Der analoge Mann ergibt sich der digitalen Revolution

Der analoge Mann

Aus Kreuzberg und der Welt: Mit einer Handvoll Dollar.

Im Second-Hand-Plattenladen »Manic Portland« in Portland, Maine, funktioniert meine EC-Karte plötzlich nicht mehr. Ich bezahle sechs Novelty-Singles mit meinem letzten 20-Dollar-Schein. Oder genauer: Es sind Julias Dollars. Schon wieder bin ich abhängig von meiner Freundin und unserer Freundin Liz.

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Es ist nicht wirklich kein Problem, denn Julia und ich sind seit 25 Jahren zusammen. Wir haben genug Geld. Ich sehe in Portland viele Leute, die auf der Straße leben und für die so etwas ein Luxusproblem wäre. Trotzdem bin ich wütend. Wir sind noch nicht mal eine Woche unterwegs, zwei kommen noch und ich bin jetzt schon frustriert. Es scheint, als wäre ich für den Rest der Reise blank. Aber zurück zum Anfang.

Auch im nächsten Plattenladen funktioniert meine Karte nicht, auch nicht in dem Supermarkt, in dem sie einen Tag vorher noch ging. Am Nachmittag rufe ich mit Liz’ Handy und ihrer Hilfe die Nummer der Commerzbank-Hotline an, die hinten auf der Karte steht. Dafür muss Liz erst mal beim Kundenservice ihrer Telefongesellschaft anrufen. Ich hätte schon längst aufgegeben, aber Liz versichert: »Don’t worry. I’m good at this!« Es geht hin und her. Sie scheint fast ein bisschen Spaß dabei zu haben.

Dann steht endlich die Telefonverbindung mit der Commerzbank und ich hänge eine Stunde in der Warteschleife. Ja, eine Stunde. In der Warteschleife. Zum Verrücktwerden. Liz und Julia lesen, ich döse langsam weg. Es ist elf Uhr abends in Deutschland. Ich stelle mir vor, wie eine einzige Person im einzigen noch erleuchteten Büro im Commerzbank-Headquarter in Frankfurt am Main alle Anrufe, die weltweit eintrudeln, abarbeiten muss. Plötzlich ist die Musik weg. Ein Knistern …

»Ja, hallo, hier ist der 24-Stunden-Kundenservice der Commerzbank. Wie kann ich Ihnen ­helfen?«
»Schönen guten Tag, hier ist Andreas Michalke. Ich bin gerade im Urlaub in den USA und meine Karte funktioniert nicht mehr.«
»Für das Sperren ihrer Kreditkarte gibt es eine andere Nummer. Soll ich Ihnen die Nummer ­geben?«
»Nein, es ist keine Kreditkarte. Ich habe eine ganz normale Girocard. Und die soll auch nicht gesperrt werden! Die hat bis vorgestern funktioniert. Ich dachte, vielleicht liegt es an dem Magnetstreifen, weil hier in Amerika gern durchgezogen wird, während in Deutschland gesteckt wird. Aber daran liegt es nicht.«
»Haben Sie denn große Beträge abgehoben? Der Kreditrahmen der Commerzbank geht normalerweise nur bis 2 000 Euro.«
»Nein! Das waren nur kleine Beträge im Supermarkt. Einmal 45 Dollar und einmal ungefähr 30. Und da hat es auch noch einwandfrei funktioniert.«
»Okay, dann geben Sie mir mal ihre Zugangsdaten für das Online-Banking.«
»Ich mache kein Online-Banking und ich habe auch kein Handy.«
»Oh … ja, dann kann ich Ihnen leider nicht helfen. Ohne Online-Banking darf ich Ihnen keine Informationen geben.«
»Hören Sie: Ich will, dass Sie mir jetzt helfen! Ich kann Ihnen doch meine ganzen persönlichen Daten geben und Sie verifizieren die dann. Was wollen Sie wissen? Ich kann Ihnen alles über mich sagen.«
»Ohne Online-Banking kann ich Ihnen leider keine Information geben. So habe ich auch gar keinen Einblick in Ihre Kontoangelegenheiten. Ich könnte Ihre Anfrage allerdings an Ihre Filiale schicken, die sich dann morgen bei Ihnen meldet.«

Mit der Zusage endet das Gespräch. Mal sehen, wie die Geschichte morgen endet, denke ich, aber viel Hoffnung, dass das Blatt sich noch wendet, habe ich nicht. Höchstwahrscheinlich werde ich bis zum Ende der Reise ohne Karte bleiben. Aber eines ist jetzt schon klar: Der analoge Mann ist am Ende seines analogen Weges angekommen. Ich habe genug.

Mein Vorsatz: Wenn wir wieder zu Hause sind, kauf ich mir als Erstes ein Handy. Ein neues, ­teures, supercooles noch dazu. Wenn schon, denn schon. Manchmal brauchen wir ja eine Reise, um zu erkennen, auf was für Abwegen wir gelandet sind. Meine jahrelanger, trotziger, sinnloser Kampf gegen digitale Windmühlen ist jedenfalls hier zu Ende.

Und dann ruft am nächsten Tag tatsächlich ein freundlicher junger Mann von der Commerzbank bei uns in Maine an und versichert mir, leicht berlinernd: »Ja, Herr Michalke, mit Ihrem Konto ist alles in Ordnung. Von hier aus ist nichts gesperrt. Vielleicht haben sie ja nur Probleme, weil viele Geschäfte in den USA die Maestro-Karte nicht akzeptieren. Versuchen Sie es doch einfach heute noch mal.«