem Theaterstück für Kinder, das in Pantomime die Kriegstraumata der ukrainischen Geflüchteten andeuten soll. Sie hat Traumatherapeuten in ihrem Team, die die Teilnehmer betreuen. An der Wand hängen Kinderzeichnungen, überall steht »Slawa Ukrajini«, »Ruhm der Ukraine«.

Die Halbzeit von »Kaunas 2022« wurde Ende Mai mit einigen zentralen Veranstaltungen dort gefeiert, wo die Flüsse Neris und Nemunas (Memel) aufeinandertreffen. »The Confluence« hieß das zweite von drei das Kulturhauptstadt-Programm strukturierender Festivals. An der Burg Kaunas trat eine Seiltänzerin auf, Drachen flogen über den Flüssen, der britische Performance-Regisseur Chris Baldwin unterhielt das Publikum mit einer großen Lichtshow an den Flussufern.

Bei einem Stadtrundgang springt das im 16.Jahrhundert gebaute Rathaus ins Auge. Wegen seiner hohen, weißen Gestalt wird es »Weißer Schwan« genannt und repräsentiert den Reichtum des Spätmittelalters, als Kaunas eine Hansestadt war. Im Park der Freiheit an den Flussufern hat eine Firma Saunahütten aufgebaut. Besucher können saunieren und danach in die kalte Memel springen. Litauer tragen in der Sauna Filzmützen, um das Schwitzen zu intensivieren, und schlendern in Bademänteln am Flusslauf entlang.

Die polnische Kuratorin Paulina Maloy vom Wrocławski Instytut Kultury, dem Kulturinstitut Breslau, hat eine der Anlagen ausprobiert. »Erinnert sehr an die finnischen Saunen«, berichtet sie ihrer Kollegin Anna Gaidai von der Jam Factory in Lwiw. Die beiden Frauen sitzen mit Neringa Kulik in einem Workshop der Organisation Magic Carpets und tauschen Eindrücke über die Auswirkungen des Kriegs aus. Magic Carpets ist ein von der Biennale in Kaunas initiierter Zusammenschluss von 16 europäischen Kulturinstitutionen und Festivals, die ein von der EU gefördertes Austauschprogramm für junge Künstler und Kuratoren gestalten.

Die Frauen planen, wie Magic Carpets ukrainische Künstler unterstützen kann. Die Jam Factory hat ein Förderprogramm für »Künstler im Krieg« initiiert; die Industrieanlage in Lwiw wird noch restauriert, eigentlich sollte sie diesen Sommer eröffnet werden. Doch wie die Zukunft aussieht, ist ungewiss. »Kaunas 2022« ist in der gegenwärtigen politischen Situation ein hervorragender Ort, um die Stimmung in Staaten nahe der Ukraine zu verstehen. Eine faszinierende Stadt, die ein vortreffliches Kunst- und Kulturprogramm in historischer Kulisse bietet, das sehr nachdenklich stimmt.